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Lokale Ökonomie, Empowerment und die Bedeutung von Genossenschaften für die Gemeinwesenentwicklung

Geschrieben von Susanne Elsen am .

Überlegungen aus der Perspektive der Sozialen Arbeit


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Prof. Dr. Susanne Elsen, Fachhochschule München, Tel: 089 12652323, e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Inhalt:


Viele gesellschaftliche Kräfte unterschiedlicher Orientierungen sehen heute in der Herausbildung eines lokalökonomischen Basissektors außerhalb der weltmarktorientierten Ökonomie eine der wichtigsten Antworten auf die sozialen Fragen, die die neoliberale Globalisierung aufwirft 1). Gemeinwesenökonomie ist ein Gegenmodell zur dominierenden reinen Marktlogik und es steht heute wie historisch im Gegenwind. Die Realisierung von eigenständig tragfähigen Modellen solidarischen Wirtschaftens im Gemeinwesen aus dem Kontext der lokalen Sozialpolitik ist alleine aus diesem Kraftfeld sehr schwierig, auch wenn die neuen Förderlogiken staatlicher Programme zu integrierten Handlungsansätzen in städtischen und ländlichen Krisengebieten ein Umdenken in die richtige Richtung zu suggerieren scheinen.
Die Bedingungen zur Herausbildung eigenständiger gemeinwesenökonomischer Lösungen werden aus verschiedenen Gründen eher schwieriger. Hierzu gehören die verschärften Kriterien für Kreditvergaben durch die Banken ebenso wie die voranschreitende Privatisierung, der Konkurrenzdruck auf das örtliche Gewerbe oder der Abbau sozialstaatlicher Leistungen und die Verschärfung des Drucks auf Arbeitslose und Sozialhilfeberechtigte, die Einführung von Niedriglohnjobs und vieles mehr. All dies spricht gegen die Förderung von lebensdienlichen lokalökonomischen Alternativen.
Das kann jedoch kein Grund sein, dieses Entwicklungsfeld Sozialer Arbeit zu vernachlässigen. Gemeinwesenökonomie wäre Feld einer Sozialen Arbeit, die sich ihrer historischen Wurzeln ebenso bewusst ist wie der derzeitigen gesellschaftlichen Situation, die zwingend lebensdienliche ökonomische Alternativen zur reinen Marktlogik erfordert 2).
Soziale Arbeit beschränkt sich weder in ihrer Geschichte noch in der Gegenwart auf die individualisierende und reaktive Bearbeitung sozialer Probleme, sondern suchte stets alternative soziale und ökonomische Lösungen mit benachteiligten und ausgegrenzten Gruppen 3). Für die aktuelle internationale Entwicklung des Community Development von Asien über die USA, Kanada oder Südamerika 4) ist die Herausbildung lokaler Kooperativunternehmen selbstverständlicher Bestandteil.
Dies gilt es aus der deutschen Perspektive, dem Sonderweg der Gemeinwesenarbeit, zu bedenken. Diesen Sonderweg hat die Gemeinwesenarbeit jedoch, wie Dieter Ölschlägel richtig anmerkt, mit der Praxis der Gemeinwesenökonomie bereits verlassen 5). Innovative Praxis hat sich aus den konkreten Problemlagen durch Mandatsnahme und Grenzüberschreitungen neue unkonventionelle Lösungswege geschaffen und schafft durch die tägliche Pionierarbeit gleichzeitig die Grundlagen dieser Arbeit. Die professionellen und institutionellen Voraussetzungen der Gemeinwesenökonomie in Deutschland sind also nicht gegeben und "große Würfe" der Gemeinwesenökonomie werden unter den gegebenen Bedingungen in und aus der Praxis der Sozialen Arbeit die Seltenheit bleiben, aber kleine, konsequente Schritte sind im Alltag nahezu aller Felder der Sozialen Arbeit möglich. Zu diesen Schritten gehört die bewusste Stärkung der zivilgesellschaftlichen Basis incl. der Suche nach alternativen Finanzierungswegen und Trägerstrukturen, die Einführung des Identitätsprinzips von Betroffenen und Beteiligten und die Integration relevanter Lebensbereiche in spezifische Lösungsansätze die sich an den konkreten Lebenslagen orientieren. Gleichzeitig ist es erforderlich, die politischen Voraussetzungen für neue Lösungen zu erwirken und dagegen zu kämpfen, dass die historisch erarbeiteten Werte und politischen Errungenschaften der Gemeinwesen vollständig aufgegeben werden. Individuelle Rechtsansprüche auf soziale Sicherung und der Zugang zu öffentlichen Gütern sind nicht durch Gemeinwesenökonomie ersetzbar, wohl aber nachhaltig gestaltbar. Gemeinwesenökonomischer Ansätze sollen Optionen auf der Basis freiwilliger Assoziation von BürgerInnen bleiben und auch wenn die Lebensgrundlagen der Gemeinwesen, das "gemeine Eigene" endgültig vermarktet sind, bleiben auch keine Optionen für die Gemeinwesenökonomie. Gerade zur alternativlosen Privatisierung wäre die Gemeinwesenökonomie als Möglichkeit der Vergesellschaftung zentraler Lebensbereiche eine lebensdienliche Alternative.
Die Kernideen der Gemeinwesenökonomie - gesellschaftliche Teilhabe aller, Nachhaltigkeit, Demokratie und Selbstorganisation - sind für zukunftsfähige Organisation des Sozialen generalisierbar. Dass die Gemeinwesenökonomie das soziale Wirtschaften ins Zentrum stellt, ist vor dem Hintergrund der Entwicklungen in den Gemeinwesen und den Erfordernissen der Nachhaltigkeit zu erklären. Da wir uns auf einem noch zu bestellenden Feld bewegen, möchte ich meinen Beitrag zu seiner Bearbeitung leisten indem ich im Folgenden einige Fragestellungen diskutiere, die mir für das konzeptionelle Verständnis der Gemeinwesenökonomie als zentral erscheinen. Ich stelle dann kleine Schritte in die aus meiner Einschätzung richtige Richtung vor und begründe anschließend, warum genossenschaftliche Organisationsformen historisch und aktuell den Erfordernissen der Ökonomie des Gemeinwesens am ehesten gerecht werden können. Abschließend stelle ich die Frage der Voraussetzungen. Ich beziehe mich neben eigenen Überlegungen und Erfahrungen insbesondere auf die Ausführungen von John Cobb 6) sowie auf die Position des St. Galler Wirtschaftsethikers Peter Ulrich 7).


1. Gemeinwesenökonomie – wovon spreche ich?

Unter Gemeinwesenökonomie 8) verstehe ich sozial eingebundenes wirtschaftliches Agieren in einem lokalen oder regionalen Kontext. Es dient nicht primär der privaten Profitmaximierung und orientiert sich nicht am Weltmarkt, sondern an der Bedarfsdeckung, Existenzsicherung und gesellschaftlichen Integration der örtlichen Bevölkerung.
Gemeinwesenökonomie dient der Erhaltung der materiellen und nicht-materiellen Lebensgrundlagen des Gemeinwesens und soll den Zugang aller Gesellschaftsmitglieder, insbesondere der benachteiligten, an diesen Lebensgrundlagen gewähren. Sie sichert die sozialen und ökonomischen Teilhaberechte auf lokaler Ebene, die den Benachteiligten unter den Folgen der neoliberalen Globalisierung sowohl in den reichen als auch in den unterentwickelt gehaltenen Weltregionen zunehmend vorenthalten werden. Es geht um die selbstbestimmte Nutzung der Potentiale der Bevölkerung, die Erhaltung des Sozialen Kapitals und die Sicherung, Nutzung und Schaffung dessen, was Menschen zum Leben brauchen. Dazu gehören ein Dach über dem Kopf, Grund und Boden, eine existenzsichernde Arbeit, eine angemessene Infrastruktur, sauberes Wasser etc..
Gegenüber dem Begriff "Lokale Ökonomie", der insbesondere in europäischen Förderprogrammen zur integrierten Problemlösung städtischer und ländlicher Krisenregionen Verwendung findet und der insbesondere die vorhandene gewerbliche Wirtschaft vor Ort meint, verstehe ich Gemeinwesenökonomie als wirtschaftlichen Kern des sozialen Zusammenlebens und Basis nachhaltiger Entwicklung.
Dabei sind die Grenzen zwischen Arbeitsfeldern der formalen gewerblichen Wirtschaft, der Subsistenzwirtschaft, Eigenwirtschaft, Kooperativökonomie und informellen Ökonomie ebenso fließend wie die Formen der Tätigkeiten, die Erwerbsarbeit, Nachbarschaftshilfe, Eigenarbeit und bürgerschaftliches Engagement umfassen.
Gemeinwesenökonomie hat das soziale Ganze im Blick und entzieht sich der ausschließlichen Steuerung durch die Kapitallogik, die aus der Sicht neoliberaler Theorie und Praxis das Marktgeschehen ohne Berücksichtigung der gesellschaftlichen Grundlagen allen Wirtschaftens, quasi als autistisches System steuert. Gemeinwesenökonomie ist zu verstehen als Solidarökonomie 9), die maßgeblich auf dem gesellschaftlichen Steuerungsmodus Solidarität basiert und Solidarität erzeugt 10).
Oskar Negt bezeichnet die Ökonomie des Gemeinwesens als Zweite Ökonomie, die im Kampf mit der Ersten, der Ökonomie der toten Arbeit und der Kapitallogik steht. "Die Zweite Ökonomie greift den abgerissenen Faden des klassischen ökonomischen Denkens wieder auf und rückt den Lebenszusammenhang der Menschen, ihre konkrete Lebenswelt, ins Zentrum der Betrachtungen. 11)"
Bezüglich ihrer Reichweite und Verbreitung in den westlichen Industrieländern sind Ansätze, die nach diesem Verständnis als Gemeinwesenökonomie bezeichnet werden können, verschwindend gering. Ihre Bedeutung jedoch und auch ihre Anzahl wachsen. Es sind konsequente lokale Gegenentwürfe zu den Ausgrenzungs- und Entgrenzungsprozessen, oder als "Kinder der Not" gezeugte Formen der Armutsökonomie, die Potentiale der Gemeinwesenökonomie enthalten. Oskar Negt weist die Richtung, in der "das Neue" zu suchen ist; "Die Alternativen zum bestehenden System (sind) nicht in dem abstrakt-radikal Anderen zu suchen und zu finden (...), sondern auf der Unterseite der bestehenden Verhältnisse, in ihren konkreten Prägungen und ihren einzelnen Krisenherden. Die Potentiale des besseren Anderen bleiben gleichsam im Schattenbereich und fügen sich nicht zu einer kollektiven Gegenmacht zusammen. 12)"
In den armen und unterentwickelt gehaltenen Regionen der Welt sind traditionelle Formen der Gemeinwesenökonomie, die der dargestellten Logik entsprechen oder nahe kommen, nach wie vor die wichtigste Basis der Existenzsicherung. Da wir eher davon ausgehen müssen, dass die Armut der "dritten Welt" zu uns kommt als unser Wohlstand zu ihr, sollten wir uns verstärkt mit dem Wissen und Können auseinandersetzen, welches in anderen Weltregionen unter existenziellen Herausforderungen generiert wurde. So wie es für die Suche nach best-practice-Modellen angeraten ist, die Grenzen des eigenen Landes oder auch Kontinents zu verlassen, so ist dies auch bei der Suche nach den theoretischen Grundlagen zukunftsfähiger Lösungen der Fall 13). Der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen oder der bengalische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus haben aus der Perspektive der Gemeinwesenökonomie wichtige theoretische Grundlagen zu bieten 14).
Zusammenfassend formuliere ich folgende Ziele der Gemeinwesenökonomie im Kontext Sozialer Arbeit:

  • Kleine Schritte in Richtung einer stärkeren Unabhängigkeit gegenüber den Zumutungen des Marktes und den Unwägbarkeiten des Staates durch die Förderung von Selbstorganisation in den Lebensbereichen, die Menschen unmittelbar tangieren.
  • Die Sicherung demokratischer Teilhabe und des Zugangs zu materiellen Lebensgrundlagen insbesondere der für den Weltmarkt "Überflüssigen".
  • Die selbstbestimmte Nutzung der Potentiale durch Menschen, deren Arbeit im globalen Markt immer weniger gebraucht wird und immer mehr an Wert verliert.
  • Die Erhaltung des "Sozialen Kapitals" vor dem Hintergrund der Zerstörung der Solidarzusammenhänge. Nachhaltige Entwicklung, in deren Zentrum die lebendige Arbeit steht.

