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Community Organizing – ein Weg für Deutschland?

Geschrieben von Wolfgang C. Goede am .

Kontakt:

Wolfgang C. Goede, Politikwissenschaftler und Wissensschaftsjournalist, Strassberger Str. 32, 80809 München, Tel.: 089 / 351 5570, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Inhalt:


Deutschland in der Krise: Seine politischen Muskeln sind erschlafft. Die Atrophie könnte durch das "Community Organizing" gestoppt werden. Bei dieser aus den USA stammenden Partizipationsmethode nach Saul D. Alinsky, zu dessen Schülern auch Hillary und Bill Clinton gehören, bauen die Bürger Macht auf. Was sind die Erfahrungen damit in Deutschland – wie lässt sie sich in die deutsche und europäische Kultur einbetten?

In Chicago
I. Im Oktober 1972 kam ich als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste nach Chicago. Als einer der ersten Deutschen lernte ich dort Community Organizing (CO) in der Praxis kennen. Sein legendärer Erfinder, Saul D. Alinsky, war vor vier Monaten gestorben, entsprechend lang sein Schatten: Meine Organisation, der "Southwest Community Congress" (SCC), war von einem seiner Männer ins Leben gerufen worden – ihr damaliger Berater, Tom Gaudette, war einmal einer der engsten Mitarbeiter von Alinsky gewesen, ein genialer Stratege mit gewöhnungsbedürftigen Motivations-Methoden. Wir waren drei Deutsche, zwei von ihnen Kriegsdienstverweigerer, die ihren Zivildienst bei Aktion Sühnezeichen ableisteten.

Der Anruf
Kaum im Büro eingetroffen, klingelte das Telefon: Mike Royko, ein in ganz Amerika bekannter Autor und Zeitungskolumnist mit gefürchteter Schreibe, wollte ein Interview mit uns – die Geschäftsführerin lehnte dankend ab. Kurz darauf flatterte die neueste Ausgabe der Stadtteilzeitung herein mit der Schlagzeile "SCC wirbt deutsche Kriegsdienstverweigerer an", in jenen heißen Zeiten des eskalierenden Vietnamkriegs und im Zusammenhang mit dem umstrittenen Saul Alinsky schon beinah eine Kriegserklärung. Die Reaktion auf uns war dementsprechend frostig, einige schleuderten uns "Kommunisten" ins Gesicht.

Pfarrer und Sex-Shop
Ein Jahr lang gab ich mein Bestes, versuchte Schwarz und Weiß zu einer gemeinsamen Sicherheitsveranstaltung zusammenkriegen und wurde von einem rassistischen Pfarrer zum Teufel gejagt, tat mich leichter beim Organisieren gegen einen Sex-Shop, ließ mir die Haare kurz schneiden und band mir eine Krawatte um, um Zugang zu misstrauischen Exil-Litauern zu finden.

Schule des Lebens
Als ich nach zwölf Monaten nach Deutschland zurückkehrte, war ich im CO-Virus infiziert, kehrte nach ein paar Wochen nach Chicago wieder zurück, organisierte für das stadtweite Bündnis "Metropolitan Housing Alliance", ging 1976 nach San Francisco zur "Community of the Outer Mission Organizations", studierte ab 1978 in München Politikwissenschaften und wurde Journalist. CO fand ich ebenso hart wie faszinierend, für meine eigene Entwicklung erlebte ich es als "Schule des Lebens".

Ideologiefrei
Hier wurden Menschen zu Staatsbürgern, die sich in die Belange ihres Schicksals einmischten und gemeinsam veränderten – mehr: Hier hatte ich selber die Schalter für die Motoren meines Lebens gefunden. Ich kam aus der 1968er Zeit, nächtelang hatten wir über gesellschaftliche Veränderungen diskutiert und waren dafür auf die Straßen gegangen – in Amerika hatten Saul Alinsky und seine vielen Nachfahren eine Art Ingenieurskunst für den sozialen Wandel aus der Taufe gehoben, die ganz handwerklich-pragmatisch vorging und erfrischend ideologiefrei war.

Eindeutschen der Fachwörter
Seit den 1970er Jahren geht mir auch die Frage durch den Kopf, ob sich diese Methode auch in Deutschland anwenden lässt. Ich habe es versucht, werde im Folgenden darüber berichten und eine Auswertung vorlegen. Dabei werde ich auch in der europäischen und deutschen Geschichte nach Wurzeln, Strömungen und Denkansätzen suchen, die mit der US-Methode verwandt sind. Für das Verständnis erscheint es mir wichtig, dass wir diese Art der Bürgeraktivierung auch in Bezug auf ihre Fachbegriffe eindeutschen, so wie seinerzeit Luther die lateinische Bibel eingedeutscht hat. Deshalb schlage ich eingangs vor, dass wir "Community Organizer" mit "Baumeister der Bürgermacht" übersetzen.


Versuchslabor München

II. Einige meiner Erfahrungen habe ich unter anderen in München, meiner Wahlheimat seit einem Vierteljahrhundert, anzuwenden versucht, zum einen auf lokal-nachbarschaftlicher Ebene, zum anderen in überlokalen-stadtweiten und regionalen Bezügen.

Fußballstadion
II/1. Mein "Kiez", das Olympiadorf, geriet Ende der 1990er Jahre durch Presseberichte in Unruhe, dass nur wenige hundert Meter entfernt von der Wohnanlage ein Fussballstadion entstehen solle, als Ersatz des von den Fussballclubs nicht geliebten Olympiastadions und vor allem als Austragungsort der Weltmeisterschaft 2006. Ich gründete die Aktionsgemeinschaft gegen ein zweites Stadion im Olympiapark "Akst", ein Bündnis aus von dem Neubau betroffenen Bürgergruppen und Vereinen. Durch intensive Pressearbeit, durch eine gut besuchte Bürgerversammlung und Besuche der Stadträte schien das Projekt zu Fall gebracht worden zu sein – bis im Jahr 2000 zehn Tage vor Weihnachten Münchens Oberbürgermeister die Katze aus dem Sack ließ: Da Umbaupläne für das alte Olympiastadion gescheitert seien, käme als Standort für einen Neubau nur der Platz unweit des Olympiadorfs in Frage.

