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Von Innen nach Außen - ein Ansatz zur Entwicklung von Stadtteilen und Nachbarschaften

Geschrieben von Michael Rothschuh am .



Ich stelle einen in den USA entstandenen und verbreiteten Ansatz zum Community Building vor von John P. Kretzmann und John L. McKnight: Buiding Communities from Inside Out, Chicago/ Evanston 1993

Dieser Artikel ist bereits erscheinen in FORUM SOZIAL, der Zeitschrift des DBSH.

1.     Die Landkarte im Kopf

South Bronx, Rostock- Lichtenhagen, Märkisches Viertel in Berlin, Vorstädte von Marseille - über manche Stadtteile wissen wir schon alles, auch wenn wir noch nie dort waren: Armut, Müllhaufen auf der Straße, Arbeitslosigkeit, Gewalt in den Familien, beschmierte Wände, Ausländerfeindlichkeit, Kriminalität, Jugendbanden, Rechtsradikalismus, kaum jemand geht wählen, im Sozialarbeiter-Sprachgebrauch "Soziale Brennpunkte" eben. Und wir wissen auch schon, was man dagegen tun muss: mehr Jugendzentren, Straßensozialarbeiter, Angebote für Arbeitslose. Dafür braucht es Geld von der Stadt, dem Staat, der Europäischen Union. Und doch, auch das wissen wir, wird das alles nicht an der Wurzel helfen, wir reden von der "Teufelsspirale" oder auch dem "Faß ohne Boden": egal wie viele Hilfsmittel man in den Stadtteil geben mag, es wird unaufhaltsam schlimmer und schlimmer; wer aus solchen Stadtteilen kommt, hat keine Chance.

John Kretzmann hat eine ungewohnte und zugleich "frohe Botschaft" für uns: Dies alles ist die Landkarte von desolaten Stadtteilen, die wir in unserem Kopf haben, sie spiegelt einen Teil der Wahrheit wider, aber wir nehmen sie für die ganze Wahrheit. Wir können umdenken; es stimmt: das Glas ist halb leer, aber es ist auch halb voll. Wir können eine Landkarte entwickeln, in der die Aktivposten, die "assets" einer Community, eines Stadtteils, eines sozialen Zusammenhangs verzeichnet sind. Denn auch in diesen Stadtteilen haben die Menschen Talente, Wissen, Kraft, Mut, Kompetenzen, gibt es Vereine und informelle Gruppen, gibt es kulturelle Aktivitäten, und lokale Institutionen und Geschäfte. Und wenn wir sie entdecken und nutzen, gibt es einen anderen Weg, den Aufbau des Stadtteils und der Gemeinschaft von innen nach außen, es geht um "Building Communities from the Inside Out".

Seine scharfe Kritik an der "needs map", der geistigen Landkarte der Mängel der Stadtteile und ihrer Bewohner ist gespeist von der Theorie des labeling approach , aber auch von der ermüdenden Erfahrung mit den unendlich vielen Hilfsprogrammen, die immer wieder voraussetzen, dass man zunächst den Stadtteil und die Menschen "schlecht redet", um Hilfsmittel für sie - oder für die eigene Arbeit mit ihnen- einzuwerben.

 Hilfe aber, die nur von außen kommt, macht abhängig und passiv. Mit der Definition der Probleme wird determiniert, wie sie angegangen werden, nämlich durch defizit-orientierte Politik, Wissenschaft und Soziale Arbeit. Die betroffenen Menschen übernehmen dann die Defizitsicht in ihr Selbstbild.

Kretzmann weiß genau um die Probleme der Stadtteile, er kennt den Verlust der industriellen Jobs in den Großstädten, womit die unterste Stufe der von den Amerikanern hoch geschätzten "Leiter der Chancen und des Erfolgs" weg gebrochen ist. Er benennt die Kürzung sozialer Leistungen; sein Augenmerk gilt gerade den so entstandenen verwüsteten und verwahrlosten Stadtteilen. Ihn interessieren die behinderten Menschen, die Jungen und Alten, die Sozialhilfeempfänger, die "Strangers" in den Nachbarschaften. Und er glaubt an die Kraft einer starken Community, sie als Teil einer aktiven Nachbarschaften integrieren.

Aber der auf die Mängellagen beschränkte Blick fesselt die Fähigkeiten, Talente und Kapazitäten der Menschen und der Stadtteile. Ihm geht es darum sie freizusetzen, die Aktivposten von Individuen und Communities zu verbinden.

2.     Von innen nach außen

Das Buch ist ein Programm. Nicht nur die Botschaft, sondern auch der Weg der Forschung unterscheidet sich vom dem üblichen: Kretzmann und McKnight suchen "success stories" und schicken dafür ihre Studierenden zu lokalen "leadern". Das Buch ist die systematisierte Zusammenstellung solcher Geschichten erfolgreicher Entdeckung und Mobilisierung von Ressourcen und Chancen.