Diese Ziele schließen alle Aktivitäten aus, die auf die reine Verwertung oder gar Entwertung von Menschen 15) zielen. Gemeinwesenökonomie ist keine verordnete Kontroll- und Integrationsform für die, die mit der Aussperrung aus dem ökonomischen System aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Ansprüchen ausgeschlossen werden 16).

1.1 Gemeinwesenökonomie und Bürgergesellschaft

Gemeinwesenökonomie ist ein Weg zur Einlösung des BürgerInnenstatus im Sinne des Republikanischen Liberalismus 17), nach dessen Vorstellung dieser Status volle Teilhabe, Teilnahme und Teilgabe 18) in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen, also im politischen, sozialen, und wirtschaftlichen Bereich beinhaltet. Dieses gesellschaftliche Leitbild setzt starke Bürgerrechte voraus, die neben elementaren Persönlichkeitsrechten (Menschenrechten) und Staatsbürgerrechten (politischen Teilnahmerechten), auch Wirtschaftsbürgerrechte (sozioökonomische Existenz- und Teilhaberechte) beinhalten. Der BürgerInnenstatus "definiert die Stellung der Menschen unabhängig vom relativen Wert ihres Beitrags zum Wirtschaftsprozess. 19)" Er beinhaltet Teilnahme- und Anspruchsberechtigung im sozialen Sicherungssystem. Rolf Dahrendorf: "Die grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte sind für Menschen jedoch kaum von Bedeutung, wenn sie aus Gründen, über die sie keine Gewalt haben, nicht fähig sind, von ihnen Gebrauch zu machen. Daher sind diese grundlegenden Rechte in ihrer Wirksamkeit an eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen geknüpft, die gegeben sein müssen, damit die Menschen auch fähig sind, von diesen Rechten Gebrauch zu machen. 20)" BürgerInnen jedoch von aktiver Teilhabe auszusschließen und zu wohlfahrtstaatlichen Objekten zu degradieren, macht aus ihnen BürgerInnen zweiter Klasse, denn unter Bürgergesellschaft wird eine demokratische Gesellschaft verstanden, die sich durch Selbstorganisation und vielfältige Mitwirkung kennzeichnet 21). Der BürgerInnenstatus impliziert also nicht nur ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand in Form von Absicherung, sondern Teilgabe und Gestaltungsmöglichkeiten mündiger BürgerInnen. Objekthafte Fürsorge ist mit diesem Verständnis 22) ebenso wenig kompatibel wie der Zwang zum Erbringen von Gegenleistungen für Versorgungsansprüche etwa im Sinne von Pflichtarbeit im gemeinnützigen Sektor als Gegenleistung für Transfergeldbezug.
Im Zusammenhang der aktuellen Diskussion um die Bürgergesellschaft erscheinen mir mit Bezug zur Ökonomie des Gemeinwesens zwei Aspekte als erwähnenswert, die hier nur gestreift werden können: Bürgerinnen und Bürger haben umfassende Rechte und Pflichten in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Als WirtschaftsbürgerInnen sind sie zugleich Wirtschaftssubjekte und moralische Personen, die ihre staatsbürgerschaftliche Verantwortung im Wirtschaftskontext nicht abstreifen, sondern auch dort "an der "Res publica", der öffentlichen Sache des guten und gerechten Zusammenlebens in einer wohlgeordneten Gesellschaft freier und gleicher Bürger, Anteil nehmen. 23)" Zweitens nimmt auch in Deutschland seit einiger Zeit die Diskussion um Unternehmen als "gute Bürger" im Gemeinwesen ("Corporate Cityzenship") einen breiten Raum ein. Eine Vertiefung dieser Diskussion und ihrer Schieflagen ist an dieser Stelle nicht möglich 24). Es gilt aber zu vermerken, dass gerade bei den Transnationalen Konzernen die Kritik der Globalisierungsgegner und wahrscheinlich auch die Verelendungen und Zerstörungen ganzer Volkswirtschaften durch die ungezügelten Marktmechanismen zu neuen Legitimationszwängen geführt haben.
Der Status der WirtschaftsbürgerIn impliziert die Option bürgerschaftlicher Selbstorganisation von Arbeit im Gemeinwesen, wie sie in Formen freier Assoziationen in der Geschichte und Gegenwart praktiziert wurde und wird. Genossenschaftliche Assoziationsmuster eröffnen unter den gegebenen Bedingungen neue Möglichkeiten bürgerschaftlicher Kooperation und Absicherung auf Gegenseitigkeit durch die produktive Nutzung der Potenziale von Bürgerinnen und Bürgern 25). Wirtschaftsbürgerschaftliche Verantwortungsübernahme kann auch heißen, als Promotorin eigene Kompetenzen und Ressourcen zugunsten gemeinwesenökonomischer Lösungen einzubringen 26).

1.2 Gemeinwesenökonomie und Empowerment

Gemeinwesenökonomie steht in der Tradition des emanzipatorischen und demokratisierenden Community-Development und zielt auf Selbstorganisation in der Zivilgesellschaft. Empowerment als professionelle Haltung in der Sozialen Arbeit bedeutet, insbesondere den "Ohnmächtigen" die Erfahrung gemeinsamer Handlungsmächtigkeit als Fundament schrittweiser Aneignung von Kontrolle und Gestaltung ihrer Lebenszusammenhänge zu ermöglichen 27). Es handelt sich beim Empowerment nach Herriger "um einen konflikthaften Prozess der Umverteilung von politischer Macht, in dessen Verlauf Menschen oder Gruppen von Menschen aus einer Position relativer Machtunterlegenheit austreten und sich ein Mehr an demokratischem Partizipationsvermögen und politischer Entscheidungsmacht aneignen. 28)"
Eigene und gemeinsame Belange selbst zu organisieren, Kompetenzen zu nutzen, Optionen für ökonomische und soziale Selbstorganisation und Selbsthilfe zu erschließen, dies sind die Ziele der Gemeinwesenökonomie aus der Perspektive des Empowerment. Das dabei Wirtschaften im Zentrum steht, liegt in der Lebenslage der Betroffenen begründet. Eigenständige Existenzsicherung und wirtschaftliches Tätigsein sind insbesondere für die Menschen von zentraler Bedeutung, denen diese Möglichkeiten vorenthalten werden und denen aus ökonomischen Gründen auch attraktive alternative Betätigungsfelder fehlen. Die Verbesserung der eigenen und gemeinsamen materiellen Lebenssituation ist ein zentrales Anliegen sozioökonomisch benachteiligter Menschen.
Es geht bei der Idee der Gemeinwesenökonomie auch um die Beeinflussung der strukturell ungleichen Verteilung von Ressourcen, Macht und Einfußnahme zugunsten Benachteiligter 29) und den nachhaltigen Aufbau von Interessenvertretung. Auch diesen Aspekt gilt es aus der Perspektive des Empowerment auf struktureller Ebene zu berücksichtigen. Die Interessen der Benachteiligten sind nicht organisiert und haben keine gesellschaftliche Lobby. Die Wohngebiete Benachteiligter sind die, die bei besonderem Ressourcenbedarf am ehesten vernachlässigt werden und infolge von Desinvestition in die Abwärtsspirale benachteiligender und ausgrenzender Lebensbedingungen abgleiten. Die Symptome dieser gesellschaftlichen Benachteiligung lassen sich trefflich für Schuldzuweisungen, Diskriminierungen und weitere Ausgrenzungen missbrauchen 30). Das konzentrierte Zusammenleben Benachteiligter in segregierten Wohngebieten bildet die Problematik räumlich ab. Die Lebenssituation verstärkt die Chancenlosigkeit der Menschen, die alternativlos von unsicheren und unzureichenden Transferleistungen oder prekären Gelegenheitsjobs leben müssen und zudem mit Schuldzuweisungen konfrontiert werden. Gerade in diesen Wohngebieten liegen potentielle Handlungsfelder der Gemeinwesenökonomie buchstäblich vor der Tür derer, die mit der Aussonderung aus den ökonomischen auch zunehmend aus den sozialen, politischen und kulturellen Zusammenhängen herausfallen. Diese Handlungsfelder liegen im Wohn- und Wohnumfeldbereich, in der kooperativen Organisation eigener und gemeinsamer Belange des Alltags, z.B. Familienentlastungsdiensten, der Gestaltung und Nutzung von Boden für community-gardening, gemeinsamer Nutzung langfristiger Gebrauchsgüter etc.
Alles dies sind mögliche Felder und erste Schritte der produktiven Aneignung und kooperativen Gestaltung von Alltagszusammenhängen. Sie sind geeignet, den psychiatrisierenden Folgen von Ausgrenzung entgegen zu wirken und Empowerment einzuleiten.
Saul Alinsky hatte mit seinem Konzept des community-organizing, dem Aufbau von Interessenvertretung und –durchsetzung durch Benachteiligte das skizzierte Problem im Blick. Die Chancenlosigkeit der artikulationsschwachen Gruppen im Gemeinwesen erfordert den Aufbau organisierter Gegenmacht. Der Prozess der Machtbildung vollzieht sich durch die Bündelung der Kräfte der Machtlosen in Strategien der Auseinandersetzung mit starken gesellschaftlichen Kräften und in der gemeinsamen Durchsetzung von Zielen die das eigene und gemeinsame Leben betreffen. Die Lebenszusammenhänge mit den Betroffenen vor Ort, nicht für sie zu gestalten, ist der Ansatz des Empowerment in der Tradition des community-work, denn die gemeinsame Organisation des Alltags ist wirksamster Garant sozialer Integration und der Erfahrung von Kontrolle über das eigene Leben. Die Erfahrung, gemeinsam etwas erreichen zu können, in der alltäglichen Lebensbewältigung nicht machtlos den Entscheidungen und Zuteilungen anderer ausgeliefert zu sein, das ist der Stoff, aus dem Empowermentprozesse bestehen. Diese Idee ist auch der Kern ökonomischer Selbsthilfe in der Vergangenheit und Gegenwart.

