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SureStart Centres für Kinder und Familien (k)eine Utopie

Geschrieben von Klaus T. Hofmann und Martina Kleinewegen am .

Kontakt:

Martina Kleinewegen, Leiterin der RAA Mülheim an der Ruhr, Interkulturelle Erziehung im Elementar- u. Primarbereich, Sprachförderung, Elternarbeit, Arndtstraße 26 - 28, 45473 Mülheim a.d. Ruhr, Telefon: 0208/455 45 71, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Wir berichten über eine Studie, die wir unlängst im Auftrag der Freudenberg Stiftung (Weinheim / Bergstraße) in elf englischen SureStart Children’s Centres durchgeführt haben.

Die Geschichte der englischen Children’s und Early Excellence Centres ist eine Erfolgsgeschichte, weshalb sie sich sehr als Inspiration für analoge Vorhaben in Deutschland eignet, ob in Mülheim an der Ruhr oder – wie wir anlässlich dieser Tagung feststellten – in Hannover. Und weshalb sie weltweit Beachtung findet. So kreuzten wir unlängst bei unserem Besuch in englischen Centres nicht nur die Spuren einer Delegation aus Hamburg, sondern auch von Besuchergruppen aus Brasilien und Japan.

Was fasziniert am englischen Beispiel?

In der Summe ist es das Konzept in seiner schlüssigen Ganzheitlichkeit:

  • "Das Kind im Mittelpunkt",
  • "Eltern als Partner",
  • "Beobachtung und Dokumentation",
  • "strukturiertes Lernen im freien Spiel",
  • "Umgang mit Diversity, mit Verschiedenheit",
  • "Vernetzung mit den Institutionen im Stadtteil".

Dies Konzept ist das Ergebnis langjähriger Entwicklungsarbeit in einigen Kindertageseinrichtungen, nurseries, wie sie in England traditionell heißen. Die haben in vielen Jahren allmählich und in fruchtbarem Austausch untereinander das heutige Profil eines integrierten Children’s Centres entstehen lassen. In Birmingham, Corby, Coventry, in London und anderenports. Es war – und das ist wichtig – im Wesentlichen eine Bewegung von unten. Nurseries haben, der Not gehorchend, nämlich der Not der Familien in ihren Einzugsbereichen, ihre Arbeit auf die angedeutete Weise umgestellt. Heraus gekommen ist eine gelungene pädagogische Mischung unterschiedlichster Einflüsse, aus allen möglichen Ländern und Epochen. So finden sich Anklänge an den Fröbelschen Kindergarten genauso wie an die italienische Reggio-Pädagogik. Piaget und Vygotzki stehen genauso Pate wie Montessori und Petersen. Aufgehoben sind Situationsansatz, interkulturelle Pädagogik, Portfolioarbeit und Leuvener Engagiertheitsmodell; ergänzt um Anregungen aus dem australischen "Positive Parenting Program (Triple P). Alles umfasst von einer anspruchsvoll verstandenen Community education. Motoren dieses im besten Sinne eklektischen Ansatzes waren engagierte Nursery-Teams mit charismatischen Leiterinnen, unterstützt von praxisnaher Wissenschaft aus einigen Universitäten aber auch - und vor allem - aus unabhängigen Instituten, die sich z. T. aus den Centres selbst heraus entwickelt haben. So etwa im Pen Green Centre und im St Thomas Centre in Birmingham. Das ist das eine Geheimnis des Erfolgs: Selbstgesteuerte Bewegung von unten, die sensibel und passgenau auf die Vor-Ort-Bedürfnisse reagiert.

Weil nichts so sehr den Erfolg nach sich zieht, wie der Erfolg, ist die Geschichte der Centres so weitergegangen: Verschiedene Zwischenschritte einmal beiseite gelassen, gibt es heute in England (nicht im gesamten Vereinigten Königreich) ein landesweites Programm SureStart, das die Initiativen und Erfahrungen der Early Excellence Centres und ähnlicher Children’s Centres aufgegriffen hat. In einem 10-Jahres-Programm errichtet die englische Regierung 3.500 solcher SureStart Centres in allen benachteiligten Stadtquartieren aller Kommunen: Kindertagesstätten, mit eingebauten Sozial- und Gesundheitsdiensten sowie Angeboten der Erwachsenenbildung und der Arbeitsvermittlung. Zum Teil wurde dies durch tief greifende Umstrukturierung bewerkstelligt bis hin zur Auflösung der herkömmlichen Organisationen.

Die Umsetzung des inhaltlichen, elementarpädagogischen Aspektes von SureStart folgt einem ausgearbeiteten und dennoch Freiraum eröffnenden Curriculum, dessen neueste Fassung im September 2008 für alle Formen frühkindlicher Erziehung verbindlich wird: Das Early Years Foundation Stage. Bestandteil des Programms sind alle zuvor aufgeführten Charakteristika des Early Excellence Ansatzes, einschließlich eines breit gefächerten Aus- und Fortbildungsangebotes. Dazu gehört mittlerweile auch eine spezielle Qualifizierung für Leiterinnen und Leiter solcher integrierten Einrichtungen.


