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Renate Schnee, Stadtteilzentrum Bassena Am Schöpfwerk, Am Schöpfwerk 29/14, A - 1120 Wien, Tel.: +43-1-667 94 80, Fax.: +43-1-665 91 78, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: http://www.bassena.at/
Renate Schnee ist Leiterin des Stadtteilzentrums BASSENA Am Schöpfwerk; ausgebildet in Sozialarbeit, Gesprächstherapie, Körpertherapie, Public Relations, Radiojournalismus, Systemisches Coaching, Systemische Organisationsentwicklung, Socialwork-Studium an der University of Morgantown, USA. Lehrbeauftragte für Gemeinwesenarbeit Fachhochschule Campus Wien. Diverse Publikationen zu Bürgerbeteiligung, Empowerment, Gemeinwesenarbeit.


Ein Arbeitsansatz und praktische Beispiele aus dem Wiener Stadtteilzentrum BASSENA Am Schöpfwerk, das 1.700 kommunale Wohnungen umfasst, in denen 5.000 Menschen leben. Im Einzugsgebiet liegen zwei weitere, kleinere und ältere Kommunalsiedlungen, insgesamt also 8.000 Menschen. Einige wichtige soziale Einrichtungen, die miteinander gut vernetzt sind, existieren seit vielen Jahren in der Siedlung: ein Jugendzentrum, ein Nachbarschaftshilfezentrum, ein Stadtteilzentrum, eine städtische Bücherei, eine katholische Pfarre, eine Polizeistation, eine Gebietsbetreuung, Schulen und Kindergärten.
Die folgenden Szenarien sind nicht nur Am Schöpfwerk, nicht nur in Wien, wahrscheinlich in vielen europäischen Ballungszentren in unterschiedlichen Ausprägungen vorzufinden.

  • Erste Moschee im Gemeindebau. Erboste BewohnerInnen einerseits, irritierte Muslime – ebenfalls BewohnerInnen - andererseits. Jugendliche warten auf das Einsatzkommando von MitbewohnerInnen, um die Moschee im Erdgeschoss "abzufackeln". Fenster einschlagen, Benzin rein. Darüber liegen 160 Wohnungen.
  • Extrem hohe Wohnkosten belasten das Haushaltsbudget. Viele überlegen sich, wie lange sie sich in diesem Gemeindebau die Wohnung noch leisten können, die immer teurer und desolater wird.
  • Jugendliche Skater üben mit ihren Brettern Tricks im Betonbau, das macht Krach. Ruhebedürftige Erwachsene – sehr aktivierte – starten Unterschriftenlisten und überlegen sich, eine Bürgerwehr zu bilden und die Skater nicht nur verbal gewaltsam zu vertreiben.
  • Armut und Ausgrenzung steigen, am stärksten sind Frauen betroffen, auch deren Kinder. Ausschluss aus der (Konsum)Gesellschaft bedeutet vielfach Rückzug in die (ungeheizte) Wohnung, fast keine Kontakte, Isolation, Resignation, Krankheit, Sucht, Gewalt, Rassismus.

Wie ist Gemeinwesenarbeit (GWA) auf solche Situationen vorbereitet und was kann sie tun?

  • Erst einmal geht es um Arbeitshaltung.
    Die Strategien und Handlungen der GemeinwesenarbeiterInnen leiten sich aus einer Lebens- und Arbeitshaltung ab, die sich wirkungsvoll unterscheidet von einer Amtshaltung oder einer hierarchischen Fachhaltung (SozialarbeiterexpertInnen haben zu wissen, was für die KlientInnen gut ist). Gemeinwesenarbeit entwickelt vielmehr eine "Professionalität des Nichtwissens" 1), was heißt, dass sie sich an den Themen und Interessen der Menschen im Stadtteil orientiert und Ressourcen aufspürt, welche die Lösungskompetenz der Menschen stärkt und Selbstorganisationsprozesse unterstützt.