Demo vorm Sheraton
Nur zwei Tage später hatten wir an diesem Ort an einem Sonntag vormittag eine Spontan-Demo von 200 Leuten, zu der auch der katholische Pfarrer mit seinen Gottesdienstbesuchern stieß; ein paar Tage darauf brachten wir etwa die gleiche Zahl zu einem Protest vor dem Sheraton-Hotel auf die Beine, wo Fußballvereine und Politiker einen Stadiongipfel abhielten. Die dazu angerückten Medien konnten wir geschickt für unseren Protest nutzen, sodass in der Weihnachtswoche sämtliche Printmedien und viele TV-Sender ausführlich darüber berichteten.

Beckenbauers Hexenkessel
Das war der Auftakt zu sieben heißen Monaten. Der Drahtzieher das Ganzen war offensichtlich Franz Beckenbauer, Präsident des FC Bayern, der für seine Stars endlich einen richtigen "Hexenkessel" wollte. Deshalb schlug ich vor, vor seinem Domizil im österreichischen Kitzbühel ein Fussballspiel zu inszenieren – mit allen Exzessen, die dieser Sport mit sich bringt: Gröhlen, Saufen, Abfalllawinen, In-die-Ecken-Gepinkel. Das hätte uns weltweite News beschert und enormen Druck aufgebaut – fand allerdings keine Mehrheit.

Aktion zur Walpurgisnacht
So kam es zum Kompromiss: Am 30. April 2001 – dem Tag der Walpurgisnacht – wurde eine Bürgerversammlung einberufen, zu der tausend Menschen kamen. Frauen, Männer und Kinder hatten sich als Hexen verkleidet, die des Fussballkaisers "Hexenkessel" symbolisch weghexten. Das machte Stimmung und bot den Pressefotografen schöne Motive. Bei der Versammlung selbst zählten nacheinander fünfzehn Sprecher vor den hochkarätigen Polit-Gästen alle Gründe auf, weshalb das Stadion unweit einer Wohnsiedlung mit 12 000 Bewohnern nicht machbar war. Die Argumentation gipfelte in der Androhung, alle legalen Mittel auszuschöpfen, um den Bau zu verzögern, damit es bis zur WM nicht fertig werden würde. Erneut war das Medienecho riesig.

Asterix gegen Cäsar
Das traditionelle Dorffest im Sommer griff dann noch mal zu einem anderen medienwirksamen Bild: Das Oly-Dorf inszenierte sich als das gallische Kleinbonum, Heimat von Asterix und Obelix, die mit List und Zaubertrank dem Zugriff eines anderen Imperators erfolgreich trotzten: Cäsars. Ein paar Tage später war es amtlich: Der Angriff aufs Olympiadorf war abgeblasen worden, in kürzester Zeit schüttelten Fussballkaiser und "Bürgerkönig" – wie der Münchner Oberbürgermeister respektvoll genannt wird – einen neuen Bauplatz aus dem Ärmel. Der WM-Anpfiff wird im Juni 2006 im Fröttmaninger Allianz-Stadion ertönen.

Geburtstag des Grundgesetzes
II/2. Im Sommer 1999 wurde in München mit unterschiedlichen Veranstaltungen des 50. Geburtstages des Grundgesetzes gedacht. Der Jubel war gedämpft, viel Kritik war zu hören, insbesondere aus dem Mund der FDP-Politikerin und Staatsministerin a.D. Hildegard Hamm-Brücher, die ein halbes Jahrhundert lang couragiert für Demokratie und Bürgerrechte eingetreten war.

Oligarchie der Parteien
"Die Parteien haben in oligarchischer Weise Besitz von der Demokratie ergriffen", rügte sie, obwohl nur 3,4 Prozent der 60 Millionen Wahlberechtigten Mitglieder politischer Parteien seien und die Nichtwähler die größte Gruppierung darstellten. Die Staatsgewalt in diesem Land müsse mehr vom Volk und weniger von den Parteien ausgehen – wie das Grundgesetz es ja auch verlange: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus", (Art. 20) und "Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit" (Art. 21).

Demokratie-Erneuerung
Das war der Grundgedanke, den sich das "Bündnis zur Erneuerung der Demokratie" (BED) zu eigen machte. Dieser wurde im Jahr 2000 gegründet und setzte sich sich aus den verschiedenen Organisationen zusammen, die die Jubiläumsveranstaltungen begleitet hatten. "Wählen allein reicht nicht – wir Bürger müssen uns mehr einmischen, denn Politik ist nicht allein Sache der Parteien. Die Zuschauer-Demokratie des 20. Jahrhunderts zur Teilnahme-Demokratie des 21. Jahrhunderts weiter zu entwickeln – das will das BED praktisch erproben", heißt es in dessen Gründungspapier.

Bildungsgipfel von unten
Ich bin Mitbegründer der Gruppe, habe sie seitdem begleitet und immer wieder Gedanken und Anstöße aus dem Community Organizing eingebracht. Unsere erste große Aktion war ein Münchner Bildungsgipfel im Herbst 2001. Zur Veranstaltung im Theater der Jugend  kamen Schüler, Eltern, Lehrer und Vertreter der Lehrergewerkschaften zusammen sowie Bildungspolitiker, unter ihnen Deutschlands maßgeblicher Erziehungswissenschaftler, Professor Hartmut von Hentig, um eine Reform des Bildungssystems zu beraten. Motto der Veranstaltung: starke Schule, starke Bürger, starke Demokratie.

