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Straßen-Kinder-Projekt in Köln-Chorweiler

Geschrieben von Ulrich Nolden am .

Kontakt:

Ulrich Nolden, Kindernöte e.V., 50765 Köln, Florenzer Str. 20, Tel.: 0221 – 2212 1380, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: http://www.kindernoete.de/, http://www.crazybreakers.de/


1. Allgemeine Angaben

1.1 Teilnehmerzahl

insgesamt ca. 150 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 – 16 Jahre
Mädchen und Jungen aus ca. 15 Nationen und Kulturen in 10 Gruppen

1.2 Projektzeiten

donnerstags 15.30 – 19.30 bzw. dienstags 14.00 – 18.00

1.3 Ort

10 Kinder- und Jugendlichen-Gruppen
2 x Chorweiler Zentrum, 2 x Chorweiler-Nord, 2 x Volkhoven-Weiler,
2 x Blumenberg, 1 x Vogelsang, 1 x Ehrenfeld

1.4 Team

1 x Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, 3 x Dipl.HeilpädagogIn, 2 x Theaterpädagogin, 1 x Dipl.-Pädagoge, 1 x Erzieherin, 1 x Sozialpädagoge, 8 Studierende päd. Fachrichtung, 3 Studierende Jura und Betriebswirtschaft, 1 x Tanzlehrer

1.5 Geschichte

Mai 1996: (an verschiedenen Plätzen im Chorweiler Viertel)
"Ich heiße Nicole, Zoran, Canfes, Luciano, Özgür, oder Ursula, .....Wir kommen von heute an jeden Donnerstag, immer um die gleiche Zeit, egal, ob es regnet oder die Sonne scheint. Wir wollen mit euch eine Gruppe machen, und es wäre prima, wenn ihr mitmacht!"
Das war die standardisierte Antwort der jungen Leute (je eine Frau und ein Mann, eine/r aus Deutschland eine/r aus der Türkei, Polen, Afghanistan, Bosnien oder Italien) auf die neugierige Frage der Kinder, warum sie mit einem kleinen roten Handwagen mit Spielen, Springseilen, Ball und Buntstiften plötzlich und unangemeldet an ihrem gewohnten Treffpunkt auftauchten und mit Straßenmalkreide bunte Bilder auf den Bürgersteig malten.
Aus der anfangs zufälligen Kinderschar schälte sich binnen 6-8 Wochen eine Kerngruppe von 12-16 Kindern heraus, die neben dem Spaß auch erste Verantwortlichkeiten übernahmen. Ein schlagkräftiger Name, erfüllbare Gruppenregeln und ein Programm mussten erdacht werden. Ein "Gruppenausweis" mit Foto winkte jedem, der sich verbindlich einige Monate "bewährte". Das Gruppenbuch wurde immer selbstständiger geführt. Mehr und mehr wurde so "ihre" Gruppe zur eigenen, kleinen, gestaltbaren Lebenswelt.
Heute ist aus dem "Rattenfänger von Hameln"-Experiment, verbindliche Kindergruppen auf der Straße zu initiieren, zu stabilisieren und pädagogisch zu begleiten, ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der offenen Jugendhilfe in Köln-Chorweiler geworden. Zehn ganz individuelle, eigenständige Gruppen sind es geworden, die jede Woche ihren Nachmittag miteinander verbringen und in den Ferien, manchmal auch am Wochenende zusammen wegfahren:
Teufelsblumen, GzSz-Bande, Spykids, No-names, Volkhovener Superstars, Kindertheater, Crazybreakers, Superschlangen, Pflaumengruppe, Krokodile.