  • Zielgruppen- und ressortübergreifend.
    GemeinwesenarbeiterInnen reden nicht von ihren KlientInnen, sondern von Menschen im Stadtteil, von BewohnerInnen, Betroffenen oder von BesucherInnen. Das Blickfeld richtet sich vom einzelnen Menschen, wo im Rahmen der Gespräche einzelne Phänomene auftauchen, die zunächst für sich betrachtet individuelle Erscheinungen sind, jedoch bei unterschiedlichen Menschen vorkommen und sucht nach strukturellen Hintergründen und Schnittstellen. Wahrgenommene Themen oder Phänomene werden zielgruppen- und ressortübergreifend angegangen. In der GWA sind häufig interdisziplinäre Teams zu finden, die eine Vielfalt von Expertisen bündeln.
  • Methodenvielfalt.
    Die Methoden innerhalb dieses Arbeitsprinzips GWA werden je nach Situation passgenau ausgewählt und kommen aus der Einzelarbeit (z.B. Gesprächsführung), der Gruppenarbeit (z.B. Moderation), der Aktionsforschung (z.B. Befragungen), der Öffentlichkeitsarbeit (z.B. eigene Medien, Zeitung, Radio und Netzwerke zu konventionellen Medien) der Kultur- und Bildungsarbeit (z.B. Wissen erarbeiten und vermitteln), der Freizeitarbeit (z.B.Gestaltung von Freiräumen und Freizeit) und der politischen Arbeit (z.B. Runde Tische, Protestaktionen, Ver- und Aushandlungen).
  • Ausgangspunkt der GWA sind die Bedürfnisse und Themen der Menschen. 2)
    Kaum ein Arbeitsansatz sozialer Arbeit ist in seinen Handlungsmöglichkeiten so vielfältig und ganzheitlich wie die GWA. Ihre zentralen Arbeitsprinzipien sind die Orientierung an den Bedürfnissen und Themen der Menschen, sowie die Orientierung am Willen der Menschen bei der Gestaltung von Lebensräumen und Sozialräumen.
  • Wo und wie und erfährt man denn die Bedürfnisse und Themen der Menschen?
    Entweder die BewohnerInnen treffen auf die GemeinwesenarbeiterInnen oder die BewohnerInnen werden von den GemeinwesenarbeiterInnen aufgesucht.

Im Stadtteil Am Schöpfwerk ist das Stadtteilzentrum BASSENA ein kommunikativer Treffpunkt, wo Informationen aller Art gehandelt werden. Dort existiert seit 25 Jahren ein zensurfreier und geschützter Raum für sämtliche BewohnerInnen, also sämtliche Ziel- und Altersgruppen.
Praktisch spielt sich das so ab, dass an ca. 40 Stunden in der Woche das Zentrum nutzbar ist, sämtliche Türen zu den Büros geöffnet sind; eine vage Unordnung vermittelt nicht amtliches Ambiente. Im Eingangsbereich gibt es diverse Infobroschüren zum Stöbern und eine kleine Cafeteria mit ca. 20 Sitzplätzen. Dort stehen zur Selbstbedienung ständig literweise Tee und Kaffee in Kannen zur Verfügung, daneben ein Sparschwein für freiwillige Kaffeespenden. Manchmal spendieren die Leute Kaffeepulver und Teebeutel.
Das ist ein wichtiger Teil des zensurfreien und geschützten Raumes. Dort werden heiße Themen aufgegriffen und angesprochen, dort wird Diskurs organisiert. Und dort ist es deshalb möglich, eigene Vorurteile und Annahmen der BewohnerInnen (über die anderen: Nachbarn, Verwaltung, Politik) durchaus emotional abzuladen. Dort darf man sich auch mal daneben benehmen, ohne dass eine Sanktion folgt. Die MitarbeiterInnen der BASSENA trainieren ständig, wie Gespräche angelegt sein müssen, um auch mit Menschen mit rassistischen oder ausgrenzenden Meinungen in Kontakt zu bleiben und im Gespräch Selbstreflexionsprozesse in Gang zu bringen.