Lernwerkstätten statt Anstalten
Ergebnis waren 21 wegweisende Thesen, darunter die Ablösung der Belehrungsanstalten durch Lernwerkstätten, die Lust auf Lernen machen und die mit spielerisch-forscherischen Elementen arbeiten; Ersetzen der Wissenseintrichterung durch selbstgesteuertes und autonomes Lernen; Abkehr vom einseitigen Intelligenz-Begriff und Förderung der sozialen, emotionalen, visuellen, motorischen Intelligenz.

Annageln der Thesen
Diese Forderungen wurden am Reformationstag, am 31. Oktober, bei einem "Nail-In" am Bayerischen Kultusminsterium angenagelt und bei einem späteren Gespräch mit der Staatssekretärin diskutiert. Ein paar Wochen darauf brach über Deutschland die Pisa-Katastrophe herein, die deutschen Schülern  im internationalen Vergleich schlechte Leistungen bescheinigte. Seitdem wird um die Reform des deutschen Bildungssystems gestritten – bisher erfolglos, nachdem im Herbst 2004 eine aktuelle Pisa-Studie keine Verbesserung erkennen konnte. Immerhin: Die BED-Bildungsthesen wurden in verschiedenen Medien veröffentlicht (Online, Zeitschriften, Bücher) und waren Gegenstand der Diskussion auf hochkarätigen Veranstaltungen (Siemens Forum).

Kür auf dem Marienplatz
II/3. Das Wahljahr 2002 begleitete der BED mit einer Fragebogenaktion, die eindeutig Politikverdrossenheit sowie den Wunsch der Münchner Bürger nach mehr politischer Beteiligung dokumentierte. Zusammen mit der Münchner "Abendzeitung" und tv.münchen wurde dieses Ergebnis eine Woche vor den Bundestagswahlen auf dem Marienplatz den Kandidaten aus der bayerischen Landeshauptstadt präsentiert, die vollständig erschienen waren. Aus der Befragung abgeleitet, verlangte der BED u.a. offene Listen und Aufnahme von parteiunabhängigen Kandidaten in denselben, Aufhebung des Fraktionszwangs sowie regelmäßige Rechenschaftsberichte, den ersten hundert Tage nach der Wahl.

Demokratie-Cent
So fand im Frühjahr 2003 die erste Münchner Bürgerversammlung mit Bundestagsabgeordneten statt, zu der wiederum die meisten erschienen. Die Diskussion verlief kontrovers, insbesondere hinsichtlich der BED-Forderungen, einen Demokratie-Cent einzuführen, wonach die Parteien ein Prozent ihrer Einnahmen Einrichtungen der Bürgergesellschaft zur Verfügung stellten; darüber hinaus wurde angeregt, ein bundesweites Forum der Bürgergesellschaft zu schaffen. Darin sollten Vertreter wichtiger bürgergesellschaftlicher Organisationen sitzen (so wie das heute in Thailand bereits der Fall ist), um entweder in den parlamentarisch-legislativen Prozess einbezogen zu werden oder in eine Rückkoppelungsschleife mit dem Bundespräsidenten.

Rechenschaftsbericht
Gewiss, hohe Forderungen, die natürlich erst mal abgeschmettert wurden, die aber dennoch erstmals öffentlich formuliert und auf die Polit-Agenda gesetzt worden sind ? sich sogar mittlerweile in einem Lehrbuch für die Sekundarstufe deutscher Gymnasien wiederfinden (Weka-Verlag: "Wirtschaft, Recht, Politik unterrichten: motivierend, lebendig, methodisch vielfältig!"). Mal sehen, was bei dem nächsten Rechenschaftsbericht vor den Bundestagswahlen 2006 die Volksvertreter dazu sagen werden. Und auch das ist ein Erfolg: Einer von ihnen lieferte unlängst zur Mitte der Legislaturperiode gänzlich aus eigenem Antrieb einen Rechenschaftsbericht vor Münchner Bürgern ab.

Reagieren statt agieren
II/4. Das klingt alles sehr gut ? nur: Wir sind weit davon entfernt, eine schlagkräftige Bürgerorganisation aus der Taufe gehoben zu haben, weder im Münchener Norden rund um den OIympiapark noch bei unseren stadtweiten Aktivitäten. Der Kampf gegen das Monsterstadion, wie die Leute es nannten, war im Großen und Ganzen re-aktiv, das heißt, wir konnten nur auf die verschiedenen Bedrohungs-Szenarien reagieren.

Netzwerke bauen
Dennoch unternahm ich sowohl während dieser Zeit als auch danach Versuche, das lockere Beziehungsnetz auszuweiten und zu verfestigen. So führte ich mehrere Gespräche mit den Pfarrern im Olympiadorf mit dem Ziel, in die Nachbargemeinden hineinzugehen und dort Leute anzusprechen, um eine Bürgerorganisation im Münchner Norden aufzubauen – auch mit dem Hintergedanken, dass genau dies den Pfarrgemeinden helfen könnte, um wieder mehr Menschen einzubinden. Als es dann ernst werden sollte, waren sich der protestantische und katholische Amtsträger unisono einig: "Wir können doch hier keine neue Partei aufbauen." –

Abgas-Filterung
Nach unserem Sieg 2001 gegen die Fußball-Rathaus-Seilschaft versuchte ich den Schwung zu nutzen, um neue Themen auf die Agenda zu setzen. Immerhin hatte die Stadion-Revolte beim örtlichen Nachbarschaftsverein im Olympiadorf eine Blutinfusion bewirkt und in den Vorstand neue, starke Leute einziehen lassen. Ein neues Problem lag vor der Haustür. Ein Abschnitt der Stadtautobahn war gerade untertunnelt worden, wobei pikanterweise die Abgase von zehntausend Autos pro Tag durch einen Kamin in die Luft geblasen werden sollten. Umweltverträgliche Filteranlagen lehnte die rot-grüne Rathauskoalition ab, obwohl eine Konzentration der schädlichen Abgase durch die Kamine zu befürchten war. Das jedenfalls hatten Untersuchungen ähnlicher Anlagen in Japan ergeben.