1.3 Gemeinwesenökonomie als Lebensdienliches Wirtschaften

Seit geraumer Zeit wird in europäischen und nationalen Förderprogrammen zur Entwicklung städtischer und ländlicher Krisenregionen 31) der Erkenntnis Rechnung getragen, dass aktivierende und vernetzende Methoden in der Tradition der Gemeinwesenarbeit geeignet sind, die endogenen Potentiale eines Gebietes zu erschließen und so auch die Lokale Ökonomie zu stärken 32). Die aktive, synergetische Gestaltung "von unten und innen" wird als eine Antwort auf den globalen Wandel und seine ökonomischen, ökologischen, sozialen, politischen und kulturellen Verwerfungen erkannt. Jüngstes Beispiel ist das Bund-Länder Programm Soziale Stadt.
Diese Ansätze sind programmatisch sinnvoll und tragen der Erkenntnis Rechnung, dass tragfähige Lösungen weder aus der Logik des Marktes noch des Staates alleine, sondern aus der jeweiligen Spezifik der Lebenswelten resultieren. Sie sind jedoch in ihrer Mittelausstattung, der Selektivität ihrer Einsatzbereiche sowie ihren Laufzeiten sehr limitiert. Häufig liegt ihre Steuerung beim einflussreichsten Ressort des öffentlichen Trägers oder bei privaten Unternehmens- und Wirtschaftsberatern, denen die Koordination übertragen wird. Gängig ist auch bei gutem Willen, dass in den Gemeinwesen nur die organisierten Interessen berücksichtigt werden, da der Erfolgsdruck bei kurzen Laufzeiten dies nahe legt. Längerfristige Strategien des Machtausgleichs sind notwendig, um wirklich Lösungen zu generieren, die eine Verbesserung der Lebenssituation im Gemeinwesen bewirken 33).
Die Programme werden eine nachhaltige Wirkung nur da erzielen können, wo sie entweder innerhalb eines bereits begonnenen Prozesses eigenständige Entwicklung vorantreiben, oder als Entwicklungskeim längerfristige Perspektiven auch jenseits der Programmlaufzeit eröffnen. Die Schaffung eines Kristallisationspunktes in einem Gemeinwesen in Form eines BürgerInnenbüros wird z.B. längerfristig eher auch beschäftigungswirksame Effekte haben als eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahme des 2. Arbeitsmarktes, die nicht auf kooperative Existenzgründungen zielt oder in neue dauerhafte Beschäftigungsmöglichkeiten einmündet.
Wenn in den Programmen die Rede von der "Förderung der Lokalen Ökonomie" ist, gilt es zu unterscheiden zwischen grundverschiedenen Ansätzen. Beide können sich durchaus im Verlauf lokaler Entwicklungsprozesse aufeinander zu bewegen, sich verstärken und ergänzen. Ihre Entstehungs- und Verlaufslogiken jedoch sind unterschiedliche. Im Fokus der Förderprogramme und ihrer praktischen Umsetzung steht meist die Stärkung und Erhaltung der gewerblichen Wirtschaft vor Ort, insbesondere der kleinen und mittleren Unternehmen als lokale Wirtschaftsförderung die auf Bestandserhaltung zielt. Diese ist in neuen Formen unter den sich verschärfenden globalen Bedingungen tatsächlich sehr wichtig und es gilt, den lokalen und regionalen Kontext für die spezifischen Wirtschaftskulturen kooperativ zu gestalten. Ansätze hierzu habe ich an anderer Stelle dargestellt und werde sie hier nicht weiter vertiefen 34).
Ausgeblendet wird dagegen die Tatsache, dass die historisch neuen Fragen und Probleme neue Lösungen erfordern, die anderes und mehr beinhalten als die Stabilisierung der vorhandenen erwerbswirtschaftlichen Strukturen vor Ort. Die globale Entwicklung erfordert die Herausbildung "lebensdienlichen Wirtschaftens 35)" in den Gemeinwesen. Nicht nur Existenzsicherung im Sinne der Sicherung der individuellen Existenzgrundlage von Menschen, die im Zuge des technologischen und ökonomischen Wandels "überflüssig" werden, sondern Wirtschaften als soziales Handeln unter Berücksichtigung der Erhaltung der ökologischen und sozialen Existenzgrundlagen wird zum zentralen Thema der Gestaltung des Lebens und Zusammenlebens 36). Dies ist nach meiner Definition das genuine Feld der Gemeinwesenökonomie.
Da Handlungsfelder der Gemeinwesenökonomie nicht aus dem Marktmechanismus resultieren und sich auch einer generellen staatlichen Gestaltung entziehen, gilt es, sie situativ und spezifisch im Gemeinwesen zu entwickeln 37). Hierfür freilich bedarf es einer aktiven politischen Förderung im Sinne der Protektion und der Schaffung von Räumen der Resilienz für nicht unmittelbar profitable lokalökonomische Aktivitäten.
Der lokale Kontext ermöglicht die produktive Nutzung der knappen gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen Solidarität, Vertrauen und Kooperation. Dass die Erschöpfung und Zerstörung dieser Grundlagen zwischenmenschlicher Interaktion durch die dominante wirtschaftliche Ideologie und Praxis auch im verursachenden System selbst hohe "Transaktionskosten" aufgrund erhöhter Investitionen in Absicherungen, die aufgrund schwindenden Vertrauens in wirtschaftlichen Vertragskontexten erforderlich macht, wird neuerdings insbesondere von der "Institutionenökonomie" beklagt. Gemeinwesenökonomie nutzt und erzeugt gleichzeitig diese "lokalen Standortvorteile.
Ein möglicher Weg zu neuen Formen führt über die Erweiterung gesellschaftlich anerkannter Handlungsbereiche 38) durch die Öffnung und Erschließung von Optionen sozialer und ökonomischer Eigenproduktion und politischer Selbstorganisation im lokalen Kontext besonders für diejenigen, die auf das Gemeinwesen als Ort der Lebensbewältigung und Existenzsicherung am stärksten angewiesen sind. Es geht hierbei auch um die Rückbettung nicht marktvermittelter Tätigkeiten in alltägliche Lebenszusammenhänge durch Formen der Subsistenzwirtschaft, des Tausches, der Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe und Erwerbsarbeit im lokalen Umfeld 39).
Durch gemeinwesenökonomische Organisation können auch traditionelle lokale Wirtschafts- und Lebensbereiche, in spezifischer Weise vor Ort sinnvoller, synergetisch und bedürfnisadäquat gestaltet werden. Diese Vorstellung knüpft an Klaus Novy`s Idee eines lokalen Basissektors an, der sich an den Bedürfnissen und Potentialen der örtlichen Bevölkerung, dem produktiven Einsatz ihrer lebendigen Arbeitskraft und der erhaltenden Nutzung der natürlichen Ressourcen orientiert. Alle Aufgaben, die primär der Existenzsicherung und Bedarfsdeckung der Menschen in den Gemeinwesen dienen, könnten in diesem Basissektor organisiert werden. Klaus Novy 40) empfahl 1984 aus krisenpolitischen und ökologischen Gründen Lebensbereiche und Teilsektoren den Kapital- und Wachstumszwängen zu entziehen und bedarfswirtschaftlich in kooperativen Formen zu organisieren.
Diese Vorstellung setzt differenziertere Eigentumsbegriffe voraus als die alternativlose Fixierung auf veräußerbares Privateigentum, das sich auch die letzten Reste des nutzbaren Gemein- und Staatseigentums einverleibt. Auch diese Reduktion im Denken und in der politischen und ökonomischen Praxis hat ihre Ursache im noch immer ungebrochenen Siegeszug des Neoliberalimus.

1.4 Gemeinwesenökonomie und gemeines Eigentum

Nachhaltige Entwicklung benötigt genossenschaftliche und eigenwirtschaftliche Eigentumsformen 41) und erzeugt in solidarökonomischen Formen der Gemeinwesenökonomie selbst zukunftsfähige und emanzipatorische Formen gesellschaftlichen Eigentums. Eigentum wurde historisch "auch als Recht definiert, vom Gebrauch oder Genuss von bestimmten Dingen nicht ausgeschlossen werden zu können. 42)"
Inclusives Eigentum, also öffentliches, genossenschaftliches oder Gemeineigentum schließen nicht aus, sondern sind Voraussetzung der Teilhabe aller, insbesondere der ökonomisch schwächeren Gesellschaftsmitglieder. Sie gewähren den Zugang zu den zentralen Lebensvoraussetzungen die weltweit gnadenlos vermarktet, in Privateigentum überführt, und damit in zunehmendem Maße vielen Menschen enteignet werden (Wasserversorgung, Wohnraum, Boden, Soziales, Gesundheit Infrastruktur etc.).
Gemeinwesenökonomie benötigt, wie bereits erwähnt, nicht nur zugängliche materielle Güter, sondern sie schafft nachhaltige Formen des persönlichen- und des Gemeineigentums durch den produktiven Einsatz lokaler Potentiale und Ressourcen, aber auch und insbesondere durch die Verhinderung dysfunktionaler Mittelabflüsse durch alternativlose Privatisierung der Unternehmensgewinne.
Durch Reinvestition des erarbeiteten Gewinns im lokalen Verbund der Unternehmen und Organisationen versucht die Gemeinwesenökonomie die materielle Basis des Gemeinwesens zu stabilisieren und zu erweitern. Dieser zentrale Aspekt wird weiter unten nochmals diskutiert. In gleicher Weise können auch staatliche Mittelzuweisungen produktiv und nachhaltig verwendet und Mitnahmeeffekte verhindert werden 43). Eine weitere Möglichkeit lokaler Wertschöpfung und Werterhaltung besteht in Formen des Tauschs und der Kreislaufwirtschaft. Darüber hinaus gilt es die Möglichkeiten der Entwicklung von Systemen lokaler Komplementärwährungen als auch die der Community-Credit-Unions zu berücksichtigen, die beide Wertschöpfungseffekte und die gezielte Förderungen lokaler Ökonomie ermöglichen 44).
Auch wenn sich in keiner modernen Verfassung Eigentumsrechte als nackte Privatinteressen darstellen und mehr oder weniger in bestimmten Artikeln an Gemeinwohl gebunden sind, die Widersprüche zwischen Sollensvorschriften und gängiger Praxis sind in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich deutlicher 45). Wichtig ist, dass die Soziale Arbeit die zentralen Kategorien exklusives und inklusives Eigentum in ihren Theorien berücksichtigt 46).