Das Stadtteilzentrum wird zusätzlich außerhalb der Öffnungszeiten an Abenden und am Wochenende an Gruppen und Familien für Treffen und Familienfeiern vermietet.
Für die "Professionalität des Nichtwissens" kommen Gesprächsmethoden in Einsatz, um mit den Befragten gleich auf Ressourcensuche zu gehen (im persönlichen, familiären, nachbarschaftlichen, institutionellen Bereich).


  • Der alltägliche Standard: das aktivierende Gespräch als wichtigstes Handwerkszeug.
    Diese Art der Sozialraumerkundung kann fast immer und überall stattfinden, in der Cafeteria, im öffentlichen Raum, auch im Anschluss an eine Beratungssituation im Amt und ebenso mit dem Direktor der Schule, der Mitarbeiterin des Jugendamtes oder mit den lokalen PolitikerInnen, die man z.B. anlässlich einer kulturellen Einladung im Bezirksmuseum oder sonst wo trifft. Mit offenen Fragen wird die Meinung und die Stimmung der Menschen erkundet. Dieses Interesse der GemeinwesenarbeiterInnen an den Themen der Menschen eröffnet den gemeinsamen Blick auf Ressourcen, die bis dato möglicherweise brach gelegen sind und kann zu ersten Schritten zur Erprobung der Selbsthilfekräfte der Menschen führen.
    Die Fragen werden je nach GesprächspartnerIn und -situation modifiziert. Klassische Mundöffnerfragen bei BewohnerInnen sind z.B.: In welchem Bauteil wohnen Sie denn? Wie lange sind Sie denn schon in dieser Siedlung? Ressourcenorientierte Fragen sind z.B.: Was gefällt Ihnen in der Siedlung gut? Natürlich auch die Frage: Was gefällt Ihnen dort nicht so gut? Hypothetische Fragen sind z.B. Wenn Sie Bürgermeister wären, was würden Sie da machen? Was sollte anders sein? Weiters: Wer könnte das machen? Aktivierende Momente sind z.B.: Kennen Sie noch jemand, der damit unzufrieden ist? Was können Sie sich vorstellen dazu beizutragen, dass das einmal angegangen wird?
  • Die soziale Inszenierung. (Begriff von Konrad Maier, Freiburg)
    Um mit den Menschen in Kontakt zu kommen, organisiert die Bassena soziale Inszenierungen. GWA macht in der Regel keine konsumorientierten Freizeit-, Bildungs-, Kulturangebote. Sie soll ja nicht Entertainment und Beschäftigungstherapie bieten, sondern einen zensurfreien, geschützten Raum oder Treffpunkt schaffen, wo die Menschen angeregt werden, ihre Themen und Ideen zu reflektieren, zu bearbeiten und mit adäquaten AkteurInnen (anderen BewohnerInnen, Verwaltung, Lokalpolitik, Gewerbetreibenden,...) auszuhandeln. Offene Angebote und soziale Inszenierungen sind strategisch begründbare Interventionen. z.B. Aktionen im öffentlichen Raum, Feste, Medienprojekte, ein Gratis-Bazar, Forum-Theater, Ausstellungen und Installationen im öffentlichen und halböffentlichen Raum, öffentliche Frühstücke im Freien u.v.a. Sie sind so angelegt, dass sie die Menschen anreizen, provozieren, motivieren zu Reflexion und zu Prozessen der Veränderung.
  • Ergebnisse sind nicht planbar. Der Prozess ist wichtig. Das Ergebnis natürlich auch, aber es ist nicht planbar. Für die Menschen und die GemeinwesenarbeiterInnen im Stadtteil ist das spannend, weil gut reflektiert und maßgeschneidert entwickelt und gesteuert – für Auftraggeber eher beängstigend, weil nicht gut kontrollierbar. In der GWA ist das Unvorhergesehene die Normalität. Beständigkeit ist eher das Überraschende. Dazu ist ein sehr flexibler Arbeitsstil notwendig.
