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12 Kölner SeniorenNetzwerke

Geschrieben von Cornelia Harrer am .

Kontakt:

Cornelia Harrer, Der PARITÄTISCHE NRW, Marsilstein 4-6, 50676 Köln, Tel.: 0221-95 15 42-29, Fax: 0221-95 15 42-44, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: http://www.seniorennetzwerke-koeln.de/
(Ansprechpartnerin in Vertretung für die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege in Köln)

1. Was sind Kölner SeniorenNetzwerke?

Zwei Leitgedanken bestimmen das Konzept der Kölner SeniorenNetzwerke:

  1. Vorbeugen ist besser als Nachsorgen!
    Wenn Menschen in der zweiten Lebenshälfte geistig und körperlich aktiv bleiben, sozial integriert sind und sich bürgerschaftlich engagieren, bleiben sie länger gesund und leben länger. Die Herausforderung des demografischen Wandels, so Ursula Lehr, ist "alles zu tun, um gesund und kompetent zu altern. Prävention ist gefordert – gesundheitlich, finanziell und gesellschaftlich".
    (in: Blätter der Wohlfahrtspflege 1/2005)

  2. Menschen brauchen soziale Netze, um kompetent und zufrieden zu altern.
    Ältere Menschen, die in soziale Netzwerke eingebunden sind, fühlen sich gesünder und zufriedener. Auf ein Netzwerk zurückgreifen zu können heißt: sich aufgehoben fühlen, aber "… sie bieten vor allem leicht zugängliche Hilfen an, die formale Dienstleister nie leisten können".
    (Bart, Stefan, 2002)

2002 initiierten das Amt für Soziales und Senioren, die Seniorenvertretung und die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände die Gründung von 12 Kölner SeniorenNetzwerken in Stadtteilen mit einem besonders hohen Altenhilfebedarf. 12 NetzwerkkoordinatorInnen wurden mit je einer halben Stelle mit dieser neuen Aufgabe betraut.
Die Gründung und Entwicklung einer neuen Form der sozialen Arbeit ist als eine Antwort auf den demografischen Wandel mit seinen neuen Herausforderungen zu verstehen.
Gleichzeitig sollte mit der neuen Arbeitsform die traditionelle, zumeist betreuende Altenarbeit ergänzt und reformiert werden. Befähigung, Beteiligung, Aktivierung älterer Menschen und die Vernetzung von Einzelpersonen und Institutionen sind die Schlagworte des neuen Programms. "Nicht für die älteren, sondern mit den älteren Menschen" (Maria Lüttringhaus) zu arbeiten kennzeichnet die neue Form der Arbeit."
Man versprach sich, mit dem neuen Programm einen nachhaltigen Beitrag zur Prävention zu leisten. Soziale Beziehungsnetze, Konvois und Netzwerke, so weiß man heute, sind gerade in Großstädten und Zeiten der Singularisierung, aber auch knapper öffentlicher Kassen von besonderer Bedeutung. "Gerade Singles und Kinderlose müssen im Laufe ihres Lebens verlässliche soziale Netze knüpfen" (Opaschowski in: Blätter der Wohlfahrtspflege, 2005). Wer vernetzt lebt, wird nicht nur später pflegebedürftig, sondern kann länger in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben.