2. Projektbeschreibung

2.1 Gesamtziele

2.1.1 Integration
Fast alle Gruppenleiter-Teams kommen aus zwei Kulturen. Die bunte, interulturelle Zusammensetzung der Gruppen ist von vorn herein obligat und wird als Bereicherung erlebt. Christliche, koptische und muslimische Feiertage und Rituale werden gefeiert und geachtet. Der Besuch christlicher Kirchen und Moscheen und das Vermitteln von Verständnis sowohl für Kommunion als auch Beschneidungsfest gehört dazu. Der kulturelle Hintergrund der im Projekt eingebundenen Kinder entspricht exakt dem statistischen Bevölkerungs-Querschnitt des Viertels. Die Hälfte der Kinder kommt aus deutschen Familien, die andere Hälfte aus der Türkei, aus Polen, Russland, Albanien, Afghanistan, Bosnien, dem Kosovo, Ghana, Syrien, Italien usw. Jedes Jahr entwickelt das Kindertheater ausschließlich aus Ideen und Phantasien der Kinder ein Theaterstück zum Thema "Begegnung mit dem Fremden". Natürlich gibt es auch Konflikte! Die erleichterte Bemerkung des 10jährigen polnischen Marius, vor einem schwierigen Fußball-Match, zum (von ihm heiß und innig verehrten) türkischen Gruppenleiter: "Klasse, Murat, hast du gesehen, heute sind die Scheißtürken nicht da!" bot nicht nur für Marius, sondern für seine ganze Gruppe eine wertvolle Chance, kindgemäß über den "alltäglichen Rassismus" nachzudenken.

2.1.2 Soziale Kompetenz und Gewaltprävention
Nicht in erster Linie die Inhalte oder die programmatischen Highlights lassen die Kinder sich mit ihrer Gruppe identifizieren. Eher die Wertschätzung der LeiterInnen, die individuelle Atmosphäre, die möglichen sozialen Bezüge (trotz mannigfaltiger Konflikte und Streitigkeiten, die manchmal sogar mit Boxhandschuhen, fairen Regeln und Schiedsrichter ausgetragen werden) machen ihre Gruppe für sie wertvoll, einzigartig und unverwechselbar. Die Beziehungen zum Gruppenleiterpaar, die Auseinandersetzungen und Konflikte mit ihnen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit haben Modellcharakter. Weil die LeiterInnen verlässlich und unbestechlich sind, werden auch die Kinder immer zuverlässiger und stabiler in ihrem Sozialverhalten. Sie lernen - oft sehr mühsam - zwischenmenschliche Gepflogenheiten, Pünktlichkeit, schwierig einzuhaltende Regeln und Solidarität kennen und schätzen. Wer sich nicht an Gruppenregeln hält, wird sanktioniert, was von Kritik bis zum zeitweiligen Ausschluss aus der Gruppe führen kann.
Die Gruppen des Straßen-Kinder-Projekts sind langfristig angelegt. Das pädagogische Vorgehen ist durch Protokollierung, die wöchentliche Reflexion aller Gruppenstunden, Supervision, Fortbildungen geplant und nachvollziehbar. Das modellhafte Beziehungsgeflecht der Gruppen führt in vielen Fällen zu einer spürbaren Zunahme an sozialer Kompetenz bei Kindern, die im Hort oder in der Schule oft als auffällig gelten. Das Projekt bietet eine ergänzende Erziehungshilfe und dient der Prävention und Behandlung sozialer Auffälligkeiten.

2.1.3 Partizipation
Eine Gruppe zu sein, bedeutet intern, mit der Zeit immer mehr mitbestimmen zu können (Programm, Regeln, Gruppenkassenverwendung), mitzuarbeiten, mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen (wer besorgt was für Ausflüge, Basteleien, wer ist für bestimmte Aufgabengebiete zuständig usw.). Haben sich die Gruppen nach innen stabilisiert, kommt dem Erlebnisbereich "Begegnung und Erkundung" eine wichtige Rolle zu. Wir fördern sehr bewusst die Neugierde der Kinder, ihren Platz im Gemeinwesen zu entdecken. Die immer stärker werdende Tendenz, über den "Tellerrand" ihrer Gruppe, ihres Treffpunktes, zu schauen, führt zu Kontakten, Begegnungen und Veranstaltungen mit den anderen Projektgruppen. Aber auch die Spielplätze im ganzen Viertel, die Bücherei, die Polizeiwache, die Feuerwehr, das Jugendamt, die Familienberatung, ortsansässige Firmen werden besucht. Die GzSz-Bande veranstaltete vor einigen Jahren eine "Zukunftswerkstatt". Sie erkundete mit Fotoapparat und Malstiften ihr (infrastrukturarmes Neubau-) Viertel. Ihre Aufgabe war anschließend: "Stellt euch vor, ihr seid Architekten und Bauunternehmer und ihr könntet die für Kinder schönste Stadt der Welt bauen!" Diese Ideen wurden dann in zahlreichen, bunten, phantasievollen Kinderzeichnungen festgehalten. Mit einer von einem Praktikanten erstellten Sozialraumanalyse versehen, wurde dann die Kernidee dieser Sammlung, ein "Spiele-Wäldchen" mit Bach, Bolzplatz, Kletterbäumen, Feuerstelle, Spielhütte der örtlichen Bezirksvertretung als Antrag vorgelegt. Immerhin kam - leider erst nach jahrelanger Planungs- und Diskussionszeit - ein durchaus respektabler Bolzplatz mit Bäumen dabei heraus. Vor allem für sozial randständige Bevölkerungsschichten bietet das Straßen-Kinder-Projekt eine gute Chance, in unser Gemeinwesen hinein zu wachsen, zu partizipieren und kindgemäß "Alltagsdemokratie" zu erlernen.

2.2 Zielgruppe

Kinder und im weiteren Verlauf auch Jugendliche im Alter von 6 bis 16 Jahren insbesondere in Stadt-Vierteln mit sozialer Brisanz

2.3 Fachlich-methodischer Ansatz

das "zugehende Prinzip", - sozial- und heilpädagogische Gruppenarbeit, vorwiegend auf der Straße, orientiert an den Ressourcen, den "gesunden" Facetten der Menschen und des Wohn-Viertels.


3. Ergebnisqualität

3.1 Merkmale für das Erreichen von (Teil)-Zielen

Der Grad der Identifikation und die Verweildauer der meisten Kinder und Jugendlichen mit/in ihrer Gruppe, (meist mehrere Jahre), und die zunehmende Konflikt- und Verantwortungsbereitschaft sind für uns die wesentlichen Gradmesser.
Spiegelbildlich gilt das auch für die Gruppe der MitarbeiterInnen.
Aber auch die Einbindung des Projekts ins soziale Netz des Stadtteils ist ein wichtiges Kriterium.

3.2 Beispiele

Die gewachsene Einbindung ins soziale Netz belegen die Überweisungen von betreuungsbedürftigen Kindern durch den ASD, die Familienberatung, Schulen in die Gruppen bzw. Vermittlung von Kindern und Familien durch Projektmitarbeiter an die Beratungsinstitutionen. Ein konkretes Beispiel:
Omar, 11 Jahre (Namen verändert), arabischer Herkunft, aus sozial belasteten Familienverhältnissen, war zwar treues, aber mit der Zeit immer schwierigeres Gruppenmitglied der Powerkids. Oft dominierten von ihm provozierte Konflikte und gruppenstundensprengende Aktionen die Reflexionsrunde der GruppenleiterInnen. Nach einer besonders dramatischen Situation suspendierte das türkisch/bosnische LeiterInnenteam ihn für 8 Wochen vom Gruppenbesuch. Seine Chance war es, in dieser Zeit regelmäßig, zeitgleich zur Gruppenstunde, den Projektleiter (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut der Familienberatung) zu konsultieren. Die so provozierte kurztherapeutische Situation verunsicherte Omar anfänglich zutiefst. Die erwarteten Strafpredigten, Vorwürfe und Sanktionen blieben aus. Seine einzige Aufgabe war es, in aller epischen Breite und Ernsthaftigkeit, in Wort, Schrift und Bild herauszufinden, welche seiner positiven und konstruktiven Eigenschaften er bisher seiner Gruppe vorenthalten hat.
Aus Omar wurde beileibe kein Engel, aber er bestand die folgende dreimonatige Bewährungsprobe in der Gruppe. Nach vier Jahren verließ er die Powerkids, wechselte zu den Crazybreakers, eine Gruppe von Jungen, die autodidaktisch Breakdance erlernten, und absolvierte mit ihnen viele erfolgreiche Auftritte. Seit Frühjahr führt er in Kindergruppen des Projekts Breakdance-Workshops durch.
Legt man den durchschnittlichen finanziellen Aufwand einer kindertherapeutischen Behandlung zugrunde, erspart ein einziges, auf diese Weise sozial und emotional stabilisiertes Kind, bereits die jährlichen Gesamtkosten seiner Gruppe.