  • Das Ziel ist aber klar: Linderung und Bearbeitung von Problemlagen mit den – und nicht für die – Betroffenen und die Verbesserung der immateriellen Faktoren 3). GWA nutzt dazu die Möglichkeit, in überschaubaren Regionen und Bezügen die Beteiligung der Betroffenen zu erwirken und stärkt die demokratische Kultur. Sie arbeitet im Sinne der gerechteren Umverteilung von Macht, Verantwortung und Ressourcen.

Wie tut GWA und welche Wirkungen hat sie?

  • Im Falle der Moschee im Gemeindebau: Sofort nach bekannt werden der Situation 80 Einzel- und Gruppengespräche innerhalb von 3 Wochen, mehrere spontane Konfliktmoderationen vor Ort, Bewusstsein schaffen dafür, dass Lärmprobleme ebensolche sind und nicht muslimische Probleme. Bewohner werfen der Politik und Verwaltung vor, sie mit der unangekündigten Vergabe des Raumes an die Muslimen hintergangen zu haben. GWA organisiert einen Runden Tisch mit den Opionleader der Siedlung, mit Verwaltung, lokalen Institutionen, Politik und Polizei. Alle Hypothesen und Vorurteile kommen auf den Tisch. Heftige Diskussion, GWA moderiert. Später Unterstützung seitens GWA bei der Bewerbung zum Tag der offenen Tür in der Moschee. Einladung an die Muslimen zu Teilnahme an Medienprojekt, wo sie sich seither regelmäßig selber darstellen. Viele weitere Gespräche in der Moschee und im Stadtteilzentrum. Deutschkurse. Konflikte sind gewaltfrei und weniger geworden, dennoch ständiges Abarbeiten von neu auftauchenden Problemen. Dennoch Anzeichen von vorsichtiger Annäherung, vor allem im Projekt Gratis-Bazar und Gemüsegarten, siehe unten.
  • Extrem hohe Wohnkosten: Sperrmüllentsorgung kostete vor einigen Jahren in einer Wiener Siedlung 113.900 Euro im Jahr. Sperrmüll im Wohngebiet abstellen ist übrigens illegal. Für das unattraktive Thema (wer hat nicht schon mal ein altes Kastel runter gestellt) braucht es einen provokativen Aufreißer. Müll wird von den GWA-Leuten öffentlich vor dem Schulplatz aufgestellt. Die soziale Inszenierung wirkt: GWA-Leute werden vorerst von MieterInnen beschimpft und nützen die gute Gelegenheit für aktivierende Gespräche. Es bildet sich eine aktive Bewohnergruppe, begleitet von der GWA, die zwei Jahre lang das Thema Sperrmüll bearbeitet. Verwaltung wird involviert, MieterInnen schlagen neue Firma vor, mit der sie selber zuvor Preisverhandlungen führen. Ein Jahr später: Statt 113.900 Euro nur 21.000 Euro. Erfolg. Freude. Aber da kann was nicht ganz stimmen. Soviel Geld gespart? Recherchieren, fragen, rechnen. Viel zu viel verrechnet? Irrtum oder Korruption? Mieter klagen die Verwaltung. GWA unterstützt BewohnerInnen, bekommt Schwierigkeiten mit Auftraggeber: "Die Hand die einen füttert, beißt man nicht!" Erst recht: GWA hat auch ethische Grundsätze. Die haben mit Gerechtigkeit und Unterstützung der Schwächeren zu tun. Weitermachen. Vier Klagsandrohungen von Politikern und Beamten an die Bassena. Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass sich GWA im Spannungsfeld zwischen Politik/Verwaltung/Bürgerinteressen/Berufsethik bewegt.
    In der zweiten Instanz gewinnen die Mieter abermals und die Hausverwaltung muss allen MieterInnen die zuviel verrechneten Kosten zurück zahlen.