Dreckschleuder
Die Frau, die sich für den Bau des Tunnels eingesetzt und ihn schließlich mittels eines Bürgerentscheids durchgesetzt hatte, sprang schnell auf das neue Thema an und aktivierte ihre Gefolgschaft. Aber im Olympiadorf griff das Thema nie so richtig, die Dorfschranken zu überschreiten schien der Vereinsführung nicht angeraten, sodass eine Vernetzung nie zustande kam. Die direkt von der Dreckschleuder Betroffenen waren unterdessen zu wenig, um die Filter durchsetzen zu können. Sie mühten sich redlich, auf Bürgerversammlungen das Thema immer wieder anzusprechen – auch hier wieder mit  erstaunlich starkem Widerhall in der Presse.

Der Kompromiss
Eine Zeitlang bewegten sich einige der politischen Akteure auf die ökologisch nachhaltige Filterlösung zu, währenddessen der Oberbürgermeister auf einer öffentlichen Veranstaltung einen richtigen Wutanfall bekam, dass ihn das Thema so hartnäckig verfolgte. Die Zahl der Aktiven ließ sich an einer Hand abzählen, dennoch kam es am Ende zu einem bemerkenswerten Kompromiss: Wenn nach Inbetriebnahme des Tunnels Messungen zeigten, dass die Abgasgrenzwerte überschritten wurden, sollte er mit Filtern nachgerüstet werden.

Neue Organisations-Kultur
Auch das ein Erfolg, nur kam es nicht zur beabsichtigten Verschmelzung der beiden kritischen Massen. In der Retrospektive verlief die Abwehr des Stadions nach den geläufigen Rezepten aus der Bürgerinitiativ-Kultur – Neuland in der Organisationskultur wurde nicht betreten.

Die Abfuhr
Selbiges gilt für die BED-Aktivitäten. Zwar ist diese Gruppe bereits das Ergebnis einer Vernetzung, doch diese müsste unablässig weitergehen – so wie beim Stricken Masche für Masche eine dichtes Gewebe entsteht. Versuche, Münchner Selbsthilfegruppen einzubeziehen, fanden statt, doch scheiterten letztlich, weil die Angesprochenen abweisend reagierten.

Politik der Nadelstiche
Weiterhin widersetzte sich auch das Selbstverständnis der Gruppe einer Ausweitung. Einige wollten sich mit der Rolle bescheiden, "die Entscheidungsmacher mit feinen Nadelstichen" zu piesaken, andere warnten vor der mit Wachstum verbundenen Anonymisierung und den einzutreibenden Geldmitteln. Aber nur durch ständige Beziehungsarbeit, indem neue Schlüsselpersonen identifiziert, interviewt und mobilisiert werden, kommt frisches Blut in die Gruppe hinein, kommen bislang nicht vermutete Probleme in den Stadtteilen zur Sprache, öffnet sich der Zugang zu neuen Ressourcen.

Pro-Aktive Bürgerorganisation
Ergo, nur eine möglichst breit aufgestellte Bürgerorganisation kann die Defizite der seit den 1970er Jahren bekannten Bürgerinitiativen beheben, die als Whistle-Blower und Reparateure der Entwicklung immer hinterherhecheln – anstatt pro-aktiv den schwerfälligen Polit-Apparaten Anstöße zu geben oder gleich selber die Tagesordnungspunkte zu bestimmen. So klagten im Dezember 2004 die Münchner über eine lange Serie von Pannen im öffentlichen Nahverkehr. Eine von Wirtschaft und Parteien unabhängige Bürgerorganisation hätte das Thema sofort aufgreifen und etwa Entschädigung der Pannenopfer verlangen können.

Vierte Gewalt
Die vierte Gewalt im Staat ist die Presse, heißt es immer – aber mit wessen Legitimierung? Eine aus der Zivilgesellschaft gewobene stadtweite Bürgerorganisation wäre zweifellos ein viel demokratischeres Sprachrohr als jedweder Verleger oder Kommentator.


Deutschland-kompatibel?

III. Diese vielfältigen Erfahrungen mit Bürgeraktivierung in der bayerischen Landeshauptstadt München, über einen längeren Zeitraum hinweg und in unterschiedlichsten sozialen Settings gesammelt, dienen als Grundlage für die zentrale Frage: Sind die Philosophie und die Regeln des Community Organizing auf Deutschland anwendbar – oder ein unverdaulicher politisch-kultureller Fremdkörper?

Thesen:
III/1. Die Pros werden im Folgenden thesenartig erläutert.

Wachsende Armut
a. Selbst in dem relativ wohlhabenden München mit seinen Speckzellen ist seit Jahren eine schleichende Verarmung beobachtbar. Angesichts der Erosion sozialer Leistungen infolge leerer öffentlicher Kassen sowie in Anbetracht der Auswanderung von Industrien und Arbeitsplätzen in Billiglohnländer als Begleiterscheinung der Globalisierung wird in Deutschland die Kluft zwischen Reich und Arm erheblich wachsen. Das stellt auch der Armutsbericht 2004 der Bundesregierung fest: Der Anteil der von Armut betroffenen Haushalte stieg seit 1998 von 12,1 Prozent auf 13,5 Prozent. Gleichzeitig konzentrierte sich der gesellschaftliche Reichtum stärker in den Händen der reichsten zehn Prozent Insofern dürfte sich Deutschland den Ungleichheiten der US-amerikanischen Gesellschaft angleichen, wodurch Community Organizing als ein "Bemächtigungs-Instrument der Underdogs" hierzulande immer mehr wahr-  und angenommen werden dürfte.