2. Erschließung des Gemeinwesens für Selbstorganisationsprozesse

Gemeinwesenökonomie als eine Alternative für ökonomisch Ausgegrenzte ist nur dann tragfähig, wenn sie an den Bedürfnissen und Potentialen der Betroffenen ansetzt und daraus generiert wird. Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie ebenso wie die Empfehlungen des Meisters der Aktivierung, Saul Alinsky 47), verweisen darauf, dass Menschen nur in ihren eigenen Relevanzstrukturen zu motivieren sind. Bei primär ökonomisch benachteiligten Gruppen, dies wurde bereits festgestellt, wirkt die Möglichkeit der materiellen Verbesserung der eigenen und gemeinsamen Lebenssituation motivierend.
Methodische Herangehensweisen zur Erschließung gemeinwesenökonomischer Handlungsmöglichkeiten lassen sich im Repertoire der Gemeinwesenarbeit finden. Diese aktivierenden Verfahren zur Herstellen von Öffentlichkeit, zur Bewusstmachung von gemeinsamer Betroffenheit und zur Suche nach gemeinsamen Lösungswegen sind auch methodisches Handwerkszeug für die Herausbildung gemeinwesenökonomischer Projekte. Bestandteile der Aktionsuntersuchung (Beobachtungsmethoden, aktivierende Befragung, BürgerInnenforen und Arbeitsgruppen, Planungsworkshops etc. 48)) lassen sich im Kontext anwenden. Fokussierungen erfolgen z.B. nach ungedecktem Bedarf, ungenutzten Fähigkeiten, Wünschen und besonderen Kenntnissen der BewohnerInnen, Projekt- und Geschäftsideen, nicht genutzten materiellen Ressourcen etc. Bereits dieser, auf die Stärken gerichtete Blick, setzt positive Dynamiken in Gang. Stadtteil- oder Dorfwerkstätten, kultur- und zielgruppenspezifische Suchbewegungen sind adäquate Zusammenhänge für die Einleitung von Entwicklungsprozessen.
Voraussetzung für alle Ansätze ist die Verankerung des Prozesses in die Pluralität der Zivilgesellschaft vor Ort. Dies bedeutet nicht nur Kooperation mit Vereinen, BürgerInnengruppen, sozialen Bewegungen und gewerblicher Wirtschaft, sondern den Aufbau von BewohnerInnenräten, Projektbeiräten, lokalen Partnerschaften, BürgerInnenstiftungen und bürgerschaftlichen Trägerschaften für Vorhaben, Unternehmen und Projekte in den Gemeinwesen. Ich halte diese Einbindung gemeinwesenorientierter Entwicklungsvorhaben im Kontext Sozialer Arbeit für mindestens ebenso wichtig, wie die selbstverständliche Kooperation der Fachbasis im sozialen Bereich sowie die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung im sektorübergreifenden Zusammenhang.
Zu denken ist im Kontext der Gemeinwesenökonomie auch an neue Formen des klassen-übergreifenden Austauschs nach dem Vorbild von Jane Addams 49). Bürgerinnen und Bürger stellten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als PromotorInnen auf die Seite der Armen, Ausgebeuteten und Verelendeten, entwickelten mit ihnen Projekte, Einrichtungen und Unternehmen, wirkten auf die Verbesserung der Arbeits- und Wohnverhältnisse, nahmen nachlässige und korrupte Entscheidungsträger in die Pflicht und erreichten viele soziale Reformen. Die freitätige Gemeinwesenarbeit hat hier ihre Wurzeln. Heute sind viele qualifizierte und materiell versorgte, engagierte und kritische BürgerInnen und Bürger auf der Suche nach sinnvollen Tätigkeitsfeldern und haben häufig das Bedürfnis, außerhalb ihrer Erwerbsarbeit Modelle mit zu tragen, die Ihren moralischen, politischen und fachlichen Vorstellungen entsprechen. Ein solcher Brückenschlag zwischen benachteiligten und privilegierten Gruppen ist auch deshalb erforderlich, weil die Benachteiligten Verbündete in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen brauchen, wenn der sozialpolitische Ausgleich im gesellschaftlichen Kontext zunehmend nicht mehr konsensfähig zu sein scheint. Eine der nahe liegenden Ideen, die in der Geschichte und Gegenwart vielfach erfolgreich praktiziert wurde, ist die der PromotorInnen, die gemeinsam mit benachteiligten Menschen genossenschaftliche Lösungen realisieren 50). Eine weitere Option bietet das 2002 reformierte Stiftungsrecht mit verbesserten steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten und der Form der Community-Foundation, die eine Bündelung der Ressourcen vieler Bürgerinnen und Bürger zugunsten von Vorhaben im Gemeinwesen zulässt 51).

2.1 Schritte in die Gemeinwesenökonomie

Gemeinwesenökonomie nimmt den Alltag als Ausgangspunkt wirtschaftlichen Handelns.
Da es hier um Ansätze für und mit benachteiligten Menschen im Kontext der Sozialen Arbeit geht, sind insbesondere niedrigschwellige Formen zu berücksichtigen, die stufenweise anspruchsvolleren Formen Raum bieten. Es ist zu betonen, dass z.B. genossenschaftliche Lösungen sehr viel voraussetzen und nur langfristig unter Berücksichtigung zahlreicher Rahmenbedingungen zu denken sind.
Kennzeichnend für Gemeinwesenökonomie in den Industrieländern ist, wie bereits erwähnt, eine Mischung von Handlungsfeldern und Organisationsformen an verschiedenen gesellschaftlichen Nahtstellen 52) mit offenen Übergängen und neuen Verknüpfungen untereinander und gegenüber Staat und Markt. In zueinander offenen Formen der Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe, des bürgerschaftlichen Engagements und der Erwerbsarbeit, sind viele Bürgerinnen und Bürger in diesem Bereich jenseits der unmittelbaren Sphäre des Marktes tätig, dessen Eigenständigkeit und Eigenlogik es zu erkennen und zu fördern gilt 53). Die Tätigkeiten werden organisiert in Initiativen, Tauschringen, Kooperativunternehmen, gemeinnützigen und erwerbswirtschaftlichen Unternehmens- und Organisationsformen. Multifunktionalität und Vielfalt (z.B. die Verbindung von Kinderbetreuung, Stadtteilwerkstatt, generationsübergreifendem Kommunikationszentrum, Café, Info-, Tausch- und Jobbörse, Second-Hand und Telematikzentrum etc.) sind ebenso typisch wie heterarchische Netzwerke, Partnerschafts- und Kooperationsmodelle zwischen öffentlichen und privaten Organisationen, sozialen Bewegungen und Initiativen. Unkonventionelle Finanzierungsmodelle haben das Ziel, sich von den Unsicherheiten staatlicher Subventionspolitik unabhängiger zu machen.
In ihren Entwicklungsmöglichkeiten sind die folgenden Ansätze zueinander bzw. zum Markt hin offen. In gemeinwesenorientierten Verbünden und ggf. in Kooperation mit gewerblicher Wirtschaft bzw. durch die Förderung des Staates können sie teilweise oder ganz eigenständig ökonomisch tragfähig werden. Sie sind deshalb jeweils in bestehenden oder möglichen Vernetzungen und Verknüpfungen zu betrachten und anzulegen, um ihrer Prozesshaftigkeit Rechnung zu tragen. Alle Ansätze entfalten ihre Wirkungen über längere Zeiträume erst in der Einbettung in die Gemeinwesen.

Tauschsysteme sind eigenständige zivilgesellschaftliche Alternativen oder Ergänzungen zur offiziellen Geldwirtschaft und aus der Perspektive nachhaltiger Sozialer Arbeit eine Möglichkeit der Einübung in eine solidarische Form des Wirtschaftens. Mit Menschen aus Armutsmilieus freilich bedarf diese Form der Berücksichtigung der Tatsache, dass Formen des Tauschs zur Alltagsbewältigung gehören, und dass sie nicht in der standardisierten Form von Local Exchange Trading Systems (LETS) eingeführt werden müssen. Hier bedarf es vielmehr der Förderung der Praxis in ihrer eigenen Logik.

Beispiel

Dass Tauschwirtschaft mehr ist als ein Gesellschaftsspiel für Angehörige der Mittelschicht in westlichen Industrieländern, zeigt das Beispiel der Krisenbewältigung der argentinischen Zivilgesellschaft. Seit Beginn des argentinischen Dramas 1998 halten sich mehr als 2,5 Millionen Menschen, die im Zuge der beispiellosen Wirtschaftskrise aus der normalen Wirtschaft herausgefallen sind, mit Hilfe der Alternativwährung "credito" und durch die Beteiligung am organisierten Tauschmarkt über Wasser 54).

Lokale Komplementärwährungen sind, wie Geschichte und die Gegenwart zeigen, wirksame Instrumente zur lokalen Wertschöpfung und Werterhaltung sowie Puffer gegenüber Einwirkungen von außen, z.B. plötzliche Zinserhöhungen oder die Instabilität der Finanzmärkte, die der lokalen Ökonomie Schaden zufügen können. Der Finanzfachmann Bernard Lietaer 55) verweist auf die Bedeutung lokaler Komplementärwährungen als Antwort auf die lokalen Gefährdungen infolge der ökonomischen Globalisierung. So wie Tauschsysteme nutzen Komplementärwährungen die strategischen Vorteile von Solidarität, Kooperation und Vertrauen in einem überschaubaren territorialen Umfeld und sie erzeugen diese BürgerInnentugenden gleichzeitig.

Beispiele

1.Neben dem o.g. Beispiel des credito ist sicherlich das älteste System der Komplementärwährung WIR in der Schweiz das überzeugendste. Die "Wirtschaftsring-Genossenschaft" WIR wurde als Gemeinschaft zur gegenseitigen Absicherung von 16 kleinen Unternehmen in Zürich ins Leben gerufen. Bei der Gründung 1935 hatte das WIR-System 2950 Mitglieder. 1994 betrug der Jahresumsatz in dieser Komplementärwährung 2,5 Milliarden Schweizer Franken (ca. 1,5 Milliarden Euro). Die Vorteile für die Mitglieder bestehen neben günstigen Krediten und kosteneffektiven Käufen und Verkäufen in gemeinsamen Dienstleistungen und einem verlässlichen Kundenstamm. Durch dieses Agieren im lokalen Raum können Wertschöpfungseffekte optimiert werden.

2. Die japanische Bevölkerung altert schneller als die anderer moderner Industriestaaten. Das Sozialsystem ist bereits heute mit der steigenden Zahl der Pflegebedürftigen vollkommen überlastest. In lokalen Tauschbörsen und mit Hilfe von mehr al 130 Sorten von Regionalwährungen, helfen sich die Bürgerinnen und Bürger gegenseitig. Diese Währungen genießen ihr Vertrauen offensichtlich eher als das nationale Finanzsystem, das seit Jahren in der Krise steckt. Mehr als 300 japanische Kommunen sind dem Komplementärsystem zivilgesellschaftlicher Hilfe auf Gegenseitigkeit angeschlossen. "Love" (Local Value Exchange) heißt z.B. eine der lokalen Währungen 56).

Folgende Ansätze bieten sich aus dem Kontext der Sozialen Arbeit an:

Sozialkulturelle Ansätze in der Sozialen Arbeit, die auf Wertschätzung, Erhaltung, Förderung und sozialproduktive Nutzung der Potentiale benachteiligter Menschen zielen. Die Förderung von Optionen der Eigenarbeit, des Talenttausches, der Nachbarschaftshilfe und des Bürgerschaftlichen Engagements im Sinne der Organisation eigener und gemeinsamer Belange kann dazu beitragen, selbstorganisiertes Handeln zu fördern.
Aus dem kooperativen Handlungszusammenhang kleiner Initiativen und Selbsthilfegruppen im Gemeinwesen können im Zusammenspiel mit Markt und Staat neue anspruchsvollere Möglichkeiten resultieren:

    Beispiele

    1. Aus einer Gruppe von BewohnerInnen, die sich für die Belange des Wohn- und Wohnumfeldbereiches einsetzt, können BewohnerInnenvertretungen, vielfältige Formen der Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe aber auch neue Optionen der Erwerbsarbeit entstehen. Denkbar ist etwa die Entstehung von MieterInnengärten, Talenttausch, eine Stadtteilwerkstatt, die Organisation kleiner Dienste für Alte und Kranke oder der Aufbau eines HausmeisterInnensystems .