2. Älterwerden in Köln

220.000 Kölnerinnen und Kölner sind über 60 Jahre. Das sind fast 25 % der Bevölkerung. Nur 6% aller Kölner Seniorinnen und Senioren leben in Heimen. Alle anderen leben zu Hause. Der größte Teil ist noch ziemlich gesund, mobil und verfügt über ein vergleichsweise gutes Einkommen.
So kann man heute nicht mehr von einer homogenen Zielgruppe sprechen, vielmehr verbergen sich unter dem Label "ALTER" die verschiedensten Lebenslagen, Ansprüche, Wünsche und Probleme:
Der "outgesourcte" 58-jährige Ingenieur, der sich damit rumschlägt, wie er Lebenszeit und –energie sinnvoll einsetzen kann; die vereinsamte hochaltrige 83-jährige Witwe, die sich nur noch mit Rollator bewegen kann; der 75-jährige Grieche, der langsam realisiert, dass er nicht mehr in sein Heimatland zurückkehren wird oder die 70-jährige Rentnerin, die nicht nur den Schwiegervater zu Hause pflegt, sondern sich auch um die Enkel kümmert.
Der Vielgestaltigkeit des Alters und Alterns muss sich auch eine Kommune wie Köln stellen.
Eine große Studie zum Älterwerden in Köln und auch Vorbilder aus anderen Kommunen wie Düsseldorf, das ZWAR-Projekt und Konzepte sozialräumlich und lebensweltorientierter Sozialarbeit machten deutlich, dass sich die Strukturen der sozialen Altenarbeit vollständig ändern müssen, damit man den Herausforderungen des demografischen Wandels gewachsen ist. Auch eine Untersuchung über die Nutzerstruktur von BesucherInnen so genannter Altentagesstätten machte deutlich, dass eine Neuausrichtung der Altenarbeit erforderlich wurde.


3. Wie arbeiten Kölner SeniorenNetzwerke?

SeniorenNetzwerkarbeit ist Stadtteilarbeit. Die 12 ausgewählten Stadtteile sind sehr unterschiedlich: manche Stadtteile sind eher dörflich strukturiert; in anderen finden sich Hochhaussiedlungen; einige sind eher kleinbürgerlich, andere typische Arbeiterviertel. So verschieden sie sind, überall ist der Anteil der dort lebenden MigrantInnen besonders hoch, die Anzahl der Alleinlebenden und der SozialhilfeempfängerInnen.
Gleichzeitig finden sich in diesen Stadtteilen wenige oder keine Angebote für SeniorInnen. Unabhängig von den Eigenarten und Besonderheiten des jeweiligen Stadtteils haben alle NetzwerkkoordinatorInnen eine ähnliche Arbeitsweise.
Im Folgenden kann die Komplexität und Fülle der Netzwerkarbeit nicht vollständig dargestellt werden - durch die Netzwerkarbeit werden schließlich mehrere tausend Menschen erreicht, sind mehrere hundert Gruppen und Projekte entstanden; deshalb seien hier nur die wichtigsten Prinzipien der Arbeit benannt und anhand von einigen konkreten Beispielen belegt:

  • Problempotenziale und Schätze im Stadtteil erkunden
    Zu den wesentlichen Aufgaben der KoordinatorInnen gehört es, den Sozialraum und die Lebenswelten älterer Menschen zu erkunden. Durch aktivierende Befragungen, Interviews und Stadtteilerkundungen wird ergründet: Was fehlt im Stadtteil? Welche Personengruppen sind eher "unterversorgt"? (z.B. Flüchtlinge aus den GUS-Staaten, langzeitarbeitslose ältere Männer) Welche zusätzlichen Hilfen werden gebraucht? Wer wird nicht durch soziale Institutionen erreicht?
    Parallel dazu geht es darum, "Schätze" im Stadtteil zu heben: Welche Menschen setzen sich bisher für SeniorInnen im Stadtteil ein? Wer ist eine wichtige Schlüsselfigur? Wer hat einen besonders guten Draht zu den Menschen im Stadtteil? Wer mag Geld, Ideen oder Engagement einbringen? Ein besonderes Augenmerk richten die KoordinatorInnen auf Personen, die nicht zu den "üblichen Verdächtigen" gehören, aber als Multiplikatoren und Initiatoren besonders wichtig sein können (z.B. der Frisör, Apotheker, Kioskbesitzer oder Karnevalsprinz).
  • Menschen und Institutionen vernetzen, damit der Stadtteil seniorenfreundlicher wird
    Die Stadtteilkonferenz ist ein Instrument, um Schlüsselpersonen, aber auch die Institutionen, die im Stadtteil tätig sind, an einen Tisch zu bringen. Diese lernen sich nicht nur kennen und wertschätzen, sondern entwickeln gemeinsam Strategien, das Leben für SeniorInnen im Stadtteil zu verbessern. In Stadtteilkonferenzen kann beraten werden, wie Versorgungslücken im Stadtteil behoben werden und welche Institutionen/ Personen sich eines Problems annehmen können bzw. passgenaue Angebote entwickeln. Die Stadtteilkonferenzen organisieren Stadtteilfeste und Informationsbörsen, gründen Kooperationen (z.B. ältere Menschen als Lesehelfer in Schulen) und gebären neue Ideen (z.B. Wir brauchen einen Übersetzungsdienst für die türkischen Migranten!).
  • Selbstorganisation, Selbsthilfe und Empowerment anregen
    KoordinatorInnen sind keine Betreuer oder wohlmeinenden Sozialarbeiter, die sich nette Angebote für SeniorInnen ausdenken und diese mit Beschäftigungsprogrammen "beglücken". Sie verstehen sich eher als Moderatoren, Ermöglicher und Geburtshelfer, denn als Betreuer oder Pädagogen.
    Sie können dabei begleiten, dass sich Menschen beteiligen, gute Ideen generieren und dabei unterstützen, dass die gute Idee umgesetzt wird. Sie können Zukunftswerkstätten durchführen und wichtige Kontakte herstellen, aber für das Gelingen und die Durchführung sind die Menschen selbst zuständig.
    In allen Stadtteilen sind viele selbst organisierte Gruppen entstanden: Literaturkreise, Wander- und Fahrradgruppen, Frühstücksgruppen, Kinogruppen …).
  • Aktivierung von Sozialaktiven und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements
    Nicht erst seit dem Freiwilligensurvey wissen wir, dass sich Menschen in der nachberuflichen Lebensphase gerne und häufig engagieren; besonders gerne mit und für die jüngere Generation. KoordinatorInnen unterstützen Interessierte, das passende Engagement im Stadtteil zu finden. In fast allen Stadtteilen sind Ehrenamtsbörsen entstanden, in vielen interessante Kooperationen zwischen Jung und Alt (Großeltern-Enkel-Service; Ältere unterstützen Kids in Schulen und Kindergärten, Jugendzentren und Bürgerhäusern). Auch ehrenamtliche Besuchsdienste, Altenclubs für MigrantInnen, eine Bibliothek und eine Gruppe zur Entlastung pflegender Angehöriger wurden gegründet.

4. Was ist das Besondere an den Kölner SeniorenNetzwerken?

Mit den SeniorenNetzwerken hat Köln einen völlig neuen Schritt gewagt. Neu ist nicht so sehr die Idee der Vernetzung und die gemeinwesenorientierte soziale Arbeit, sondern vor allem, dass es gelungen ist ein Projekt zu entwickeln, dass eine ganze Stadt umfasst: Bei der Entwicklung und Durchführung, aber auch bei der Steuerung des Prozesses sind nicht nur die Stadt, sondern auch alle Kölner Wohlfahrtsverbände beteiligt. Das erfordert ein ressort- und verbandsübergreifendes Denken und eine neue Form der Kooperationsbereitschaft und –fähigkeit.
Die Kölner SeniorenNetzwerke trauen sich was! An die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden völlig neue Anforderungen gestellt: Sie sind nicht mehr Macher und der gute Engel, sondern müssen sich mit der Rolle des Ermöglichers und Moderators "abfinden" und aushalten, wenn sich Prozesse anders entwickeln als sie denken; wenn neue Ideen versanden und stattdessen etwas entsteht, womit man nicht gerechnet hat.
Netzwerkarbeit erfordert auch von den Menschen im Stadtteil neues Denken und Handeln. Sie gehen neue, ungewöhnliche Kooperationen ein und müssen Rivalitäten überwinden.
Die Kölner SeniorenNetzwerke sind ein zeitlich begrenztes Programm. Die KoordinatorInnen bleiben nur jeweils 3 bis 4 Jahre in einem Stadtteil. Dann sollen sich die Netzwerke verselbständigen, und die KoordinatorInnen ziehen in die nächsten Stadtteile.
Das SeniorenNetzwerk-Programm ist so erfolgreich, dass jetzt auch die bestehenden Altentagesstätten/ Begegnungsstätten in Netzwerke umgewandelt werden. Eine Fortbildung für die LeiterInnen beginnt im Juni 2005.