  • Jugendliche Skater und ruhebedürftige Erwachsene. Die Jungen machen in der Betonsiedlung Lärm, die Alten schimpfen, alle bedrohen einander, die Jungen werden vertrieben, sie rächen sich mit Sonderkrawall, Polizei wird gerufen, Watschen gegenseitig angedroht, "Wennst di net sofort schleichst, frisst die Brettl!". Die GemeinwesenarbeiterInnen agieren wie Regisseure beim Improvisationstheater und eröffnen im Gemeinwesen eine öffentliche Bühne, wo sämtliche SpielerInnen ihren Part einbringen. Das Stück wird gemeinsam mit den SpielerInnen entwickelt. Die Vorgabe für die Handlung ist der lebensweltliche Alltag der AkteurInnen. Für Rollen mit fehlenden Besetzungen sucht die Regie gemeinsam mit den anderen AkteurInnen nach geeigneten Personen oder Institutionen, die in der Handlung einen wichtigen Part inne haben. Das Stück auf dieser Bühne hat viele dramaturgische Elemente von komisch bis tragisch und sie werden Schritt für Schritt weiterentwickelt. Der Ausgang der Handlung ist offen, es liegt an den SpielerInnen, ihre ihnen entsprechenden Lösungen zu finden.
    Im konkreten Fall wurde mit den Skatern eine Hörprobe in der Wohnung eines älteren Beschwerdeführers organisiert. Unten wurde geskatet, oben im Wohnzimmer mitten in einer spontanen Versammlung von aufgebrachten Erwachsenen und weiteren Skatern wurde gehorcht, wie laut denn der Krawall wirklich ist. In einer anschließenden lauten, heftigen Aushandlungsrunde stellten sich diametrale Interessen heraus, die unvereinbar sind. Schließlich wurde von der GWA-Moderation ein Vorschlag aufgegriffen, der dann auch konsequent umgesetzt wurde: Das Abkommen. Die Skater gaben einen "Eid", ab sofort nicht mehr bei den Müllräumen zu skaten, wenn die Erwachsenen ihnen helfen, einen wohnungsnahen Platz zu organisieren. In einem halben Jahr wurde der neue Skaterplatz mit den Jugendlichen geplant und bei einem Stadtteilfest, an dem sich alle beteiligten, eröffnet. Siehe www.telesozial.net/skaterprojekt
  • Armut und Ausgrenzung. Die soziale Inszenierung: ein Gratis-Bazar 4). Sachen, die nicht mehr gebraucht werden, kommen in die fahrbaren Regale des Gratis-Bazar. Von dort kann jede/r täglich drei Dinge gratis mitnehmen. Das Operative (her- und wegräumen, Statistik führen, neue Waren einräumen, Kaffee kochen, ...) organisiert eine Gruppe von österreichischen und ägyptischen Frauen. Über 130 Leute besuchen täglich den Gratis-Bazar, etwa 400 Waren werden täglich umgesetzt. Es wird viel Kaffee getrunken und vernetzt. Man braucht nicht ein Problem deklarieren, um das Stadtteilzentrum aufzusuchen, man kommt und bringt was oder holt was. Die Sorgen und Probleme kommen einfach mit. Und können, wenn gewünscht, mit professioneller Hilfe bearbeitet werden. In diesem sozialen Mikrokosmos des Gratis-Bazar spiegeln sich die Schwierigkeiten des Gemeinwesens und der Gesellschaft. Armut, Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzungskonflikte. Hier können einige davon bearbeitet werden.
    Ein aktuelles Projekt: Die "Fisch-Tomaten" - Ein kleiner Baustein zur Subsistenzwirtschaft im urbanen Raum. Gemeinsam mit Studenten und BewohnerInnen aller Altersgruppen werden im Stadtteilzentrum in einer Badewanne Fische gezüchtet, die natürliche Düngemittel produzieren, mit denen ein Pflanzbecken geflutet wird, in dem ohne Erde und ohne mineralischem Kunstdünger hohe Erträge auch übern Winter geerntet werden. Im Frühjahr werden Pflanzensetzlinge an die Gartengruppe, bestehend aus Frauen verschiedener ethnischer Herkunft, verteilt. Diese bepflanzen den Vorgarten des Stadtteilzentrums mit Gemüse und regen an, die vielen vorhandenen Balkongefäße und Teile des Siedlungsfreiraums mit Nutzpflanzen zu bewirtschaften.
    Eine weitere Idee ist das Tüfteln, wie erneuerbare Energie für die Siedlung produziert werden kann: Solar- und Fotovoltaiktechnik auf den Flachdächern der Wohnhäuser. BewohnerInnen bringen eigenes Wissen ein und werden mit Fachexperten vernetzt. Gemeinsam mit ihnen soll in Verwaltung und Politik Lobbying für den Nachbau der Infrastruktur für Sonnenenergie betrieben werden. Das Ziel ist in drei Jahren ein Stück Energieautonomie. Solche Schritte gegen die Abhängigkeit der Energieglobalisierung in Richtung Energiedemokratie finden wir in Anbetracht des Endes des Erdölzeitalters besonders wichtig.
  • Sozialpolitisches Experimentierfeld. Das, was sich in der alltäglichen Arbeit sichtbar zeigt, sind Probleme, die aufgrund von nicht adäquat erfüllten menschlichen Grundbedürfnissen und Grundrechten entstehen und sich in Folge dieses Mangels als Krankheit, Armut, Arbeitslosigkeit, Isolation, Süchte, Kriminalität, Gewalt, Rassismus, Sexismus, Nationalismus äußern.
    Dass menschliche Grundbedürfnisse nicht adäquat erfüllt sind, daran sind nicht die Betroffenen persönlich schuld, es ist auch nicht ein genereller Mangel an Ressourcen der Grund für vielfältige Defizite (allein in Österreich gibt es 6.040 Dollarmillionäre, die zwischen 5 und 30 Millionen Dollar besitzen 5), vielmehr ist es eine hohe Komplexität vielerlei Ursachen, die zu einer derart ungleichen und ungerechten Verteilung führt. GWA muss, um nachhaltig wirksam werden zu können, diese Ursachen kennen und bearbeiten um Benachteiligungen entgegenzuwirken.
    Die wachsende Armut bei den Menschen ist auch bei vielen Nationalstaaten zu registrieren. Bisher wurden von den Regierungen zur Sanierung der rasant wachsenden Haushaltsdefizite vorwiegend Überlegungen angestellt, wie bei den Schwächsten gespart werden kann. Es braucht aber dringend grundsätzliche Veränderungen an unserem Geld- und Steuersystem, um zu einer gerechteren Verteilung zu kommen. Hierzu hat die GWA sich seit jeher als sozialpolitisches Experimentierfeld bestätigt (LETS- Zeittauschwährungen, komplementäre Regionalwährungen, genossenschaftliche und andere Vereinigungen, Mikrokredite, Bürgerbeteiligungsprozesse...) und Anregungen entwickelt, die später ins Regelwerk von Politik und Verwaltung integriert wurden.
    Dieses Wissen für eine zukunftsfähige Gesellschaft ständig zu erweitern und mit Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu kommunizieren und zu vernetzen, das ist ebenfalls GWA.

Fußnoten:

1) "Systemisches Coaching für Organisationen: Die Professionalität des Nichtwissens" lautete ein Spezialcurriculum des ÖAGG
2) Stadtteilzentrum Bassena: http://www.bassena.at/tagung/positionspapier.pdf, Februar 2005
3) Stadtteilzentrum Bassena: http://www.bassena.at/tagung/positionspapier.pdf, Februar 2005
4) Stadtteilzentrum Bassena: http://www.bassena.at/bazar.html, März 2005
5) Armuts- und Reichtumsbericht für Österreich. Hrsg. A. Höferl, Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung, Wien 2004.