    2. Durch die Einrichtung eines Treffs für Eltern und Kinder in einer Wohnung des Gebietes entstehen selbstorganisierte Familienentlastungssysteme und sinnvolle Angebote (Kinderbetreuung, gemeinsame Transportmöglichkeiten, Mittagstisch, Deutschkurse für MigrantInnen, ein selbstverwaltetes Bistro mit PC-Arbeitsplatz, Kinder-Second-Hand und vieles mehr).

    3. Lern- und Entwicklungsprojekte die auf der sozialproduktiven Nutzung der Kompetenzen ökonomisch ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen zielen, um neue Handlungsfelder und –formen der Performanz und des Wissenstransfers zu erschließen (Beispiel: Lernen im Sozialen Umfeld LISU) 57).

    Aus dem Kontext der Lebenswelten zu erschließende oder neu zu organisierende Handlungssfelder liegen insbesondere da, wo sich der Staat aufgrund rückläufiger Verteilungsspielräume bei steigendem Bedarf sozialer Absicherung und der Erhaltung öffentlicher Infrastruktur zurückzieht, wo der Markt mangels Rentabilität Felder aufgibt oder da, wo soziale und ökologische Erfordernisse unberücksichtigt bleiben. Es geht um Wohnen und Wohnumfeld, Kinder- und Altenbetreuung, Bildung, Kultur, nahräumliche Versorgung, Transportwesen, vorsorgenden und nachsorgenden Umweltschutz und personenbezogene Dienstleistungen. Alles dies sind Aufgaben, die aus dem Lebenszusammenhang der Gemeinwesen resultieren, soziale Aufgaben also, die in sinnvollen Verknüpfungen und Kooperationen vor Ort zu organisieren sind. Freilich geht es nicht darum, die genannten Aufgaben als Niedrigstlohnsegment oder gar als Handlungsfeld von Pflichtarbeit für Sozialhilfeberechtigte zu organisieren, was derzeit zu befürchten ist. Neue Möglichkeiten und bessere Ergebnisse bei gleichem Mitteleinsatz resultieren insbesondere aus der synergetischen Verknüpfung der Aufgaben sowie aus der Identifikation der Beteiligten mit den Aufgabenbereichen, die sie selbst tangieren. Die Handlungsbereitschaft und Lösungskompetenz der lebensweltlichen Akteure geht im Allgemeinen weit über die von außen kommender ExpertInnen oder instrumentell agierender Beschäftigter hinaus. Genossenschaften sind zur Organisation dieses Arbeitsansatzes bestens geeignet.

    Beispiele:

    1. Unter wachsendem Problemdruck hat sich in den vergangenen Jahren die Wohnungswirtschaft zur Neuorganisation ihrer Zuständigkeiten entschlossen und Aufgaben in die Zuständigkeit von BewohnerInnen delegiert 58). Eine entsprechende Empfehlung wurde bereits Mitte der 80er Jahre vom deutschen Städtetag formuliert. Es leuchtet ein, dass es gerade in überforderten Nachbarschaften sinnvoll ist, durch die Einführung des Identitätsprinzips Betroffene zu Beteiligten zu machen. Ein wirksamer Ansatz, der sich weitestgehend kostenneutral in Kooperation mit der Wohnungswirtschaft realisieren lässt, ist die Qualifizierung von HausmeisterInnen im Wohngebiet. Eine Bezahlung kann z.B. im Rahmen zulässiger Freigrenzen für Sozialhilfeberechtigte durch die Mietnebenkosten erfolgen, die für die Wohnumfeldpflege gezahlt werden. Aus der Wahl und Qualifizierung von HausmeisterInnen und der Einrichtung einer gemeinsamen Werkstatt entsteht dann vielleicht eine Stadtteilwerkstatt für Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe und BewohnerInnenselbsthilfe, ein Ort für den Talenttausch und vielleicht eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahme im wohnungswirtschaftlichen Servicebereich, die längerfristig eine eigene sozialorientierte Wohnungsverwaltung vor Ort generiert 59). Auch hier ist es wichtig zu beachten, dass die Steuerung weitgehend bei den Betroffenen selber liegt und diese sich nicht zu billigen Hilfskräften des Unternehmens, möglicherweise mit ordnungspolitischen Funktionen machen lassen. Eine Möglichkeit besteht darin, die Aufgagen selber zu definieren und den Wohnungsunternehmen Angebote zu unterbreiten.

    2. Im ländlichen Raum ist häufig die nahräumliche Versorgung mit Gütern des alltäglichen Bedarfs ein Problem. Auch hier entstehen neue Formen, die auf Multifunktionalität und Mischung von Tätigkeitsformen basieren. Ein kooperativer Laden ist so zu konzipieren, dass er möglichst viele Gründe unter einem Dach bietet, ihn zu nutzen: Handel und Direktvermarktung, Info- und Tauschbörse, Post, Toto-Lotto-Annahme, Medikamentendistribution, Plauderecke mit Kaffeeausschank, Computerarbeitsplatz mit Netzanschluss etc. Wichtig ist, dass diese Einrichtung von möglichst vielen Menschen nicht nur genutzt, sondern auch aktiv mitgestaltet wird.

    3. Neben der Erschließung neuer Aufgaben wird die Stärkung kooperativer Selbstorganisation auch zur Umstrukturierung im Produktionssektor notwendig. Die hohen Rentabilitätsansprüche des Marktes hinterlassen vielerorts funktionsfähige Produktionsressourcen, die für einen regionalen Markt z.B. durch Belegschaftsbetriebe nutzbar gemacht werden können. Gegenüber solchen Notlösungen, die auch von der Europäischen Union zur lokalen Organisation empfohlen werden 60), ist gleichwohl Vorsicht angeraten, da die Betriebe durch eine Neuorganisation nicht automatisch wirtschaftlich tragfähig werden. Eine sozial und ökologisch nachhaltige Lösung ist also im Zusammenhang mit "rechtmäßigem Tausch" in Form staatlicher Förderungen bzw. Entlastungen zu sehen 61).

    Einen weiteren Ansatz sehe ich in der Suche nach innovativen Nischen sowie in der Innovation traditioneller Nischen. Einerseits geht es um die Entdeckung ungedeckter Bedarfe und die Organisation außergewöhnlicher Fähigkeiten beispielsweise durch kooperative Existenzgründungen, andererseits um die Neugestaltung eigenständiger Überlebensstrategien beispielsweise in Armutsmilieus. Tätigkeitsfelder sind insbesondere arbeitsintensive Bereiche (low-tech). Notwendige Voraussetzungen sind tragfähige Projekt- und Unternehmenskonzeptionen und die Begleitung zur kooperativen Existenzgründung z.B. im kunsthandwerklichen Sektor oder die qualifizierte Neugestaltung und Einbindung traditioneller Tätigkeitsformen. Auch hier bietet sich eine genossenschaftliche Organisation eher an als eine Einzelexistenzgründung.

    Beispiele:

    1. Im Südwesten Deutschlands halten sich seit Generationen Menschen aus Armutsmilieus mit Schrotthandel mehr schlecht als recht über Wasser. Innerhalb der Milieus sind die Schrottunternehmer mit Recht angesehene Persönlichkeiten, denn sie arbeiten hart und oft unter den schwierigsten Bedingungen. Sie gehören zu denen, die mit ihren Familien von Sozialhilfe weitgehend unabhängig sind und oft auch den Nachbarn zu einem Zuverdienst verhelfen. Im Gegensatz zu anderen kleinen Unternehmern kennen und nutzen sie weder die steuerlichen Möglichkeiten noch die Subventionen und Vergünstigungen die kleinen und mittleren Unternehmen zustehen. Ihre Kräfte sind gebunden im alltäglichen Überlebenskampf. Die Innovation und Förderung der Tätigkeit der Schrotthändler als Fachleute im Wertstoffbereich wäre eine dankbare Aufgabe der lokalen Wirtschaftsförderung oder der Agenda-Prozesse. Akteure solcher etwas dunkler Nischen werden jedoch als Marktteilnehmer kaum wahrgenommen. Erforderlich wäre eine kooperative Infrastruktur (Stellplätze mit Ölabscheider, Sortierwerkstatt, Lager, Verkauf, Reparaturwerkstatt, Verwaltungsbüro, Schulungsräume etc.), die Integration und Förderung im Rahmen städtischer Wertstoffkonzepte und die Erarbeitung abgestufter und anerkannter Ausbildungssysteme in Kooperation mit den Kammern.

    2. In der dünn besiedelten, "strukturschwachen" Uckermark, ist die Kultivierung und innovative Verarbeitung von Hanf zu einer tragfähigen Säule der regionalen Ökonomie geworden. Die erfolgreiche Positionierung der Region in dieser zukunftsfähigen Nischenproduktion- und vermarktung ist u.a. ein Ergebnis gemeinwesenorientierter Wirtschaftsförderung seit Anfang der 90er Jahre 62).

    3. Im Münchener Stadtteil Hasenbergl hat eine Gruppe innovativer Architekten, Wirtschafts- und SozialwissenschaftlerInnen im vergangenen Jahr gemeinsam mit benachteiligten Jugendlichen und durch die Förderung des Referates für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München eine Marktnische mit Hilfe einer Genossenschaftsgründung erschlossen. Die Genossenschaft "made in Hasenbergl" ist nun tätig im Bereich der Produktion von Terrazzo, einem künstlerisch anspruchsvollen und sehr teuren Bodenbelag, der insbesondere in Großbauprojekten und Repräsentationsräumen Verwendung findet.