Zugänglicher Polit-Apparat
b. Viele Beispiele oben haben gezeigt, dass der politische Apparat organisierten Bürgerwünschen gegenüber sensibler reagiert als gemeinhin angenommen. Das einmal life erfahren, könnte bei vielen Deutschen eine Initialzündung auslösen, sich künftig mehr ins Gemeinwohl einzumischen.

Selbsthilfe schafft Mehrwert
c. Was in US-Amerika das Community Organizing ist, lässt sich in Deutschland viel besser mit Zivilgesellschaft umschreiben: freie Vereinigungen von Menschen außerhalb staatlicher und wirtschaftllicher Kontexte mit gemeinnützigen Absichten. Die Zivil- oder Bürgergesellschaft ist in aller Munde, eine Suche bei Google erzielt weit über eine halbe Million Treffer. Auch Selbstorganisation und Selbsthilfe sind verbreitet wie nie zuvor. Das Bayerische Ärzteblatt (11/ 2003) unterfüttert das mit erstaunlichen Daten: Bis zu drei Millionen Deutsche sind in der Selbsthiflebewegung aktiv (das sind mehr Menschen als die großen Volksparteien Mitglieder haben); zwei Drittel der hunderttausend Selbsthilfeeinrichtungen im Land befassen sich mit Gesundheitsthemen, wobei die Gruppen einen enormen Nutzen erwirtschaften: Eine Fördersumme von 100 Euro erbringt einen Gegenwert von 587 Euro. Trotz dieser hohen Rendite investiert Deutschland nicht mehr als 40 Millionen Euro in Selbsthilfe – 0,2 Promille der für Gesundheitheit aufgebrachten Mittel (200 Milliarden Euro).

Fundraising now!
d. Zivilgesellschaftliche und selbsthelferische Aktivitäten müssen finanziert werden, und da der einst starke Sozialstaat dafür immer mehr ausfällt, sind neue Quellen gefragt. Als wegweisend erwies sich bereits vor Jahren die Münchner Angsthilfe und Angstselbsthilfe MASH e.V., die an die Krankenkassen für Unterstützung herantrat. Heute fördern die Kassen Selbsthilfeeinrichtungen mit jährlich 0,51 Euro pro Versicherten – was bestimmt steigerungsfähig wäre. Fundraising, vor ein paar Jahren für die meisten Deutschen noch ein unbekanntes Fremdwort, hat Hochkonkunktur. Stiftungen, ursprünglich eine Liebhaberei betuchter Mäzene, boomen mit einer Vielzahl neuer und unkonventioneller Modelle und Spielarten (Corporate Citizenship). "Die Deutschen werden ein Volk von Stiftern", jubelte unlängst die Bertelsmann Stiftung, Deutschlands bedeutendster Think Tank bei der Suche und Umsetzung gesellschaftlicher Reformen.

Defizite
III/2. Vieles spricht dafür, dass die Idee von Community Organizing auch in Deutschland Zukunft hat, wobei gleichzeitig die einschränkenden Gründe fest in den Blick genommen werden müssen.

Parteien sind überall
a. Die Omnipräsenz der politischen Parteien sowie ihr Anspruch auf Omnipotenz waren bereits addressiert worden. Diese verheerende Fehlentwicklung ? man könnte auch von einer Beugung des Grundgesetzes sprechen – macht es unabhängigen Bürgerorganisationen schwer, Wurzeln zu schlagen. Sie stehen sozusagen im Schatten eines mächtigen Baumes, der ihnen sämtliches Sonnenlicht und Wasser raubt. Vom Kaiserreich, über den Nationalsozialismus bis zum DDR-Kommunismus sowie westlichen Wohlfahrtsstaat hat der zentralistisch-autoritäre Politstil in Deutschland Tradition und hat sich tief in die Köpfe der Menschen und ihrer Institutionen eingegraben. Zum einen werden unabhängige Bürgerorganisationen von den Parteien gleich welcher Couleur als unliebsame Konkurrenz angesehen und weggebissen, zum anderen begegnen Bürger ihren Volksvertretern oft wie devote Untertanen.

Wenig Selbstbewusstsein
b. Von einem selbstbewusster Umgang mit der politisch etablierten Macht sind die Deutschen – geschichtsbedingt – weit entfernt. Die Gespräche und Verhandlungen von Bürgern mit Politikern, die ich miterlebt und organisiert habe, waren eher von Furchtsamkeit und Angst geprägt. Im Kampf gegen das Monsterstadion war es zwar leicht, Gesprächstermine im Rathaus mit den Fraktionsspitzen zu kriegen – doch eine genaue Absprache und Regie unter den Teilnehmern, wie das Thema am überzeugendsten präsentiert werden sollte, war nicht hinzukriegen und blieb dem Zufall überlassen. Wer so in ein Gespräch mit dem Chef über ein höheres Gehalt ging, hatte schon an der Tür verloren!

Konfliktunfähig
c. Der Gang der Gespräche mit Amtsträgern verrät auch, dass den Bürgern eine öffentliche Konfliktkultur fehlt. Die Auseinandersetzungen im Parlament zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien sowie die Tarifgespäche zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden leben ja davon, dass jede Seite die eigenen Interessen klar herausstellt und dass dann über die einzelnen Punkte zäh verhandelt wird. Das ist bewährter westlich-abendländischer Stil – Gespräche von Bürgern mit ihren gewählten Vertretern lassen das aber vermissen. Man fühlt sich Tausende Kilometer weiter östlich in ein asiatisches Land versetzt, wo Jahrtausende alte Traditionen einen archaisch anmutenden Paternalismus mit vielen Hierachieebenen bewahrt haben, der Bürger zu Bittstellern degradiert – so verhalten sie sich.