3.3 "Grenzen" der Arbeit

Von der Zahl der Kinder, der Organisation und der zu leistenden Qualitätskontrolle ist die Grenze des Machbaren im bestehenden Rahmen erreicht.
Die Methodik des Straßen-Kinder-Projekts ist nicht unbedingt dazu geeignet, akute Konfliktlagen in sozialen Gebilden grundlegend zu beheben. Der Sinn liegt eher darin, durch das Medium der Gruppe Kinder individuell zu stärken und z.B. der Entstehung von Kinder- und Jugendlichenbanden vorzubeugen.

3.4 Qualitätskontrolle

Im Anschluß an die jeweiligen Gruppenveranstaltungen findet mit allen MitarbeiterInnen und dem Projektleiter eine umfassende Reflexion der Gruppenprozesse, auftretender Probleme und Schwierigkeiten aber auch besonders gut gelungener Aktionen, Entwicklungsprozesse einzelner Kinder bzw. der Gesamtgruppe statt. Von jeder Gruppenveranstaltung wird ein standardisiertes Protokoll angefertigt.
Einmal jährlich findet ein einwöchiges MitarbeiterInnen-Seminar bzw. Fachkräfteaustausch mit vergleichbaren Einrichtungen im Ausland statt.
Bisher wurden 5 Diplomarbeiten von Studierenden der pädagogischen Fachrichtungen über das Projekt angefertigt.
Das Straßen-Kinder-Projekt ist ursprünglich aus dem Arbeitsalltag der Familienberatung heraus entstanden. MitarbeiterInnen von dort begleiten es fachlich, und überweisen manchmal Kinder in die Gruppen. Regelmäßige Reflexionen und der Austausch zwischen den Teams der Familienberatung, des Projekts und dem Vorstand des Vereins gewährleisten den fachlichen Standard.
Zweimal jährlich wird supervisionelle Entwicklungs-Hilfe durch einen externen Berater in Anspruch genommen.
Das Projekt wurde in der Evaluation des Landesprogramms "Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf" beschrieben und bewertet.

3.5 Vernetzung im Stadtteil

Es gibt regelmäßige Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen bzw. Kinder- und Jugendzentren des Bezirks (St. Cosmas u. Damian, Pegasus, Seeberger Treff, Echo) sowie dem ASD, den Jugendämtern, der Bezirksjugendpflege. Drei Wohnungsbaugesellschaften stellen "Schlecht-Wetter-Räume" zur Verfügung, ebenso wie die beiden Kirchengemeinden. Besuchsadressen bzw. regelmäßige Gäste sind z.B. Jugendfeuerwehr, Polizei, Bürgervereine, Sportvereine.

3.6 Wirkungen die über den Stadtteil hinausgehen

Das Kindertheater und die Crazybreakers sind durch ihre Aufführungen bzw. Auftritte über die Grenzen des Stadtteils hinaus bekannt.
Beratung bzw. Aufbauhilfe für vergleichbare Projekte in anderen Stadtteilen wird geleistet. Vorträge bzw. Fortbildungen zum Thema zugehende Gruppenarbeit bei Tagungen kommen hinzu.
Ab Sommer 2002 wurde eine erste Projekt-Gruppe in einem Ehrenfelder Stadtteil, finanziert durch dortige bezirkseigene Mittel initiiert.

3.7 Planungen

Erhalt der Gesamtstruktur des Projekts.
Geplant ist es die Erfahrung, Methodik und Vorgehensweise unserer Arbeit im Rahmen des Projekts "Spielen und Lernen auf der Straße" im Stadtbezirk Köln-Ehrenfeld weiteren ca. 120 Kindern zur Verfügung zu stellen. .

3.8 Auszeichnungen

  • 1999 Robert-Jungk-Preis NRW für innovative Jugendhilfeprojekte
  • 2002 Ehrenamtspreis der Kölner CDU
  • 2002 Integrations-Preis des Bundespräsidenten
  • 2003 Louis-Lowy-Preis für soziale Gruppenarbeit