3. Genossenschaften als Organisationen der Gemeinwesenökonomie

Genossenschaften und genossenschaftsähnliche Unternehmen sind für die Übernahme gemeinwesenorientierter ökonomischer und öffentlicher Aufgaben in Selbstorganisation der BürgerInnen in besonderer Weise geeignet. Sie stellen bei allen Schwierigkeiten, die mit dieser Unternehmensform verbunden sein können die ideale Organisationsform der Gemeinwesenökonomie schlechthin dar. Von zentraler und wachsender Bedeutung ist zudem genossenschaftliches Nutzungseigentum als Voraussetzung ökonomischer Selbstorganisation. Lokale Genossenschaften sind im internationalen Kontext im Gegensatz zur etatistischen deutschen Tradition der Gemeinwesenarbeit, wie bereits erwähnt, zentrale Bestandteile des community-development 63).
Genossenschaftliche Gemeinwesenökonomie als höchst anspruchsvolle Organisationsform gemeinwohlorientierten Wirtschaftens im Kraftfeld der dominanten kapitalistischen Ökonomie ist jedoch nicht voraussetzungslos vorstellbar und dies insbesondere da nicht, wo es gilt, Lösungen mit benachteiligten Gruppen zu realisieren.
Ein Rückblick: Vor genau 150 Jahren hatten die "redlichen Pioniere von Rochdale" die Vision einer unabhängigen, kooperativen Gemeinschaft, die den Menschen eine Alternative zu Arbeitslosigkeit, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, Bildungsmangel und Armut bieten sollte. Das Leitbild und die Praxis der Rochdaler Pioniere wurden zum politischen Fundament der internationalen Allianz der Kooperativen und haben bis heute zukunftsweisenden Charakter. Das Rochdaler Modell ist gleichzeitig auch aktuelles Vorbild für die Gestaltung gemeinwesenökonomischer Lösungen. Die bis heute gültigen Genossenschaftsprinzipien wurden aus der Arbeit der Rochdaler Pioniere abgeleitet:

  • Freiwillige und offene Mitgliedschaft
  • Demokratische Willensbildung
  • Wirtschaftliche Mitwirkung der Mitglieder
  • Autonomie und Unabhängigkeit
  • Ausbildung, Fortbildung und Information
  • Kooperation mit anderen Genossenschaften
  • Vorsorge für die Gemeinschaft der Mitglieder

Auch dieses genossenschaftliche Urmodell ist nicht aus einzelbetriebswirtschaftlicher Perspektive, sondern als lokales Verbundsystem zu betrachten. Ausgehend von einer ökonomisch tragfähigen Konsumgenossenschaft, die den Mitgliedern Produktion und Distribution guter Waren des täglichen Bedarfs sicherte, sollte durch die produktive Verwendung der Gewinne schrittweise die weitere soziale und wirtschaftliche Besserstellung der Mitglieder erreicht werden. Die Kapitalbildung durch den Konsumverein war die Grundlage für Entwicklungsvorhaben im Gemeinwesen: Häuser für die Mitglieder sollten erworben und erbaut und Waren für den Konsumverein produziert werden. Um Arbeit für Arbeitslose oder diejenigen zu schaffen, die unter dauernden Lohnsenkungen zu leiden hatten, wurden Ländereien gepachtet und erworben, um sie durch die Mitglieder des Konsumvereins zu bebauen die arbeitslos waren, oder deren Erwerb unzureichend war. Aus eigenen Mitteln wurde die Unterrichtstätigkeit an der Schule finanziert. Die Interessen aller sollten sich durch den Konsumverein zum gemeinsamen Interesse entwickeln.
Die sozialökonomische Entwicklung folgt in diesem Modell der Logik des Gemeinwesens. In kooperativer Form werden lokale Potentiale mit lokalem Bedarf verknüpft, Solidarität spielt eine zentrale Rolle und Kapital hat dienende Funktion zugunsten eines komplexen gemeinwohlorientierten Zielsystems. Ressourcenflüsse werden gezielt gelenkt und aus der Kombination rentabler und gemeinwohlorientierter Aufgaben erwächst ein bürgerschaftlich getragener sozialökonomischer Verbund zugunsten des Gemeinwesens und seiner BewohnerInnen 64).
Zurück in die Gegenwart: Gerade für benachteiligte Quartiere spielt die Beeinflussung von Ressourcenströmen eine zentrale Rolle. Die sozialräumliche Konzentration von benachteiligenden Faktoren, Armut und Arbeitslosigkeit der BewohnerInnen, schlechte Wohn- und Wohnumfeldbedingungen und mangelnde Infrastruktur, erzeugt eine Abwärtsspirale, die sich nur durch die Verhinderung weiterer Mittelabflüsse, die Beendigung von Desinvestition, die Schließung eigener ökonomischer Kreisläufe und die Lenkung von Mitteltransfers von außen unterbrechen lässt 65). Genossenschaftsgründungen im Wohnbereich sowie zur Organisation der Arbeiten im Gemeinwesen sind in einer solchen Situation ideale Lösungen (siehe Beispiel Genossenschaft am Beutelweg, Trier).
Die besondere Eignung genossenschaftlichen Wirtschaftens zur Entwicklung der Gemeinwesenökonomie resultiert aus den genossenschaftlichen Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstkontrolle und Selbstverwaltung. Sie sind Operationalisierungen des Subsidiaritätsprinzips. Besser als jede verordnete Politik können Genossenschaften Lern- und Lösungsprozesse in Gang setzen. Es wäre aber naiv anzunehmen, dass mit genossenschaftlicher Selbsthilfe, insbesondere unter den wirksamen Restriktionen, die Probleme der Massenarbeitslosigkeit, gesellschaftlichen Ausgrenzung und Segregation gelöst, oder die Einleitung der notwendigen sozialökonomischen Transformation durch die Selbsthilfe langfristig dequalifizierter Menschen vollzogen werden könnte. Selbsthilfekräfte lassen sich nicht ad hoc, aufgrund kurz- oder mittelfristiger wirtschaftspolitischer Erfordernisse und Überlegungen mobilisieren 66). Die unverhältnismäßig aufwendige, schwer zu realisierende und mühsam aufrechtzuerhaltende genossenschaftliche Organisationsform stellt zudem höchste Anforderungen.
Viele Argumente sprechen dennoch für die genossenschaftliche Organisation der Gemeinwesenökonomie: Lokale Genossenschaften als freie, kooperative Zusammenschlüsse von Personen, sind Gegenmodelle zu den Abhängigkeiten von Staat und Markt. Insbesondere im Kontext der Diskussion um den befähigenden Staat und der Überlegungen zu einer aktivierenden Sozialpolitik wäre die aktive Förderung und Innovation der Voraussetzungen für genossenschaftliche Lösungen zur Neuorganisation öffentlicher und privater Belange sowie zur Übernahme der Aufgaben, die aus veränderten gesellschaftlichen Bedarfen resultieren, von hohem Interesse. Die Bedeutung von Genossenschaften liegt ja gerade darin, dass sie unmittelbar von den Beteiligten selbst getragen werden 67). Stets waren sie "Kinder der Not" 68) denn sie beruhen darauf, dass Menschen ihre Kräfte summieren, um Aufgaben zu bewältigen, die sie alleine nicht schaffen könnten. Das "Kirchturmprinzip" steht für die Forderung, dass zur Gewährleistung der Überschaubarkeit nur die EinwohnerInnen einer Gemeinde Mitglieder einer Genossenschaft sein sollen. Primäre Beziehungen und kleine Einheiten, die den Beteiligten ermöglichen, sich mit dem gemeinsamen Handeln zu identifizieren, ihr wirtschaftliches Handeln im gesamten Kontext zu durchschauen und verantwortlich zu entscheiden, sind die zentralen Voraussetzungen genossenschaftlichen Handelns. Insofern lässt sich genossenschaftliches Wirtschaften als Modell lokalen Handelns in globaler Verantwortung bezeichnen.
Primär sind Genossenschaften Formen der Selbsthilfe, in denen der Markt für die Beteiligten ausgeschaltet wird. 69)" Das Identitätsprinzip besagt, dass in Genossenschaften Konsumenten eigene Lieferanten, Mieter eigene Vermieter, Kreditnehmer eigene Kreditgeber, Arbeitnehmer eigene Arbeitgeber sind. Das Identitätsprinzip ermöglicht die Ausschaltung von Marktinteressen, unmittelbare Kontrolle, selbstaktives statt Kundenverhalten und ein höchstes Maß an Berücksichtigung der Mitgliederinteressen. Es bietet darüber hinaus einen hervorragenden Ausgangspunkt für politische Bemühungen zur Einleitung von Selbstorganisationsprozessen, sowohl hinsichtlich der Treffsicherheit staatlicher Mittel (keine Mitnahmeeffekte) als auch hinsichtlich der Mobilisierung von Selbsthilfebereitschaft, wodurch die staatlichen Mittel verstärkt werden 70).
Genossenschaftliche Zusammenschlüsse haben handfeste ökonomische Gründe. Die Vorteile liegen in der Ausschaltung funktionsloser Gewinne, in Kostenvorteilen z.B. bei Konsum- und Bezugsgenossenschaften, in der Mobilisierung brachliegender Ressourcen vor allem durch die Bereitschaft zu freiwilliger Arbeit und in der Förderung von Qualitätsbewußtsein, sowie Material- und Zeitökonomie durch die Identität von Wirtschaftenden und Nutzern 71). Dies sind strategische Vorteile genossenschaftlichen Wirtschaftens, doch sie alleine bewirken noch keine andere Kulturqualität, die mit der Idee der Gemeinwesenökonomie intendiert wird.
Das genossenschaftliche Demokratieprinzip impliziert zwei wesentliche Komponenten: Erstens vollzieht sich der Zusammenschluss von Wirtschaftssubjekten zu Genossenschaften in demokratischer Struktur. "Der persönliche Bezug sowie die Regelung des Stimmrechtes (1 Mitglied 1 Stimme) prägen formal die Strukturen dieses sozialen Systems. 72)" Zweitens bedingt die personale Gleichstellung der Mitglieder die personale "Neutralisierung des Kapitals" 73). Nicht die Kapitalbeteiligung als reine Anlageform, sondern der aktive persönliche Einsatz ist gefragt 74). Genossenschaften gewährleisten zudem ein höchstes Maß bedarfsgerechten Wirtschaftens. Eine Seniorengenossenschaft agiert im Interesse ihrer Mitglieder, ein genossenschaftlicher Kindergarten berücksichtigt unmittelbar die Interessen der Eltern und Kinder, eine kleine Wohnungsgenossenschaft erfüllt direkt die Wünsche ihrer Mitglieder, die genossenschaftliche Organisation von Dienstleistungen (z.B. Transport, Gebäudereinigung etc.) gewährleistet bedarfsgerechte Leistungen, relativ sichere Arbeitsplätze und verhindert Selbstausbeutung durch Scheinselbständigkeiten. Genossenschaftlich organisierte lokale Unternehmen können auch in wenig rentablen Bereichen am ehesten kostendeckend arbeiten und Arbeitsplatzsicherheit gewährleisten, denn die erwirtschafteten Erträge kommen unmittelbar denjenigen zugute, die sie erarbeitet haben, bzw. fließen zurück in die Stabilisierung und Weiterentwicklung des Unternehmens.
Genossenschaften sind als Personengesellschaften lernende Organisationen und unmittelbar gebunden an die Personen, die sie betreiben, an ihre Lebenslage, ihre Einstellungen und Lebensphasen. Sie sind auf permanente aktive Gestaltung durch Aushandeln und Vermitteln angewiesen. Auch bezüglich dieser Organisationsspezifik sind sie Teile einer dynamischen sozialen Gemeinwesenentwicklung.


4. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Herausbildung von Gemeinwesenökonomie

Gemeinwesenökonomie, die sich aus der Logik der Gemeinwesen entfaltet, die also weder primär aus der Marktlogik noch aus der Logik staatlicher Steuerung generieren kann, wird in vielen Ländern Europas einem eigenständigen solidarökonomischen Sektor zugeordnet. Deutschland ist aufgrund des spezifischen Verständnisses der Rechte des Marktes einerseits und der Organisation des gemeinwohlorientierten Sektors in Kooperation mit traditionellen Wohlfahrtsorganisationen Entwicklungsland im Bereich der Sozialökonomie, der alle Unternehmen zugerechnet werden, die nicht primär profitorientiert agieren (Èconomie Sociale). Innerhalb dieses Sektors werden lokale Basisökonomien als Unternehmen der Èconomie Solidaire 75) bezeichnet, deren Ziel es primär ist, mit ökonomischen Mitteln soziale und ökologische Ziele zu verfolgen 76). Die Genossenschaftsidee, erst recht die Idee sozialer Genossenschaften, steht in Deutschland nicht nur der kapitalistischen Marktwirtschaft und dem mittelständisch orientierten Genossenschaftswesen (das sich gegen die Idee der Èconomie Sociale wehrt), sondern auch der verbandlich organisierten Wohlfahrtststaatlichkeit entgegen. Diese lebt von der Verwertung der Unverwertbaren und kann sich mit der Darstellung von deren Hilflosigkeit den lukrativen Ruf des hilfreichen Helfers erwerben. Wohlfahrtsverbände leben von der Hilflosigkeit, nicht von der Selbstständigkeit und der Selbstorganisation der Betreuten 77). Es ist sehr zu begrüßen, dass derzeit durch den Paritätischen Wohlfahrtsverband Bewegung in dieser Frage entsteht 78). Ohne diese Annäherung wird es in Deutschland weiterhin bestenfalls bei gelungenen Einzelbeispielen bleiben, die sich eine gewisse Zeit lang über Wasser halten können.
Gemeinwesenökonomie ist zu denken in einem Verständnis der Neuorganisation gemeinwohlorientierter Aufgaben (Versorgung, öffentliche Infrastruktur, low-tech-Produktion, Bildung, Soziales, Beschäftigung und Qualifizierung, ökologische Lösungen etc.),. Das Soziale ist Teil eines Zielsystems aus Existenzsicherung, sozialer Integration, politischer und ökologischer Entwicklung in konkreten lebensweltnahen Projekten und Unternehmen. Dieser Wohlfahrtsmix flankiert nicht eine gesellschaftsexterne Ökonomie, sondern integriert Wirtschaften und Soziales in den gesellschaftlichen Lebenszusammenhang.
Von anderen Ländern, insbesondere Italien und Frankreich oder sogar den USA können wir lernen. Italien hat z.B. mit überzeugenden Resultaten bemerkenswerte Voraussetzungen zur Förderung des lokalen Kooperativenbereiches (u.a. Sozialgenossenschaften) geschaffen 79).
In Deutschland müssen sich Genossenschaften, sofern sie die Zugangshürden überwunden haben, alternativ- und schutzlos behaupten. Als isolierte Reformunternehmen im kapitalistischen Marktgeschehen sind sie zum Scheitern oder zum kapitalistischen Erfolg verurteilt. Dies gilt für isolierte genossenschaftliche Einzelunternehmen. "Die Geschichte der erfolgreichen Gemeinwirtschaftsaufbrüche zeichnet sich durch eine andere Dynamik aus, die auf jenen, von Oppenheimer richtig umschriebenen Problemdruck eine Antwort darstellt. 80)" Im gemeinwesenökonomischen Verbund können Genossenschaften langfristig lebensfähig werden. Erforderlich sind ein kooperatives Umfeld und eine materielle und immaterielle Infrastruktur (Räume, Kreditmöglichkeiten, Beratung, Fort- und Weiterbildung etc.).
Seit langem fordern GenossenschaftswissenschaftlerInnen, SozialpolitikerInnen und politische ÖkonomInnen als Ausgleich für die satzungsmäßige Selbstverpflichtung von Genossenschaften zu gemeinwohlorientiertem Handeln fördernde Rahmenbedingungen, so wie dies in anderen europäischen Ländern selbstverständlich ist. Klaus Novy bezeichnete die Gegenleistungen für Verfügungsbeschränkungen (Zinsobergrenze für Eigenkapital, Vermögensbindung, Kapitalneutralisierung, demokratische Struktur, sozial- und ökologisch verträgliche Produktion etc.) und die Übernahme öffentlicher Aufgaben durch genossenschaftliche Unternehmen als "rechtsförmigen Tausch" 81). Die direkten und indirekten Gegenleistungen bestünden z.B. in der Übernahme von Anteilen und Bürgschaften, zinsgünstigen Krediten, verlorenen Zuschüssen, der Überlassung von Grundstücken und Gebäuden, der Bevorzugung bei öffentlichen Auftragsvergaben, der Befreiung von Steuern und Gebühren etc. Heute wäre diese Idee anschlussfähig an die der ökosozialen Bilanzierung von Unternehmen.
Wie sollen Gemeinwesenökonomien, die nach einzelbetriebswirtschaftlichem Kalkül häufig nicht tragfähig sind, ökonomisch unabhängig werden? Neben der oben geäußerten Forderung nach Erhaltung gemeinen Eigentums als Voraussetzung für gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, muss auch immer wieder die Forderung nach gesellschaftlichem Risikokapital geäußert werden. Es gibt im internationalen Kontext die verschiedensten Überlegungen und realisierten Lösungen. Sie reichen von mäßigen Besteuerungen eines Teils der Gewinne aus der "Cyberwirtschaft" 82) über die investive Nutzung konsumtiver Transfergelder bis zur Schaffung eigener Finanzierungsinstrumente und lokaler Kreditgenossenschaften 83). In Deutschland erhalten zunehmend nur diejenigen Kredite, die überzeugend darstellen, dass sie sie nicht brauchen. Der Schaden, der den Banken durch eigene Wunschvorstellungen, Fehleinschätzungen und Bluff entsteht, wird ohne viel Aufheben sozialisiert. Mit dieser nicht nur ironischen Äußerung möchte ich betonen, dass es eine politische Frage ist, ob Vorhaben mit einem gemeinwohlorientierten Nutzen, der sich nicht oder nur bedingt als Gewinn privatisieren lässt, kreditwürdig sind und wer zu welchen Konditionen solche Kredite gewährt.
Derzeit weitet sich das lokale Stiftungswesen in Europa 84) rasant aus, eine Entwicklung die auch im Zusammenhang mit dem Rückzug des Staates steht. In Deutschland existieren derzeit 16 Bürger- und Gemeindestiftungen sowie 12 Gründungsinitiativen. Auch in diesem Bereich ist Norditalien führend. Mit der Privatisierung der sich im Staatsbesitz befindenden Banken im Jahr 1987, wurden quasi über Nacht ca. 80 gemeindeorientierte Bankenstiftungen mit einem Vermögen ca. 7 Milliarden DM gegründet. Hier könnte eine neue Chance für innovative lokale Lösungen entstehen. Viele Anzeichen weisen derzeit jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Die Lobby der Multinationalen Konzerne (WTO), prangert jede Form der Förderung lokaler und regionaler Ökonomie als Marktverzerrung an. Auch die noch teilweise regional eingebundenen Sparkassen werden aus ihren Einbettungen und in den globalen Wettbewerb mit den großen Geschäftsbanken gezwungen. Die Forderung der Gleichstellung in der Besteuerung von Kapital- und Personengesellschaften liegt derzeit auf den Tischen der Entscheidungsträger. Die Idee der bemächtigenden ökonomischen und sozialen Selbsthilfe der Ausgegrenzten wird überschattet von der verschärften aktuellen Praxis und Rhetorik der Einführung von "Zwangsarbeit" für Transfergeldberechtigte, Abbau und Kürzung von Versicherungs- und Versorgungsleistungen für Arbeitslose sowie die Einführung eines Niedriglohnsektors nach US-Amerikanischem Muster. Opfer werden mit diffamierenden Darstellungen zu Tätern gemacht.
Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen wären darüber hinaus erforderlich?
Nicht nur die Förderung von Entwicklungsperspektiven artikulationsschwacher Menschen, diese jedoch in besonderer Weise, bedarf der kompetenten Unterstützung. Einerseits sind die Betroffenen besonders unterstützungsbedürftig weil sie von Entwertungserfahrungen geprägt sind, andererseits sind die zu organisierenden Handlungsfelder der Belange benachteiligter Bevölkerungsgruppen, hoch komplex, denn sie tangieren alle zentralen Lebensbereiche und gehen über das "Soziale" weit hinaus 85). Es bedarf der professionellen Begleitung, Förderung und Unterstützung von Empowermentprozesse um nicht weitere Mißerfolgserlebnisse zu erzeugen.
Das Engagement von BürgerInnen orientiert sich am Eigennutz und öffnet die Tür zum Gemeinnutz. Es ist eigensinnig und eigenwillig 86). Sowohl die Ideen und Projekte ziviler Akteurinnen und Akteure als auch die Wege zu ihrer Erreichung sind meist unkonventionell, findig und synergetisch. Sie widersprechen den Vorstellungen etablierter Systeme in Verwaltung, Markt und Politik. Sollen Bürgerinnen und Bürger soziale und ökonomische Verantwortung übernehmen, müssen sie dies auch wirklich dürfen 87). VertreterInnen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft müssen die zivilen AkteurInnen an den Nahtstellen ihrer Handlungsfelder oder Kompetenzbereiche zulassen und sie nicht, wie dies im Bereich ökonomischer Selbstorganisation Praxis ist, verhindern und vernichten, oder wie im Bereich sozialer und politischer Selbsthilfe und Selbstorganisation üblich, vereinnahmen und gängeln. Teilhabe der BürgerInnen erfordert die Bereitschaft der Beteiligten aus den etablierten Systemen, sich auf Neues lernend einzulassen und Macht zu teilen.
Die notwendige Gestaltung neuer Arbeits- und Lebensperspektiven in einer veränderten, multiaktiven Tätigkeitsgesellschaft ist nicht ohne die der individuellen existenziellen Voraussetzungen zu diskutieren. Gemeinwesenökonomie ist eine Perspektive für diejenigen, die nicht aufgrund von Vermögensbesitz existenzielle Unabhängigkeit vom Erwerbsarbeitsmarkt genießen. André Gorz hat bereits in den 80er Jahren 88) als Antwort auf das Ende der Erwerbsarbeitsgesellschaft und als Voraussetzung für den Weg zur Tätigkeitsgesellschaft die Einführung einer Grundsicherung gefordert. Die teilweise Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Einkommen, die Umverteilung von Erwerbsarbeit und die Neugewichtung gesellschaftlicher Tätigkeiten verbunden mit einer Grundsicherung ist Grundlage einer breiten Entfaltung bürgerschaftlicher Teilhabe zu der auch die Gemeinwesenökonomie zählt.


Fussnoten:

1) U.a.: Duchrow, Ulrich/Hinkelammert, Franz Josef: Leben ist mehr als Kapital. Oberursel 2002; Ulrich, Peter/Maak, Thomas (Hrsg.): Die Wirtschaft in der Gesellschaft. Bern/Stuttgart/Wien 2000; Mander, Jerry/Goldsmith, Edward (Hrsg.): Schwarzbuch Globalisierung. München 2002
2) Als Kooperationsprojekt deutscher und schweizerischer Hochschulen wird ab Sommersemester 2004 der postgraduale Masterstudiengang "Gemeinwesenentwicklung, Quartiermanagement und Lokale Ökonomie" an der Fachhochschule München angeboten werden
3) Z.B. die Emmaus-Bewegung in der Arbeit mit Obdachlosen
4) Campfens, Hubert: Community Development araound the World. Toronto/Buffalo/London 1999
5) Oelschlägel, Dieter: Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit. In: Institut für soziale Arbeit e.V. (Hg.): Im Dickicht der Städte – Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Münster 2001 S. 23
6) Vergl.: Cobb, John B.: Economics for the common good. In: Ihmig, Harald: Wochenmarkt und Weltmarkt. Bielefeld 2000
7) Ulrich, Peter: Integartive Wirtschaftsethik. Bern/Stauttgart/Wien 1997 und derselbe: Der entzauberte Markt. Freiburg/Basel/Wien 2002
8) Vergl.; Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie, Neuwied 1998
9) Im romanischen Raum spricht man deshalb von Économie Solidaire. Frankreich hat seit 1999 ein Staatssekretariat für diesen Sektor, dessen Eigenlogik in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen und außereuropäischen Ländern wenig bekannt und vielfach missverstanden ist.
10) Zur Bedeutung und Wirkung des Steuerungsmodus Solidarität, vergl.: Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main 1985 S. 158
11) Negt, Oskar: Arbeit und Menschliche Würde, Göttingen 2001, S. 319
12) Negt, Oskar: a.a.O.: S. 405
13) Seit mehreren Jahren bearbeite ich mit Studierenden Lösungen insbesondere in Argentinien, Südindien und Südafrika, stehe in intensivem Praxisaustausch, der unseren Studierenden offen steht und lade jedes Semester Kolleginnen und Kollegen aus vielen Regionen der Welt zur Veranstaltungsreihe "Community-work around the World" ein.
14) Sen, Amartya: Ökonomie für den Menschen. München/Wien 2000 und Yunus, Muhammad: Grameen. Bergisch-Gladbach 1998
15) Z.B. die derzeitigen Versuche, Opfer von Arbeitslosigkeit und Sozialhilfeberechtigte als Schmarotzer darzustellen um damit weitere Deregulierungen die Einführung eines Niedriglohnbereiches und den weiteren Abbau von Sozialleistungen zu erwirken
16) verg.: Rose, Nikolas: Tod des Sozialen? In: Bröckling, Ulrich u.a. (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000
17) Nach dem republikanisch-liberalen Grundmodell umfasst der volle BürgerInnenstatus diese drei Aspekte. Vergl.: Ulrich, Peter/Maak, Thomas: Die Wirtschaft in der Gesellschaft. Bern, Stuttgart, Wien 2000
18) Ries, Heinz.A./Elsen, Susanne./u.a.: Die Genossenschaft am Beutelweg, (Broschüre) Trier 1999
19) Dahrendorf Rolf: Über den Bürgerstatus, in: Brink, B. van den/Reijen, W. van (Hrsg.): Bürgergesellschaft, Recht und Demokratie, Frankfurt am Main 1995 S. 33
20) Dahrendorf, Rolf: Moralität, Institutionen und die Bürgergesellschaft, in: Merkur, Nr. 7 1992, S. 557 f.
21) Wendt, Wolf Rainer: Bürgerschaft und zivile Gesellschaft, in: derselbe: Zivilgesellschaft und soziales Handeln, Freiburg 1996, S. 18.
22) Schmid, Susanne/Wallimann, Isidor: Armut: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, Bern/Stuttgart/Wien, 1998 S. 54 f.
23) Ulrich, Peter: Der entzauberte Markt. Freiburg/Basel/Wien 2002 S. 102
24) Eine umfangreiche Darstellung werde ich 2004 vorlegen: Elsen, Susanne: Zivilgesellschaft, Gemeinwesenentwicklung und Solidarökonomie – die lokale Gestaltung des Sozialen
25) Pankoke, Eckart: Freie Assoziationen. In: Zimmer, Annette/Nährlich, Stefan (Hrsg.): Engagierte Bürgerschaft. Opladen 2000 S. 189
26) Vergl.: Elsen, Susanne u.a.: Die Genossenschaft am Beutelweg. In: Elsen, Susanne/Ries, Heinz u.a. (Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten. Neuwied 2000 S. 269
27) vergl.: Herriger, Norbert: Empowerment in der Sozialen Arbeit. Stuttgart/Berlin/Köln 2002
28) Derselbe: a.a.O.: S. 12
29) Klöck, Tilo (Hrsg.): Solidarische Ökonomie und Empowerment. Neu Ulm 1998
30) Addams, Jane (1912): "We stupidly use the effect as an argument for the continuance of the cause" In: Zwanzig Jahre soziale Frauenarbeit, München 1913
31) Derzeit beispielsweise Soziale Stadt
32) Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie, Neuwied 1998; sowie Elsen, Susanne: Lokale Handlungskonzepte, in: Elsen, Susanne/Ries, Heinz A. (Hrsg): Sozialen Wandel gestalten, Neuwied 2000
33) Elsen, Susanne:Zivile Gesellschaft gestalten, in: Elsen, Susanne/Ries, Heinz A. (Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten, Neuwied 2000
34) Elsen,Susanne: Über den Zusammenhang globaler und lokaler Entwicklungen, in: Elsen, Susanne/Lange, Dietrich/Wallimann, Isidor: Soziale Arbeit und Ökonomie, Neuwied 2000
35) Ulrich, Peter/Maak, Thomas: Lebensdienliches Wirtschaften, in: Dieselben (Hrsg.) Die Wirtschaft in der Gesellschaft, Bern/Stuttgart/Wien 2000
36) Elsen, Susanne/Lange, Dietrich/Wallimann, Isidor (Hrsg.): Soziale Arbeit und Ökonomie, Neuwied 2000
37) Elsen, Susanne/Ries, Heinz A. u.a. (Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten, Neuwied 2000, S. 240 f.
38) Gorz, André: Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main, 2000
39) Polanyi, Karl: The great Transformation, 3. Auflage, Frankfurt am Main 1995
40) Beywl, Wolfgang/Flieger, Burghard: Genossenschaften als moderne Arbeitsorganisation, Fernuniversität Hagen 1993
41) Haug, Wolfgang Fritz: Eigentum. In: Historisch-Kritisches Wörterbuch Berlin; Hamburg 1998
42) Ries, Heinz: Wohnen, Arbeiten, Teilhaben als Basis einer lokalen Ökonomie. In: Sahle, Rita/Scurrell, Babette (Hrsg.): Lokale Ökonomie. Freiburg 2001 S. 48
43) Bis zu seinem Ende im Jahr 2002 hat der "zweite Arbeitsmarkt" in Deutschland diese Chance nicht genutzt (nicht nutzen dürfen!)
44) verg.: Elsen, Susanne Gemeinwesenökonomie. Neuwied 1997 S. 248 f.
45) verg.: Negt, Oskar: a.a.O. S. 388
46) Ries, Heinz: a.a.O. S. 49
47) Alinsky, Saul: Anleitung zum Mächtigsein. Bornheim 1984
48) Bischoff, Ariane/Selle, Klaus/Sinning, Heidi: Informieren Beteiligen Kooperieren, Dortmind 1995
49) Addams, Jane: Zwanzig Jahre soziale Frauenarbeit in Chicago, München 1913
50) Die Genossenschaft am Beutelweg, eine mehrfach preisgekrönte Sozialgenossenschaft ist ein solches Modell
51) Evangelisches Bildungswerk München (Hrsg.): Stiftungen nutzen – Stiftungen gründen. 2. Aufl. Neu-Ulm 2002
52) Wendt, Wolf Rainer: Sozialwirtschaft und Sozialmanagemnt, Baden-Baden 1999
53) Frankreich hat im Jahr 2000 ein Staatssekretariat für den Bereich der Solidarwirtschaft eingerichtet, dem die Formen lokaler Selbstorganisation zuzurechnen sind. Vergl.: Le Monde diplomatique vom 16.11. 2000
54) Süddeutsche Zeitung vom 30.9. 2002
55) Lietaer, Bernard: Das Geld der Zukunft. München 2002
56) Süddeutsche Zeitung vom 7.1. 2003
57) Modelle der Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildung ABWF
58) z.B.: Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern: Sozialarbeit von Wohnungsunternehmen. München 1999
59) verschiedene Beiträge in: Elsen, Susanne/Ries, Heinz A. (Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten, Neuwied 2000
60) Elsen, Susanne: Genossenschaften als lokale Arbeitsorganisation, in: Ihmig, Harald (Hrsg.): Wochenmarkt und Weltmarkt, Bielefeld 2000
61) Elsen, Susanne: a.a.O. (1989) S. 61
62) Niewöhner,Annette: Eine andere Form lokaler Wirtschaftsförderung, in: Elsen,Susanne/Ries,Heinz u.a.(Hrsg.) Sozialen Wandel gestalten, Neuwied 2000
63) z.B. Campfens, Hubert: Community Development Around the World. Toronto, Buffalo, London 1999
64) Vergleiche: Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie - eine Antwort auf Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung? Neuwied 1998
65) Kretzmann, John P./McKnight, John L.: Building Communities from the inside out, Chicago 1993
66) Jäger, Wieland/Beywl, Wolfgang (Hrsg.): a.a.O., S. 200.
67) Novy, Klaus: (1986), a.a.O., in: Berger, Johannes/Domeyer, Volker/Funder, Maria/Voigt-Weber, Lore (Hrsg.): a.a.O., S. 84.
68) Mersmann, Arno/Novy, Klaus: a.a.O., S. 26.
69) Novy, Klaus: (1986), a.a.O., in: Schwendter, Rolf (Hrsg.): a.a.O., S. 194.
70) Novy, Klaus: (1986), a.a.O., in: Berger, Johannes/Domeyer, Volker/Funder, Maria/Voigt-Weber, Lore (Hrsg.): a.a.O., S. 91.
71) Mersmann, Arno/Novy, Klaus: a.a.O., S. 33.
72) Blümle, Ernst-Bernd: Die Genossenschaft als Zusammenschluß von Wirtschaftssubjekten und als Gemeinschaftsbetrieb, in: Laurinkari, Juhani (Hrsg.): a.a.O., S. 79.
73) Vierheller, Rainer: Die Gleichstellung der Mitglieder der Genossenschaft, in: Laurinkari, Juhani (Hrsg.): a.a.O., S. 161.
74) Ebenda: S. 161.
75) Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie, Neuwied 1998
76) Frankreich hat seit dem Jahr 2000 ein eigenes Staatsekretariat für Èconomie Solidaire
77) Klee, Ernst: Behindert. Frankfurt am Main 1987
78) Derzeit bemüht sich der Verein zur Förderung des Genossenschaftswesens gemeinsam mit dem Paritätischen um eine Gesetzesreform in Deutschland, die gemeinwohlorientierte Genossenschaften (Sozialgenossenschaften) strukturell fördert
79) vergl.: Elsen, Susanne (1998) a.a.O.
80) Ebenda.
81) Beywl, Wolfgang/Flieger, Burghard: Genossenschaften als moderne Arbeitsorganisation, Fernuniversität Hagen, 1993, S. 62.
82) Rifkin, Jeremy: in: Handelsblatt vom 16.10 1997.
83) Europäische Kommission: Lokale Initiativen zur wirtschaftlichen Entwicklung und Beschäftigung, Brüssel, Luxemburg, März 1995.
84) 52 N. Züricher Zeitung, 21.August 2000, u.Ripp, W.:Bürgerstiftungen, in: dzi Soziale Arbeit, Heft 10-11 2000).
85) vergl.: Elsen, Susanne/Ries, Heinz A. Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten - Lernen für die Zivilgesellschaft, Neuwied 2000
86) Boll, Joachim/Huß, Reinhard/Kiehle, Wolfgang: Mieter bestimmen mit, Darmstadt 1993
87) Verg.: Klages, Helmut: Der blockierte Mensch. Frankfurt/New York 2002
88) Gorz, André: Und jetzt wohin ?, Nördlingen 1991