Angst vor Macht
d. Diese Defizite führen dazu, dass Menschen im demokratischen Deutschland absurderweise eher mit einem Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Staat herumlaufen. Das ist möglicherweise auch der Grund dafür, dass sie sich nur widerstrebend auf aktive Vernetzungs- und Beziehungsarbeit einlassen, aktiv andere Menschen aufzusuchen und in einem persönlichen Gespräch deren Stimmungen und Interessen abzuklopfen, um sie eventuell in eine Bürgerorganisation einzubeziehen. Mit einem Satz: Die Deutschen haben Angst vor Macht – was bestimmt auch ein Ergebnis der Machtperversion im Nationalsozialismus und Kommunismus ist.

Leere Gotteshäuser
e. Das enge Netz der Parteien in der Politik wird vom Netz der christlichen Kirchen überwölbt – mit zahlreichen Querverbindungen, von der Einziehung der Kirchensteuer durch den Staat bis zum Kruzifix-Gebot in Bayerns Lehranstalten. In dieser Verfilzung wird die Kirche ein Teil des staatlichen Machtmonopols. Eingedenk der Ohnmacht dieser Kirche, auf die drängenden Probleme der Zeit Antworten zu finden, sowie ihren kapitalen Verfehlungen in der Vergangenheit – von den Kreuzzügen, der Beihilfe zur Ausplünderung ganzer Kontinente (Lateinamerika) und wissenschaftlichen Verdrehungen (Galileo), über die Inquisition (Hexenprozesse fanden in Bayern bis ins 19. Jahrhundert statt) bis zur Kollaboration mit totalitären Regimen (Nazis) – steht die christliche Liebesbotschaft auf zittrigen Beinen. "Die leeren Gotteshäuser Europas sind eine Touristenattraktion aus der Vergangenheit des Christentums", befand unlängst die "New York Times". Nur noch jedes zehnte Kirchenmitglied in Mitteleuropa besucht den Gottesdienst. Und der "Stern" schrieb in seiner Weihnachtsausgabe 2004: "Im Glaubwürdigkeitsvergleich deutscher Institutionen landen die Kirchen inzwischen hinter dem ADAC. Kein Wunder. Sie haben eine Wirklichkeit mitgestaltet, in der von  liebesbestimmtem Handeln wenig zu spüren ist." Das heißt: Während das Community Organizing made in USA zum großen Teil auf die noch funktionierenden Netzwerke der Kirchen zurückgreift, fallen diese in Deutschland als Grundinventar der Bürgerpolitik vermutlich aus; außerdem müsste man fragen, wie unabhängig sie hierzulande sind. Das macht die Aufgabe, Netzwerke zu knüpfen und Verbündete zu finden, in Deutschland um so schwieriger.


Einbettung

IV. Dennoch, die Zeit dafür ist mehr als reif und die Hürden sind auch überwindbar, wenn man sich einmal in Erinnerung ruft, dass die Idee der Demokratie auf diesem Kontinent geboren und kultiviert wurde und dass gerade auch Deutschland eine reiche Vergangenheit hat, in der der  Gedanke von Freiheit und Selbstbestimmung entwickelt wurde. Hieraus lassen sich auch viele Begriffe und Bilder schöpfen, die das deutsche und europäische Community Organizing für sich nutzbar machen könnte. Damit sich die Menschen mit solchen Bürger-Unionen identifizieren können, wäre es wichtig, für diese Organisationen eigene Namen und Bezeichnungen zu finden, die in der eigenen Kultur eingebettet sind – etwa so wie "Talker" Harald Schmidt mit seiner Late Night Show nicht das Erfolgsmodell seines US-Kollegen David Lettermann kopiert hat, sondern eine eigene Form in der deutschen Kultur- und Unterhaltungsindustrie etabliert hat. Noch besser wäre es, ein Modell zu schaffen, dass europafähig ist und im Raum der Europäischen Union in andere Länder exportiert werden kann, wo doch in Brüssel sich künftig immer mehr Macht ballen und diese durch multi-nationale, gesamteuropäische Bürger-Unionen kontrollierbar wird.

Wiege der Demokratie
IV/1. Eine wichtige Klammer für unterschiedlichste Menschen aus Europa wäre, sich darauf zu besinnen, dass die Wiege der Demokratie hier steht – dass es Individuen unseres Kulturkreises waren, die als Denker, Macher oder Organisatoren dieses Rad weitergedreht haben.

Mitbestimmung
a. Bürger in den griechischen Stadtstaaten gebaren vor 2500 Jahren zum ersten Mal in der Geschichte die Idee: Wenn sie in Kriegen ihr Leben für ihr Volk einsetzten, sollten sie auch selber über ihre Politik entscheiden dürfen. So entstand in Attika auf einem Gebiet so groß wie Luxemburg eine Basisdemokratie von enormer Lebendigkeit. Bis zu 50 000 Menschen stimmten regelmäßig über alle wichtigen politischen Maßnahmen ab, jeder hatte Rederecht, wichtige Ämter wurden verlost, um die Korruption in Grenzen zu halten. Das alles setzte auf allen Lebensgebieten große Reserven frei, Kunst und Kultur blühten, die quirlige Zelle am Rande der damaligen Zivilisation vermochten sogar die mächtigen Perser zu schlagen. Heute leben 2,3 Milliarden Menschen in 85 Ländern der Welt in Demokratien!

Aufklärung
b. 2004 war zu Ehren des Königsbergers Aufklärers Immanuel Kant das "Kant-Jahr". Mit seinem Appell an die Mündigkeit der Menschen hat der Philosoph im 18. Jahrhundert maßgeblich dazu beigetragen, an der bis dahin verbreiteten absolutistischen Regierungsform zu rütteln und sie für demokratische Elemente zu öffnen. Damit hat er auf höheren Ebenen den Geist der französischen Revolution vorangebracht. Die Demokratie der griechischen Antike war im Römerreich und im Mittelalter in Vergessenheit geraten und wurde im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt durch Wirken Kants und den Arbeiten der Staatsdenker Rousseau und Locke, wiederentdeckt. Von diesem Zeitpunkt an hat sich die Volksherrschaft in vier Wellen über die Welt ausgebreitet: die erste Anfang des 19. Jahrhunderts mit Einführung des Wahlrechts in den USA und Großbritannien, die zweite nach dem Zweiteln Weltkrieg mit der Verankerung der Demokratie in Deutschland und Italien, die dritte um 1970 mit der Demokratisierung Spaniens und Griechenlands, die vierte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und Russland.