Diversity – Umgang mit Verschiedenheit und Fremdheit

Dieser Aspekt des Curriculums sei hier heraus gestellt, weil er einen gewissen Bezug zum Tagungsthema "Sprachförderung" aufweist. Die englischen Children’s Centres werden darauf verpflichtet, die je unterschiedlichen Ausgangslagen der Kinder zu berücksichtigen. Dabei geht es um individuelle, persönliche Unterschiede, genauso, wie um Unterschiede der ethnischen, kulturellen, religiösen und sprachlichen Herkunft. Ausdrücklich sind alle Einrichtungen verpflichtet, den herkunftsbedingten Unterschieden angemessen Rechnung zu tragen. Wörtlich heißt es: "Alle Praktiker müssen eine positive Einstellung zur Verschiedenheit fördern." Respekt vor der eigenen und vor fremden Kulturen zu fördern, damit sind auch solche Einrichtungen gemeint, in deren Einzugsgebiet keine Minoritäten leben. Ebenso gilt dies für Einrichtungen mit einer spezifischen religiösen Ausrichtungen, ob katholische Nursery oder muslimisches Children’s Centre.

Ein besonderer Akzent wird dementsprechend auf die Berücksichtigung der Belange von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund (minority ethnic groups) gelegt. Folglich ist dort curricular vorgeschrieben, dass die Einrichtungen – alle - ein Handlungsprogramm für die Sicherstellung der Gleichbehandlung von Kindern und Familien mit Zuwanderungsgeschichte erarbeiten. Eine typische Formulierung für die Beachtung von Diversity lautet zum Beispiel so: "Wir zielen darauf, sicher zu stellen, dass das Centre die Rechte Aller berücksichtigt ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrer Sprache, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, ihrer Fähigkeiten, ihrer Beeinträchtigungen und der sozialen Umstände, in denen sie leben" heißt es in der Selbstverpflichtung des Hillfields Centres in Coventry.

Gefordert sind von den Mitarbeitern Kenntnisse über die unterschiedlichen Religionen und kulturellen Gepflogenheiten der Kinder und Familien, korrektes Aussprechen und Schreiben der Namen, offener Umgang mit und aktives Einschreiten gegen Rassismus und anderes mehr.

Anders als in Deutschland üblich, wird ausdrücklich von einer positiven Wertung der Sprachenvielfalt ausgegangen. Die Erzieherinnen in den Children’s Centres sind gehalten alle Sprachen gleichermaßen wertzuschätzen. Sie werden ermuntert, die bevorzugte Sprache des Kindes (Familien- oder Muttersprache) in der Alltagskommunikation nicht nur zuzulassen, sondern aktiv zu fördern. Dazu gehört es, bei allen Kindern das Lernen einiger Wörter der Sprachen anderer Kinder anzuregen.

Bei der Förderung des Englischen als zusätzlicher Sprache sind die Erzieherinnen aufgefordert, anregungsreiche und an Erfahrungen anschließende Situationen zu kreieren und das Kontext bezogene (sprachliche) Lernen mit Gleichaltrigen und mit Erwachsenen in diesen zu fördern.

Soviel zu Diversity im Konzept der englischen Children’s Centres.

Zu den Charakteristika der Surestart Children’s Centres gehört außerdem – entscheidend und in unserem System weithin unbekannt – ein intensives Rückmeldungs- und Qualitätsprüfungssystem. Mit einer speziellen Evaluationsagentur NESS (The National Evaluation of SureStart). Daneben besteht eine staatliche, aber nicht ministerielle, Inspektionsbehörde: Ofsted. Dort müssen sich alle Bildungseinrichtungen registrieren lassen, also auch die Children‘s Centres. Sie werden regelmäßig von Inspektoren Ihrer Majestät (HMI) besucht und auf unterschiedliche Qualitätskriterien hin überprüft. Diese Inspektionsberichte sind per Internet für jeden nachzulesen.

Die politische Zielsetzung des Aktionsprogramms SureStart beinhaltet weit reichende Ansprüche:

  • Weniger Kinderarmut,
  • mehr und bessere Kinderbetreuung,
  • gezielte Förderung von Vorschulkindern in ihrer gesundheitlichen, sozialen und emotionalen Entwicklung,
  • partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern und Förderung ihrer Erziehungskompetenz,
  • Hilfe bei deren beruflichen Ambitionen, u. a. indem sie entsprechend qualifiziert werden.

Dieses staatliche 10-Jahres-Programm SureStart in England wird zusätzlich – freilich höchst unterschiedlich - von den Kommunen unterstützt. Wobei wiederum die kommunalen Ämter der Bildungsverwaltung, die LEA (local educational authorities) ebenfalls auf ihre Effektivität hin von Ofsted inspiziert werden.

Angemerkt sei, dass diese stadtteilbezogenen Bemühungen im Erziehungs- und Bildungsbereich sich nicht auf die SureStart Children’s Centres, also auf die Früherziehung, beschränken. Ergänzend gibt es das Programm "Extended Schools" (in der Übersetzung "Erweiterte Schulen"). Bei uns entspricht das in gewisser Weise den zum Stadtteil hin geöffneten Schulen). Die hieran beteiligten Schulen schließen sich ihrerseits – stadtteilweise – zu Clustern zusammen. In diesen Verbünden sind die Childen’s Centres aktive Partner. Beteiligung an der Planung und Durchführung von Stadtteilentwicklung gehört dann zu den gemeinsamen Aufgaben dieser Verbünde.

Das scheinbare Paradox der Entwicklung liegt in dem Umstand, dass wir es mit einer Bewegung von unten, einer Basisbewegung, zu tun haben, die – ihres Erfolges wegen – nun in ein straffes staatliches Programm – von oben - eingegliedert wurde. Und dennoch nichts von ihrem Charme und ihrer Überzeugungskraft verloren hat. Mehr noch: es ist - weithin – gelungen, die Impulse der kleinen Zahl von Piloteinrichtungen der frühen Children’s und Early Excellence Centres auf eine Fülle, von zur Zeit ca. 1.000 Einrichtungen zu übertragen. Die SureStart Einrichtungen haben ganz überwiegend eine beachtliche Qualität erreicht, so dass manche den Vergleich mit den bekannten Namen der Szene, wie Pen Green und Hillfields nicht zu scheuen brauchen. Der Kenner von Modellversuchen wird hier hellhörig, denn wir wissen aus dem Schulbereich, wo so etwas Tradition hat, dass es bei uns zwar eine ganze Anzahl begeisternder Ergebnisse von Einzelmodellversuchen gibt, die es in der Summe dennoch nicht geschafft haben, die Schullandschaft im Ganzen so nachhaltig zu verbessern, wie es nötig gewesen wäre, uns die blamablen Rankings der sattsam bekannten Bildungsvergleichsstudien vom Typ PISA zu ersparen. Dass es in England gelungen scheint, Modelle in Großserie gehen zu lassen, ist deshalb etwas, was unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Denn auch unsere Early Excellence Bemühungen zahlen sich auf Dauer ja vor allem dann aus, wenn sie mithelfen die Lebens- und Bildungssituation in unseren Stadtgesellschaften zu verbessern.

Nun, England ist nicht Deutschland, aber beim Studium des Fremden erhellt sich ja ganz häufig - nämlich durch Kontrastphänomene – die eigene Situation. Der Weg von Early Excellence zu SureStart wird sich in Deutschland nicht auf die gleiche Weise wiederholen lassen. Aber wir werden Anlass haben, über eigene adäquate Wege nachzudenken, die vom Pilotprojekt in die Fläche führen. Wege, die insbesondere der föderalen Struktur unseres Landes Rechnung tragen.

Was – zusammengefasst - empfiehlt sich angesichts des englischen Beispiels der besonderen Beachtung? Wir nennen einige zentrale Bestimmungsstücke, die hier mehr angeführt werden, als dass wir sie ausführen. Wir formulieren sie mit folgenden Leitfragen:

  • Wie füllt man in den Kindergärten ein modernes Curriculum aus, das kindgerecht Erkenntnisprozesse fördert, ohne Schule zu imitieren?
  • Wie vermittelt man unbehinderte Neugier, forschendes Verhalten und zweckfreies Spiel mit der Anbahnung von kindgemäßem Weltwissen?
  • Wie implementiert man den – hier und heute so oft beschworenen - positiven Blick auf die Kinder, deren Eltern und deren Lebensumfeld in den Alltag von Kindertagesstätten?
  • Wie muss eine Kita-Praxis gestaltet sein, die sensibel auf soziale, kulturelle, sprachliche, ethnische und religiöse Verschiedenheit und Andersartigkeit eingeht und dabei die Fallen der Ethnisierung vermeidet?
  • Wie ist es möglich, Diagnostik, Beobachtung und Dokumentation in der Kita zu einer selbstverständlichen und als hilfreich empfundenen Voraussetzung für alle pädagogischen Interventionen werden zu lassen?
  • Wie gewinnen die pädagogischen Profis in den Kindertagesstätten eine sie tragende Einsicht in die Wichtigkeit und Zukunftsrelevanz ihres Tuns?
  • Wie müssen Aus- und Fortbildungskonzepte aussehen, die der Kita-Arbeit zu einem soliden entwicklungspsychologischen Fundament und einer vom Kind ausgehenden pädagogischen Praxis verhelfen?
  • Wie müssen Qualitätsanalysen beschaffen sein, um ihre Funktion zu erfüllen und dabei von den Praktikerinnen und Praktikern nicht als niederdrückende Kontrolle empfunden werden?
  • Wie können Kindertagesstätten sich - über ihre elementarpädagogische Funktion hinaus - weiter entwickeln und mit anderen Diensten und Professionen vernetzen?

© Klaus T. Hofmann & Martina Kleinewegen