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Projekt "¡Adentro!" - Spanischsprechende Seniorinnen und Senioren mischen sich ein

Geschrieben von Carmen Behrens am .

Kontakt:

Carmen Behrens, ¡Adentro!® Europa, Hallerstraße 5E, 20140 Hamburg, Tel.: 0 40/4 20 29 94, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


(Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um ein Referat bei der Jahrestagung Stadtteilarbeit 2003 "MigrantInnen im Stadtteil" (19.-21.01.03 in Hannover)

Als erstes möchte ich mich vorstellen: mein Name ist Carmen Behrens, in Spanien geboren und seit 1957 in Deutschland.
Als Sachbearbeiterin habe ich 1989 bei dem Verein "Spanischer Elternrat in Hamburg" meine Arbeit aufgenommen. Danach bin ich bei dem Verein geblieben und heute bin ich dessen erste Vorsitzende. Dieser Verein wurde vor fast 30 Jahren von spanischen Emigranten gegründet. Hauptziel des Vereins war es, die Probleme der Schulkinder der sogenannten Gastarbeiter besser meistern zu können. Damals wurden in der ganzen Bundesrepublik solche Vereine gegründet, die sich 1973 zur Confederación – Bund der Spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik Deutschland e.V. zusammenschlossen.
Wie viele von ihnen sicher schon wissen, war Deutschland für die Spanier in den 60er und 70er Jahren das wichtigste Emigrationsland. Ein zentrales Problem und die größte Hürde für die Bewältigung des Alltages der Migrantinnen und Migranten in Deutschland war die Sprache. Genauer die "Nicht Beherrschung" dieser Sprache.
Im Laufe der Zeit wurden die Schulprobleme der Kinder kleiner, aber dafür wuchsen die altersbedingten Probleme der Eltern. In den Vereinen bemerkte man dies logischer- weise zuerst, denn dort trafen sich die Migranten und sprachen immer mehr von Gesundheits- und Renten problemen sowie dem Verbleib in Deutschland.
Während der vierzigjährigen Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik hielten sowohl die mit der Steuerung der Migrationprozesse betrauten Stellen und Institutionen als auch die Mitgrant/innen selbst an der Rückkehrperspektive der angeworbenen Arbeitskräfte und ihrer Familienangehörigen fest. Erst seit wenigen Jahren wächst die Erkenntnis, dass für die meisten Älteren bzw. alt gewordenen Mitgrant/innen die Rückkehrerwartung als Perspektive aufgegeben werden muss.
Im Jahre 1992 entschlossen sich der Bund der Spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik, das Deutsche Rote Kreuz und die AEF – Spanische Weiterbildungsakademie ihre Ressourcen zu bündeln, um in der Form des Modellprojektes !Adentro! die Lebensbedingungen älterer spanischsprechender Immigranten/innen zu erkunden und adäquate Maßnahmen der Altenhilfe für ihre Lebenslage zu entwickeln und zu evaluieren.
Im Jahr 1994 war es schließlich soweit und das Modellprojekt ¡Adentro! konnte beginnen.
Ansatz und Ziel von ¡Adentro! ist es, ältere Migranten/innen für die soziale ehrenamtliche Arbeit in den Vereinen und anderen Selbsthilfegruppen vorzubereiten. ¡Adentro!® läuft bis heute als Bildungsprogramm bei der AEF – Spanischen Weiterbildungsakademie.

Foto: Adentro-Seminar Mai 2002 Biographiearbeit 

Als Teilnehmerin war ich von Anfang an dabei und heute arbeite ich als Dozentin mit den Teilnehmern in den Seminaren von ¡Adentro! zu den Themen "Philosophie und Ansatz von !Adentro! und der "Biographiearbeit und Collage"
Diese Arbeit gibt mir die fachliche Basis und Sicherheit sagen zu können wie Seniorenarbeit mit Emigrant/innen sein sollte.
An erster Stelle muss die gegenseitige Verständigung stehen. Nicht nur der Respekt, sondern die sprachliche Verständigung.
Was heißt das konkret? Ein der deutschen Sprache nicht kundiger Mensch wird dem besten Internetkurs auf deutsch wenig abgewinnen können. Die damaligen "Gastarbeiter" sollten zurückkehren und die Integration sowie Vermittlung der deutschen Sprache war bis heute nicht das vordringliche Ziel der deutschen Ausländer- oder Integrationspolitik. Die Spanier gehören zu den ersten, die nach Deutschland kamen und sind ein gutes Beispiel für den Migrationzyklus ganzer Generationen und Gruppen von Migranten. – Die damaligen "Gastarbeiter" haben den Großteil ihres Lebens in Deutschland gelebt, aber viele haben sich hier nicht eingelebt und sogar diejenigen, die das Deutsche gut verstehen können, möchten nicht in ihren alten Tagen nur durch "Leistungen" Eintritt in diese Gesellschaft bekommen. Anders ausgedrückt, sie möchten endlich so akzeptiert werden, wie sie sind und nicht so, wie wir glauben, wie sie sein sollten.
Man muss die Interessen der älteren Migranten/innen wecken, denn sie glauben wenig an sich selbst und ihre Fähigkeiten.
Mit der normalen "Seniorenarbeit" ist diese Gruppe Menschen in der Regel daher nicht zu erreichen. Kurse und Veranstaltungen werden kaum angenommen von den älteren Migranten/innen, wenn man nicht zuvor mit ihnen gearbeitet hat. Wir fordern und fördern sie zum Beispiel in dem wir versuchen, im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten die "verlorene" Persönlichkeit neu zu entdecken. Die spanisch sprechenden Senioren werden in vielen Fällen, meistens wenn es mit der deutschen Sprache hapert, von den eigenen Enkelkindern nicht ernst genommen. Die eigenen Kinder haben damals als Dolmetscher fungiert und so haben viele Migranten/innen ihrer Rolle als Familienoberhaupt nicht gerecht werden können.
Im Programm ¡Adentro! lernen die älteren Migranten/innen ihre Persönlichkeit neu zu definieren. Als erstes machen wir mit ihnen eine Collage mit der Bitte, eine Landschaft zu suchen, die sie an ihren Geburtsort erinnert und dann sollen sie das "heute und hier" einfügen". Sie selbst erstaunen über die Resultate.
Die Collage stellt den Anfang und den Einstieg in die Biographiearbeit dar. Denn die Collage öffnet die Teilnehmer und ermöglicht unter entsprechender Anleitung die kritische Rekonstruktion der eigenen Biographie. Dieses Vorgehen ist zur Erreichung der Ziele von !Adentro! unerlässlich. Die Wiederspiegelung und das Erkennen der herrschenden sozialen Strukturen sowie relevanter historischer Daten und Ereignisse auf die eigene Person vermitteln denjenigen, die sich mit dem eigenen Lebensweg auseinander setzen, ein hohes Maß an individueller Realitätskontrolle, die als Basis und Garant jedweder sozialer Handlungsfähigkeit gilt.
Die biographische Forschung hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Stellenwert erhalten. In unserer Arbeit soll es darum gehen, dem Einzelnen auf der Suche nach den Spuren der eigenen Lebensgeschichte behilflich zu sein und Verständnis für seine spezielle Lebenssituation zu entwickeln.
Die Basis für eine solche Arbeit setzt sich unter anderem aus den folgenden Elementen zusammen:
  • Gespräche über Migration und Alter
  • Einübung von Methoden zur Leitung vom Gruppen
  • Moderationsmethoden
  • Entwicklung der Fähigkeit, sich einzumischen
  • Bilanzierung der eigene Migrationserfahrung
  • Einnehmen einer reflektierten Haltung gegenüber dem Aufnahmeland
  • Abwägung der Vor- und Nachteile einer Rückkehr in die Herkunftsregionen und –Länder
  • Erwerb von Kenntnissen über die legitimen Ansprüche sowohl gegenüber den öffentlichen Stellen der Bundesrepublik als auch gegenüber denjenigen der Herkunftsländer.
  • Ausbau handwerklicher, künstlerischer und sozialer Fähigkeiten
  • Seniorengemäße Gymnastik sowie Tanz, Tai-Chi und Antistressübungen.
  • Methoden zur Gestaltung von Literaturzirkel und Filmforen.

 Foto: Adentro-Seminar Vallendar März 2003 Tai-Chi

Das Projekt ¡Adentro!® -Deutschland findet 3x im Jahr in Form eines 3 tätigen Seminars statt. Die Seminare werden in spanischer Sprache gehalten. Die Teilnehmer kommen überwiegend aus den Spanischen Elternvereinen, der Caritas, den Spanischen Missionen und spanischen Clubs. Um an dem Projekt teilzunehmen zu können, sind alle 3 Seminare zu belegen. Es gibt keinerlei Einschränkungen, was das Alter oder die Schulausbildung betrifft. Die Teilnahme ist kostenlos.
Für das Projekt ¡Adentro! beginnt jetzt in eine neue Phase.
Die Teilnehmer des Projekts ¡Adentro! folgen den oben genannten Handlungslinien und Themen und haben darüber hinaus Gelegenheit, alles was sie über die Pflegeversicherung wissen, zu vertiefen. Genauso bilden sie sich weiter für den Fall, dass sie doch noch nach Spanien zurückkehren sollten, welche Hilfen sie in ihrem Heimatland erwarten können etc.. Sie besuchen Altenheime, lernen wie man "Essen auf Rädern" bestellt und probieren schon mal besagte Speisen. Anders ausgedrückt lernen sie real, was sich hinter den Begriffen Altenhilfe und Altenpflege verbirgt.
Für diese neue Phase von ¡Adentro! zählen wir auf die Hilfe des DRK, die Institution, die sich diesem Projekt verschrieben hat und mit der wir von Anfang an zusammengearbeitet haben.

 Foto: Adentro-Seminar Kirchhundem-Rahbach Nov. 2003

So wie wir wissen, dass die Migranten von einst heute europäische Bürger sind, müssen diese ihre passive Rolle aufgeben damit sie wissen, wie man Forderungen stellt und - wenn nötig - das ihnen gesetzlich zustehende durchsetzt. Genauso glauben wir, dass eine neue Interpretation nötig ist von dem, was Altenhilfe oder Altenpflege sein sollte, wenn deren Klientel von Tag zu Tag mehr aus denen besteht, die die Migranten von einst waren.
Die Statistiken sagen uns, dass im Jahr 2030 in Deutschland 2.700.000 Senioren nicht deutscher Herkunft leben werden.
Die Achtung und der Respekt gegenüber anderen Kulturen ist nur möglich, wenn man sich dafür sensibilisiert und Verständnis hat und berücksichtigt, dass die Biographie eines jeden unterschiedlich ist, so glaube ich, dass wir eigentlich gar nicht so verschieden sind.
Denn Alt werden ist erlaubt ...... aber nicht gern gesehen und um so weniger in der Fremde.