Wir sind das Volk
c. 1981 gingen Polens Werftarbeiter mit Streiks um bessere Arbeitsbedingungen in den Clinch mit den kommunistischen Machthabern des Landes – und gewannen. Der Funke der "Solidarnozc"-Bewegung griff wie ein Flächenbrand auf den ganzen Ostblock und die Moskauer Machtzentrale über, mit dem Ergebnis, dass 1989 die Mauer in Berlin fiel, durch Montagsdemonstrationen der DDR-Bürger sowie griffigen Parolen wie "Wir sind das Volk" ins Schwanken gebracht. Die friedliche Umwandlung des Kommunismus in Demokratien, das ist geradezu ein Wunder, das kaum ein Experte vorherzusagen gewagt hätte und das nur durch die Einmischung der Bürger in ihren Staat möglich wurde. Auf eine solche Erfolgsgeschichte kann das US-amerikanische Community Organizing in seiner fast siebzig-jährigen Geschichte nicht verweisen – schlimmer, muss sich dem Vorwurf stellen, dass es aus der lokalen Nachbarschaftspolitik nie so richtig herausgefunden hat und den Rechtsruck unter Bush, den mit Lügen durchgesetzten Irak-Krieg und den Abbau von Menschen- und Freiheitsrechten nicht stoppen konnte.

Beispiele aus Deutschland

IV/2. Nicht nur in der europäischen, auch in der deutschen Kulturgeschichte finden sich unzählige überzeugende Beispiele für Menschen, die – dem Prinzip der Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit verpflichtet – unsere Gesellschaft bis heute nachhaltig verändert und geformt haben, mitunter weit über die Landesgrenzen hinaus.

Vormärz-Kämpfer
a. Martin Luther, streitbarer Reformator des katholischen Glaubens, der als Protestierer die protestantische Kirche begründete, ist zweifelsohne die Galeonsfigur in dieser Gallerie, aus einer Zeit, in der der Papst noch mehr Macht hatte als jeder weltliche Herrscher. Weniger bekannt sind die zahlreichen namenlosen Vorkämpfer für eine gemeinsame deutsche Nation, Freiheit und konstitutionelle Beteiligung seiner Bürger an der Politik. In dieser Zeit von 1815 bis 1848 war die Botschaft der französischen Revolution und der Aufklärung beim Volk angekommen, gleichzeitig formierte sich der Adel, um den Absolutismus wiederherzustellen. Dieser "Vormärz", der im März 1848 in einer Revolution in Berlin gipfelte, ließ viele Bürger, darunter etliche Studenten, gegen staatliche Willkür und Zensur auf die Barrikaden gehen; viele wurden verfolgt und inhaftiert, ein großer Teil wanderte nach Amerika aus. 1848 wurde in der Frankfurter Paulskirche die erste Nationalversammlung einberufen, die eine Verfassung für einen gemeinsamen deutschen Staat ausarbeitete – 1849 gewannen die Fürsten die Oberhand und würgten alle Freiheitsbewegungen ab. Als Lenin seinen viel zitierten Satz sprach, dass die Deutschen zum Besetzen eines Bahnhofs erst einmal eine Bahnsteigkarte lösten, kann er diesen unmöglich auf den Vormärz bezogen haben.

Florett der Worte
Die Kämpfer mit den Worten, die in der Presse als Journalisten den Freiheitsgedanken verfochten, bilden eine lange Liste mit illustren Namen, darunter Lessing, Heine, Fontane ? sogar Karl Marx. Die "Süddeutsche Zeitung" hat in dem Buch "Das Gewissen ihrer Zeit" fünfzig vorbildliche deutsche Journalisten und ihr Lebenswerk vorgestellt, darunter Theodor Wolff, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky, die von den Nazis verfolgt und zum Teil ermordet wurden.

Bismarcks Sozialgesetze
Vorbildlich auch, was nach Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 die deutsche Arbeiterbewegung zustande brachte. Die Arbeitervereine der Sozialdemokraten schulten ihre Mitglieder im öffentlichen Diskurs, konnten somit die Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung um so wirksamer anprangern und den "eisernen≥ Reichskanzler Otto von Bismarck unter Druck setzen. In der Auseinandersetzung mit ihm kamen in den 1880er Jahren die Sozialgesetze zustande, eine wegweisende Renten, Unfall- und Krankenversicherung, die bis in unsere Tage hinein die fortschrittlichsten der Welt waren und um die Deutschland von vielen Ländern beneidet wurde.

Tricks der Nazis
b. Deutscher Faschismus und Kommunismus, beide wurzeln tief in dem Gedanken der Selbstorganisation und Bürgeraktivierung und haben ihn dennoch völlig pervertiert. Unbestritten ist, dass die Weimarer Republik mit seinem blühenden Vereinswesen unter zivilgesellschaftlichen Gesichtspunkten sich auf einem hohen Niveau befand. Tatsache ist auch, dass die Nationalsozialisten hervorragende Organisatoren waren: dass sie die einfachen Menschen nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg gezielt ansprachen und diese unter Benutzung der gängigen Feindbilder (Friedensdiktat der Siegermächte, Ausbeutung durch die Juden) für sich und ihre Ziele aktivieren konnten; dass sie die Vereine der Weimarer Republik mit Gefolgsleuten infiltrierten, auf ihre Seite ziehen und miteinander vernetzen konnten. Haben vielleicht deshalb heute noch so viele Menschen Angst vor Macht und Vernetzung? Die beinah vollständige Kontrolle über große Teile der Gesellschaft, Hand in Hand gehend mit der gnadenlosen Verfolgung nichtkonformer Menschen, ließ Widerstand aussichtslos erscheinen. Und die Offziere, die am 20. Juli Hitler mit einem Attentat beseitigen wollten, hatten kein demokratisches Nachkriegsdeutschland vor Augen. Dieses wurde durch die Amerikaner verwirklicht.   