Es soll pragmatisch, in "nachbarschaftsfreundlichen" Worten, aufzeigen, wie Menschen und Communities ihre eigenen Stärken wieder entdecken, kombinieren und mobilisieren können. Es ist gedacht für Schlüsselpersonen in den lokalen Nachbarschaften und Leiter von lokalen Vereinigungen und Institutionen. Zugleich soll es aufzeigen, wie Leute von außen, aus Stiftungen, Wohlfahrtseinrichtungen und Regierungen, sensitiv und effektiv an diesem Prozess teilhaben und ihn unterstützen können.

Das Buch ist zugleich die Basis für das von Kretzmann und McKnight 1995 gegründete "Asset-Based Community Development Institute" (ABCD), in dem Videos und Arbeitsbücher zum Training entwickelt werden und 30 Leader aus Stiftungen, Nachbarschaftsgruppen, Kirchen, Universitäten zur Verfügung stehen, um Vorträge, Workshops und Beratungen durchzuführen. In eine Electronic Discussion Group können sich die einklinken, die ihre Erfahrungen teilen und Ideen austauschen wollen.

Mittlerweile gibt es von Kretzmann und McKnight angeleitete Projekte auch in europäischen Ländern wie den Niederlanden und England.

3.     Der Weg der Veränderung

Der Motor der Entwicklung sind vor allem die one-to-one-Beziehungen zwischen den Menschen. Zuerst gilt es darum, die Kapazitäten der Individuen frei zu setzen.

Kapazitäten wahrnehmen

"Hallo, ich komme von der ABCD", heißt es an der Haustür oder am Telefon, "Wir reden mit den Menschen, die hier wohnen, über ihre Fähigkeiten. Mit diesen Informationen möchten wir den Menschen helfen, zu einer Verbesserung der Nachbarschaft beizutragen, Jobs zu finden oder ein eigenes Business anzufangen."

Und dann wird nach Fähigkeiten gefragt, egal ob sie in der Familie, im Haushalt, in der Kirche, der Community oder im Job erworben sind. Denn jeder hat Kapazitäten, abilities, Fähigkeiten und Talente. Wenn diese genutzt und ausgedrückt werden, fühlt sich jemand geschätzt, voller Power und gut verbunden.

Da geht es um Sorgen für Kranke oder Kinder, jemanden pflegen, mit dem Computer umgehen, Reparieren, Küchen ausstatten, tapezieren, saubermachen, Mahlzeiten für große Gruppen vorbereiten, Lastwagen fahren, interviewen, verkaufen, musizieren. Weil Menschen ihre Fähigkeiten am besten selbst einschätzen können, werden sie gefragt "Welche Fähigkeiten sind gut genug, dass andere Leute etwas dafür zahlen würden, oder welche würden Sie gerne anderen vermitteln?".

Diese "Inventur" der individuellen Kapazitäten ist der erste Schritt eines geplanten Prozesses, der dann zur Verknüpfung der Kapazitäten führt: "Haben sie mal daran gedacht, ein Business, ein Geschäft, eine Beschäftigung damit zu beginnen?" und "Was würde Ihnen helfen, ein Business zu beginnen bzw. zu verbessern?"

Der zweite Schritt ist die Eruierung potenzieller Partner, der dritte die Verbindung von Partnern, indem Beziehungen geknüpft werden. So entsteht ein lebendiges Netz von eins-zu-eins-Beziehungen. Das Buch beschreibt eine Vielfalt von gelungenen Partnerschaften, zwischen Jugendlichen und den lokalen Geschäften, zwischen Behinderten und Künstlern, zwischen Wohlfahrtsempfängern und Schulen usw..

 Assoziationen, seien es formelle Organisationen oder seien es informelle Gruppen von Menschen, die eine Vision und ein gemeinsames Ziels haben, sind Verstärker der Talente und Fähigkeiten der individuellen Mitglieder einer Community. Für Kretzmann sind sie das grundlegende Werkzeug der Amerikaner, um starke Communities zu bilden und die Demokratie wirksam zu machen. Und auch die lokalen Institutionen, wie Büchereien, Schulen, Colleges, Polizei und Krankenhäuser haben unentdeckte Potenziale für den Aufbau der Community.

So kann auch die lokale Ökonomie wieder aufgebaut werden. "Asset-based-development" ist kein Arbeitsbeschaffungsprogramm, aber Arbeit und Einkommen entstehen in diesem Prozess. Dabei werden phantasievoll die Ressourcen der Institutionen und Organisationen genutzt. Sie haben oft keine ökonomischen Zielsetzungen, wohl aber ökonomische Möglichkeiten: sie können im Stadtteil ihre Materialien und Dienstleistungen einkaufen, sie können Menschen aus dem Stadtteil ausbilden, trainieren und einstellen, die physischen Ressourcen des Stadtteils verbessern. Und schließlich können auch Aktivposten wie z.B. ungenutzte Räume und Gebäude entdeckt und nutzbar gemacht werden.

Aus den Entdeckungsreisen zu den "assets", dem Knüpfen von vielfältigen lebendigen Beziehungen und der Aktivierung von ungenutzten Potenzialen resultiert die Mobilisierung der ganzen Community. Und diese Mobilisierung ist der Hebel, um Außenressourcen zu beschaffen, die die lokal angetriebene Entwicklung unterstützen können.

Unterstützung von außen beschaffen

Kretzmann will die Leistungen von außen nicht reduzieren; auswärtige Ressourcen sind für ihn insbesondere in Stadtteilen mit niedrigem Einkommen essentiell für den Erneuerungsprozess. Aber Voraussetzung ist: Die innere Kapazität muss da sein, bevor auswärtige Ressourcen Wirkung zeigen können. Und auswärtige Ressourcen, die das Potenzial der lokalen Bürgerschaft dominieren, schwächen den Entwicklungsprozess mehr als dass sie ihn verstärken.

Dies bedeutet eine neue selbstbewusste Position der Community gegenüber den Geldgebern, seien es die Stiftungen oder die Regierungen: der Weg zur Geldbeschaffung geht nicht mehr über die dramatische Darstellung von Mängeln sondern über das Aufweisen von Möglichkeiten.

Dabei muss der Staat seine Rolle verändern, in dem er den Definitionen und Lösungen in der Kommune folgt und in sie investiert. Nicht um "Bürgerbeteiligung an der Regierung" geht es, sondern um Regierungsbeteiligung an den Initiativen der Bürger.

4.     Ressourcen erkennen lernen

Kretzmanns Ansatz ist "amerikanisch", weil er bei aller Gesellschaftskritik auf dem Grundglauben aufbaut: "Wer was kann, kann was werden". Das Ziel ist für die Amerikaner mehr als für uns Unabhängigkeit. Armut ist deshalb vorwiegend definiert als dependency, als Abhängigkeit; als Schreckgespenst gilt in Wissenschaft und Politik "welfarisation". Deshalb ist es besser für wenig Geld zu arbeiten als zum Wohlfahrtsempfänger zu werden.

In Kontinentaleuropa geht es stärker um soziale Sicherheit und soziale Gerechtigkeit. Armut wird definiert als zu geringes Versorgungsniveau. Arbeit zu ungerechten Löhnen und Bedingungen wird eher abgelehnt als in den USA; für Sozialhilfe gibt es einen Rechtsanspruch und das Herauskommen aus der Abhängigkeit vom Sozialamt ist nicht für alle erstrebenswert.

Deshalb kann man Kretzmanns Ansatz nicht 1:1 übertragen. Aber es gibt viel daraus zu lernen:

Wir sollten in der Sozialen Arbeit und ihrer Wissenschaft - über alle verbalen Bekenntnisse zum "Empowerment" und "Ressourcenorientierung" hinaus - die Blickrichtung verändern und nicht vorrangig die Mängel, sondern die Aktivposten, die Kapazitäten und Möglichkeiten ins Auge fassen.

Die Geschichten aus den Stadtteilen selbst sind für uns nicht so außergewöhnlich. Auch bei uns gibt es Projekte in den Nachbarschaften, die von den Stärken der Menschen und Stadtteile ausgehen die "von innen nach außen" entwickelt werden, sei es im Rahmen professioneller GWA und Sozialer Arbeit, sei es außerhalb eines institutionellen und beruflichen Rahmens.

Aber unsere Aufmerksamkeit ist oft eng verknüpft mit Förderprogrammen und "Maßnahmenkatalogen". Manche Städte entdecken ihre soziale Seite, seitdem es ein Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" und damit den Zugang zu neuen Geldquellen gibt; und dabei hat die meisten Chancen für Fördermittel, wer seinen Stadtteil am negativsten darstellen kann.

Wie lernen wir, Aktivposten der Individuen, Nachbarschaften und Stadtteile zu erkennen, frei zu setzen, miteinander zu vernetzen? Wie lernen wir die Mobilisierung von Communities von innen und von diesem Prozess aus kraftvoll die Unterstützung zu beschaffen, die für das Gelingen notwendig ist? Dies ist eine Herausforderung an Soziale Arbeit als Praxis, als Wissenschaft und besonders als Ausbildung.

Wir können Forschungsreisen unternehmen zu den Kapazitäten der klientelisierten Menschen, wir werden viel entdecken.

5. Quellen

  • John P. Kretzmann, John L. McKnight: Buiding Communities from Inside Out, Chicago/ Evanston 1993
  • Über www.nwu.edu/IPR/publications besteht die Möglichkeit, die Einleitung zum Buch herunterzuladen sowie eine Reihe von Handbüchern in Ausschnitten oder vollständig zu erhalten.
  • In die Diskussionsgruppe kann man sich über: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst einschreiben.
  • Anschrift des Verfassers: Prof. Michael Rothschuh, FH Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen, Brühl 20, 31134 Hildesheim. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!