Ideale der DDR
Alle Antifaschisten fanden nach dem Krieg im Kommunismus ein Sammelbecken. MIt der DDR wollten sie ein radikal neues Staatswesen aus der Taufe heben, das ein demokratisches und humanes Gesicht erhalten sollte. All das wurde von viel Idealismus getragen, das Experiment entgleiste, wieder einmal war der Bürger auf der Strecke geblieben. Diese jüngere deutsche Vergangenheit sollte man beachten, wenn man sich fragt, warum die Deutschen sich möglicherweise schwerer als andere Völker für eine von unten nach oben arbeitende Bürgerpolitik begeistern können.

Boom der Bürgerinitiativen
c. Dennoch ist gerade die Geschichte der alten Bundesrepublik ab 1968 gespickt mit vielen ermutigenden Beispielen für die Einmischung von Bürgern. Damals ging die Post-Nazi-Ära zu Ende, die Studentenunruhen brachten frischen Wind in die von Adenauer geprägte Republik, der 1949 die Demokratie geschenkt worden war; in Berlin soll sogar eine Straße nach dem Studentenführer Rudi Dutschke benannt werden, der an den Spätfolgen eines Attentats starb. In den 1970er Jahren schossen landauf, landab Bürgerinitiativen wie Pilze aus dem Boden. Diese trugen dazu bei, der Umweltbewegung den Boden zu bereiten, die den fulminanten Aufstieg der Grünen und deren Partei in den 1980er Jahren auslöste und die Deutschland mittlerweile zum weltgrößten Hersteller von Umwelttechnik gemacht hat. Die 1990er Jahren waren geprägt von den vielfältigsten Agenda-21-Initiativen für nachhaltiges Wirtschaften und  einer Gründungswelle von Nichtregierungs-Organisationen (NGOs). Seit der Jahrhundertwende ist der Globalisierungskritiker "Attac" auf dem Vormarsch.


Forscher spielen Gott

V. Albert Einstein hat durch radikales Um-Denken die Physik revolutioniert, nunmehr seit hundert Jahren. "Wenn Sie so denken, wie Sie immer gedacht haben, werden Sie so handeln, wie Sie immer gehandelt haben; wenn Sie so handeln, wie Sie immer gehandelt haben, werden Sie das bewirken, was Sie immer bewirkt haben", heißt ein berühmter Satz von ihm. Das ist genauso anwendbar auf die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und Demokratiemodelle sowie Partizipationsmethoden im Speziellen. Die Ideen müssen wie von einem Barmixer beim Herstellen von Cocktails ständig durcheinander geschüttelt und neu kombiniert werden, damit neue Rezepte entstehen können. Anders als im 20. Jahrhundert ist im 21. Jahrhundert nicht mehr die Politik der Weichensteller des Schicksals, sondern die Wissenschaft. Hier schlummern die größten Veränderungskräfte – ohne dass sie bisher einer demokratischen Kontrolle durch Parlament und Bürgergesellschaft unterworfen wären. Beispiel: N-BIC. Durch Verzahnung der Nanotechnologie mit Bio-Technik, Informationstechnik sowie Gehirnforschung ("cognitive research") könnte der Mensch Gott spielen, befürchtet Pat Roy Mooney, Direktor der kanadischen "action group on erosion, technology and concentration" (etc) – eine Herausforderung und Neuland für die Demokratie und Bürgerpolitik, die der Weltverband der Wissenschaftsjournalisten angenommen hat ( siehe VII/3)


Teilhabe an Macht

VI. In seinem Impuls-Referat zum Auftakt der Tagung "BürgerInnnen-Beteiligung im Stadtteil"  beklagte Hannovers Kämmerer Stephan Weil die politische Verarmung im Lande. Immer weniger gelinge es, die Bürger für Politik zu interessieren. Der SPD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl 2006 versicherte, dass die Stadt Hannover mit großem Interesse auf die Tagung und ihre Ergebnisse blicke. Hier, Herr Stadtkämmerer, ist eines: Die von Ihnen attestierte Atrophie der politischen Muskeln ist heilbar, wenn Sie die Bürger nicht nur teilnehmen, sondern darüber hinaus teilhaben lassen – an der politischen Macht.


VII. Quellen

VII/1. Literatur

  • Thilo Bode: Die Demokratie verrät ihre Kinder. - DVA 2003
  • Warnfried Dettling (Hrsg.): Die Stadt und ihre Bürger. - Verlag Bertelsmann Stiftung 2001
  • Dieter Gosewinkel, Dieter Rucht, Wolfgang van den Daele, Jürgen Kocka (Hg.): Zivilgesellschaft – national und transnational. - WZB-Jahrbuch 2003  
  • Norbert Herriger: Empowerment in der Sozialen Arbeit, 2. Aufl. - Kohlhammer Verlag 2002  
  • Ralph Jessen, Seven Reichardt, Ansgar Klein (Hg.): Zivilgesellschaft als Geschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. - VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004
  • Franz Kohut: Vom Wert der Partizipation. - Lit Verlag 2003
  • Robert D. Putnam (Hrsg.): Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich. - Verlag Bertelsmann Stiftung 2001
  • Antike und moderne Demokratie. - Reclam-Buch 2004
  • Die erste Demokratie. Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. - Gerstenberg Verlag 2004
  • "Forward to the roots... Community Organizing in den USA - Eine Perspektive in Deutschland?" - In Zusammenarbeit mit FOCO (http://www.mitarbeit.de/Publikationen/pub_bp29.html)

VII/2. Elektronische Links

VII/3. Wissenschaft und Bürgerbeteiligung: