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Aktuelle Probleme der Stadtentwicklung in Europa

Geschrieben von Dieter Oelschlägel am .

Der nachfolgende Text ist das Manuskript des Autors für ein Referat auf der Fachtagung zum 10-jährigen Bestehen der Sächsischen Sozialakademie in Chemnitz am 11.1.2002 

Die Sächsische Sozialakademie hat nicht nur in den Fortbildungsinhalten, sondern auch als Trägerin eines eigenen Projektes Gemeinwesenarbeit als einen wichtigen Bestandteil ihres Profils gewählt. Dieses Fähnlein hält sie tapfer aufrecht, und diese Perspektive möchte ich hier vertreten.
Mein Thema heißt "Aktuelle Probleme der Stadtentwicklung in Europa". Ich stütze mich dabei auf meine Erfahrungen in der Stadtregion zwischen Düsseldorf und Dortmund und auf die Ergebnisse von zwei Tagungen des Institutes für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS) 1.
Mein Ausgangspunkt ist die These vom Verschwinden der Europäischen Stadt 2, die in unterschiedlicher Intensität in Stadtentwicklung und Stadtsoziologie vertreten wird 3.
Es sind vor allem drei formale Elemente, die die traditionelle europäische Stadt bestimmten und unter dem Begriff der Urbanität noch heute unsere normativen Bilder von Stadt bestimmen:

  • Zentralität: ein bauliches und funktionales Gefälle vom Zentrum zur Peripherie. Die wesentlichen Funktionen der europäischen Stadt konzentrierten sich im Zentrum.
  • Umgrenzung: die europäische Stadt hatte ihre klare Umgrenzung (Stadtmauer), also ein deutlich ausgeprägtes Gegenüber von Stadt und Land.
  • Eine funktionale und soziale Mischung: ein Nebeneinander von Wohnungen, Geschäften, Betrieben, Cafés, Theatern; von Armen und Reichen, Jungen und Alten ... auf einem Raum.

Stadtentwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war vor allem Stadterweiterung.
Industriegürtel und Wohngebiete wurden an die alte Stadt angebaut. Die typische Form der Innenstadtentwicklung war Cityerweiterung in konzentrischen Kreisen. Die zentralen Funktionen - Handel, Kultur, Wohnen, auch Produktion - wanderten nicht ab, sondern dehnten sich aus.
Parallel dazu beginnt mit dem Bau geschlossener Siedlungen am Stadtrand schon in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Prozess, der sich mit der Automobilisierung und dem Großsiedlungsbau der 50er und 60er Jahre fortsetzt und sich seit den 70er Jahren rapide beschleunigt und die Merkmale der urbanen europäischen Stadt verschwinden lässt. Dieser Prozess wird in der Stadtsoziologie Suburbanisierung genannt 4.

Ich kann die ökonomischen und sozialen Gründe hier nicht entfalten, sondern den Prozess nur kurz beschreiben:
Die Bevölkerung zieht in die Vororte, Trabantensiedlungen und ins Umland, Handel und Dienstleistung ziehen der Bevölkerung hinterher, die Zuwanderung in die Städte stagniert. Hinzu kommt auch die Krise der industriellen Stadt: auch die Produktion wandert aus.
Unter Suburbanisierung wird demnach die "Verlagerung von Nutzungen und Bevölkerung aus der Kernstadt, dem ländlichen Raum oder anderen metropolitanen Gebieten in das städtische Umland bei gleichzeitiger Reorganisation der Verteilung von Nutzungen und Bevölkerung in der gesamtem Fläche des metropolitanen Gebietes" 5 verstanden.
Die europäischen Städte sind vielfältig und vielschichtig. Sie unterscheiden sich strukturell, politisch, nach der Größe und den Funktionen. Dennoch sind gemeinsame Problemlagen erkennbar, die aus der knapp beschriebenen Entwicklung resultieren 6. Ich möchte drei davon herausgreifen:

1. Auflösung der Innenstädte

In der Stadtentwicklung Europas dominieren die zentrifugalen Tendenzen. Städtische Funktionen verteilen sich aus dem Zentrum in alle Richtungen. Wo früher ein zentraler Standort erforderlich war, weil das Geschäft, der Betrieb etc. für Arbeitskräfte, Kunden und Zulieferer gut erreichbar sein musste, sind jetzt keine eindeutigen Standortanforderungen mehr gegeben und wenn, dann sind es nicht die Innenstädte.
Ich erinnere nur an den rasanten Konzentrationsprozess im Einzelhandel. Dessen Rationalisierungslogik führt zu einer ständigen Ausweitung von Einkaufs- und Parkflächen. Außerhalb der Städte oder in entstandenen Industriebrachen (am Rande der Innenstädte) entstehen Einkaufszentren, die nicht nur einen sorgfältig komponierten "Angebotsmix" bieten, sondern gleich noch andere Bedürfnisse mit befriedigen (Kultur, Gastronomie, Erlebnis). Kinos, Veranstaltungsarenen, Gastronomiezeilen, Fitnessparks, Eislaufflächen, Schwimmhallen kommen dazu. Die Innenstädte können weder Flächen noch den Verkehrsanschluss bereitstellen, die notwendig wären, entsprechende Zentren zu erstellen oder mit ihnen zu konkurrieren. So entstehen "Stadtsimulationen" im Umfeld, die eine destruktive Wirkung auf die Innenstädte ausüben.
Auch die Industrie verlässt die Stadt, besonders in den europäischen Städten des Montanbereichs. Wo Schachtanlagen, Industriebetriebe wegrationalisiert, aufgegeben, verlagert werden, verschwindet auch die Notwendigkeit der Transportanbindung. Güterbahnhöfe und Hafenanlagen veröden. Es entstehen Löcher in den Städten. Ein zentrales Problem der europäischen Stadtpolitik, zu dem es gerade in letzter Zeit internationale Tagungen gegeben hat, ist das der Nachnutzung großer städtischer Industrie- und Verkehrsflächen 7.

2. Segregation in den Städten

Viel wichtiger erscheint mir der Aspekt, der infolge dieser Entwicklung bedeutsame andere Auswirkungen auf die Menschen in den Städten zeitigt.
Die Entleerung der Innenstädte führt, das ist in fast allen europäischen Großstädten beobachtbar, zu einer Armutswanderung in die Kernstädte und zu einer seit Jahren ungebrochenen Randwanderung junger und finanzstarker Familien.
Hinzu kommt der Verlust von Arbeitsplätzen traditioneller Branchen, der durch die Ansiedlung neuer Betriebe kaum oder gar nicht kompensiert werden kann.
Ein Beispiel: Die Schließung der Chemischen Fabrik Köln Kalk in den 90er Jahren machte auf einen Schlag 600 Beschäftigte arbeitslos und erhöhte dramatisch die die lokale Arbeitslosigkeit im Stadtteil Kalk. Drei Jahre nach der Schließung lag der Arbeitslosenanteil in Köln-Kalk bei 30%. Ähnliche Prozesse kennen wir aus Duisburg, Essen und anderen europäischen Städten. Um den Verlust dieser Arbeitsplätze zu kompensieren, müssten ca. 20 -30 kleine neue Betriebe angesiedelt werden, die allerdings von ihren Arbeitnehmern andere Qualifikationen erwarten als der Vorgängerbetrieb.
Das verweist auf ein weiteres Problem:
Als Folge des wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels zeichnet sich gegenwärtig - aktuelle Untersuchungen 8 bestätigen das - eine folgenreiche Entkopplung von Beschäftigungsentwicklung und Arbeitslosigkeit ab. Dem Zuwachs von Arbeitsplätzen steht kein Abbau der Arbeitslosigkeit entgegen. Das verweist auf dauerhafte Ausgrenzung sozialer Gruppen aus regelmäßiger Erwerbsarbeit und eine Verfestigung von Armutsstrukturen.
Die Arbeitslosenraten und damit die Dichte der Problemlagen sind in den großen europäischen Städten im Vergleich zum gesamteuropäischen Durchschnitt hoch. Besonders betroffen sind europaweit Frauen, ältere Arbeitnehmer, Jugendliche und Migranten.
Das führt zu Segregationsprozessen 9, zu einer Teilung der Stadt in - vereinfacht gesprochen - arme und reiche Quartiere. Stadtforscher wie Hartmut Häußermann und Dieter Läpple beschreiben das etwa so:
Wir beobachten eine sozialräumliche Kumulation sozialer Probleme. Stadtquartiere werden zu sozialen Problemfeldern. Auf dieser sozialräumlichen Ebene geht es dann nicht mehr nur um Arbeitslosenquoten von 18%, sondern von 50 - 60% und mehr. Ganze Stadtteile - und ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich spreche - werden von der Dynamik des Erwerbslebens und damit der gesellschaftlichen Teilhabe abgekoppelt. Aus dem Strudel solcher kumulativer Benachteiligungen, der mit dem unfreiwilligen Wohnen-Müssen in diesen Quartieren verbunden ist, gibt es nach einiger Zeit kein Entkommen mehr. Die Bewohner sind mit ihrem Stadtteil ausgegrenzt, wenn es nicht eine dauerhafte Unterstützung von außen gibt 10, 11.
Hinzu kommen Spaltungen innerhalb der Quartiere, die gerade dort zu Konflikten führen zwischen Ethnien, zwischen Generationen, zwischen Lebensstilen, die nicht selten gewaltsam explodieren. Dazu gibt es dramatische Beispiele aus europäischen Städten 12.

3. Die Entgrenzung der europäischen Stadt

Ein dritter Aspekt, den ich noch ansprechen möchte, ist die Entgrenzung der europäischen Stadt. Wir haben gesehen, dass die Grenzen zum Umland verschwinden. Städtische Lebensweise ist aufgrund von Verkehrsmöglichkeiten und Telekommunikation nicht mehr auf die Stadt begrenzt.
Die Telekommunikation hat das Potential, den Raum "zu vernichten", wie es Häußermann sagt. Räumliche Distanzen schrumpfen. Bestellung und Bezahlung, Informationsaustausch und Datenlieferung können über die Glasfaser abgewickelt werden. Die Städte gelten immer weniger als rein physische Standorte von Produktionsstätten und Wohnungen, sondern werden von Investoren wie Bevölkerung - wie es schon 1998 auf dem Europäischen StadtForum in Wien formuliert wurde - als hochkomplexe und flexible Kommunikations-, Mobilitäts- und Managementsysteme in Anspruch genommen.
Diese Entwicklungen ziehen zwangsläufig die Frage der Entwicklung von Stadtregionen nach sich, die zu einem europäischen Kernthema geworden ist 13. Städte werden es immer schwerer haben, allein international konkurrenzfähig zu bleiben, sie dürfen auch nicht gegeneinander in einer Region in Konkurrenz treten, sondern müssen die Grenzen zum Umland und zu den Nachbarstädten aufheben. "Tatsächlich spielt sich heute das Leben auf der regionalen Ebene ab, während die Politik und die Selbstverwaltung lokal organisiert sind. 14" Das führt zu grundlegenden Umorientierungen sowohl im bisherigen Regional- und Stadtplanungsverständnis, aber auch zu tiefgreifenden Veränderungen in den politischen und administrativen Entscheidungsprozessen 15. Wie schwierig das ist, erfahre ich gerade in einem Ausschnitt einer solchen Regionalisierung, nämlich in den Auseinandersetzungen um die Fusion der Universitäten Essen und Duisburg.

Meine Damen und Herren,
ich habe versucht, Ihnen an ausgewählten Prozessen meine Eingangsthese vom Verschwinden der Europäischen Stadt zu belegen. Wir haben sehen können, dass sich das Prinzip der Zentralität nicht mehr aufrechterhalten lässt, dass sich das Stadt-Umland-Verhältnis in Richtung Stadtregionen verändert, was übrigens die Gefahr der Abkoppelung strukturschwacher, stadtferner Räume noch größer werden lässt, und wir haben gesehen, dass die funktionale und soziale Mischung der europäischen Stadt zunehmend von räumlichen und sozialen Spaltungen verdrängt wird.
Es soll aber nun nicht beim Befund stehen geblieben werden. Seit ca. drei Jahren wird in der Europäischen Union das Thema "Städtepolitik" mit größerem Nachdruck diskutiert. Das bisher konkreteste Ergebnis auf Europäischer Ebene ist der Aktionsplan der Europäischen Kommission. Deutlich wird in allen Diskussionen, dass es in den europäischen Städten nicht die Stadtentwicklung gibt und geben kann. Eine Politik der Zukunftsfähigkeit muss plural organisiert werden. Gefordert ist ein Strategiemix und dialogorientierte Handlungskonzepte. Das könnte z.B. heißen, gleichzeitig eine Förderung technologieorientierter Wirtschaftsbereiche und eine Bestandspflege lokal orientierter Betriebe in den Mittelpunkt der Stadtentwicklungspolitik stellen. Gefragt ist das - wie wir es in der Gemeinwesenarbeit nennen - Prinzip der lokalen Richtigkeit.

Aus einem solchen Strategiemix möchte ich wiederum beispielhaft drei Ansätze herausgreifen:

Da ist erstens die Frage nach der Nutzung der entstandenen "Löcher" in der Stadt. Die Städte setzten da in der Regel auf Kinocenter und Shopping Malls. Wie ich selbst in meiner Heimatstadt erleben kann, verstärkt dies den Druck auf die Innenstädte der umliegenden Städte. Das 1996 in Oberhausen eröffnete CentrO hat nicht nur selbst mit seinen Dimensionen und dem Branchenmix zu kämpfen, es hat auch deutlich negative Auswirkungen auf die Umsätze in der Region. In vielen europäischen Städten beginnt ein Umdenken. So haben beispielsweise die Städte Lille und Rotterdam das Schwergewicht bei der Nachnutzung von Brachflächen auf den Wohnungsbau gelegt. In Lille wurde schon 1978 der europaweit erste Umbau einer stillgelegten Fabrik in Wohnungen und öffentliche Einrichtungen durchgeführt. Ein Symposium des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung NRW stellte weitere Beispiele vor 16. Allerdings müssen hier bei Bürgern, Investoren und Kommunalpolitikern Ängste vor ökonomischen Unwägbarkeiten und ökologischen Problemen überwunden werden. Es ist durchaus nachzuweisen, dass unter vertretbaren Kosten bebaubare Grundstücke auf Brachflächen geschaffen werden können, auf denen Wohnungen mit hoher Lebensqualität entstehen 17.
Eine andere positive Möglichkeit hat die Internationale Bauausstellung im Ruhrgebiet gezeigt: Die kulturelle Nutzung industrieller Brachflächen. Nicht nur im Ruhrgebiet, überall in Europa haben Kulturinitiativen und kulturelle Projekte solche Flächen, für die weder Stadtplaner noch Wirtschaftsförderer Investoren und Lösungsmöglichkeiten fanden, einer wertvollen Nutzung zugeführt 18, 19.

Ein zweiter Aspekt, in dem wir in Deutschland noch Nachholbedarf gegenüber anderen europäischen Städten haben, ist der Bereich der lokalen Ökonomie. Hier gibt es beispielsweise in Glasgow und Dublin langjährige positive Erfahrungen. Dabei beschränkt sich ein solches Konzept nicht nur auf Alternativprojekte, sondern kümmert sich auch um die Förderung des Einzelhandels, ethnischer Unternehmen und kleiner innovativer Quartiersbetriebe.
Gerade mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit und ihrer stadträumlichen Konzentration in - wie wir in NRW sagen - Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf wurde in den letzten Jahren deutlich, welche Bedeutung Stadtteil- und Quartiersbetriebe haben. Sie bieten wohnungsnahe Arbeitsplätze. So arbeiteten nach einer neueren Studie im Hamburger Schanzenviertel inzwischen 32% der befragten Bewohner im Stadtteil selbst 20.
Lokale Ökonomie 21 erfüllt wichtige Aufgaben der Integration. Mit ihren überwiegend auf lokale Bedürfnisse des Lebensalltags ausgerichteten Produktions- und Dienstleistungsangeboten prägen diese Betriebe die Versorgungsqualität, Nutzungsvielfalt und Kultur von Stadtquartieren und holen so ein gutes Stück Urbanität zurück - nun aber auf der Quartiersebene.
Welche Bedeutung diese Teilökonomie gesamtstädtisch haben kann, hat Dieter Läpple auf einem Europäischen Symposium zur Stadtentwicklung im vorigen Jahr in Dortmund vorgetragen: In Hamburg umfasste die lokale Ökonomie 1997 ca. 120 000 Beschäftigte, das entsprach 16% aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Stadt. Mit einem Zuwachs von 7800 Arbeitsplätzen zwischen 1980 und 1997 gehört lokale Ökonomie zu einer der wenigen expandierenden Teilökonomien der Stadt Hamburg 22.
Um so verwunderlicher ist es, dass sich der Bereich der lokalen Ökonomie nur sehr langsam aus dem toten Winkel der Stadtpolitik löst.

Drittens: Der europäische Aktionsplan sieht einen hohen Bedarf an integrativen Strategien in den europäischen Städten. Die Stellungnahme der Stadt Wien verdeutlicht das:
"Der Bedarf an Integration zeigt sich in den unterschiedlichsten Problemlagen und Entwicklungspotenzialen:
Integration heißt die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu minimieren und Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, zwischen Jungen und Alten am Arbeitsmarkt herzustellen.
Integration verlangt Verbesserungen beim Zugang zu Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie bei der Wohnungs- und Gesundheitsversorgung ... Integration heißt, das Zusammenleben zwischen verschiedenen Nationalitäten und Bevölkerungsgruppen, aber auch zwischen den "Minderheiten" selbst bestmöglich zu gestalten und ihre jeweilige Produktivkraft zu verbessern..." 23
Vorrangig wird es auf der europäischen Ebene darum gehen müssen, die Bürger und Bürgerinnen zur Teilnahme an solchen Strategien zu gewinnen. Für eine europäische Stadtpolitik hält der Aktionsplan fest, dass europäische Aktionen die Beteiligungsmöglichkeiten der Betroffenen bei Planungen und Projektumsetzungen fördern und lokale Gemeinschaften in ihrem integrativen Engagement stärken sollen. Allerdings: "Engagement und Mitwirkung einer aktiven Staatsbürgerschaft lassen sich heute nur noch in regionalen Zusammenhängen dauerhaft organisieren. Die herkömmliche Gestalt der europäischen Stadt ist ein zu enges Gefäß geworden für den politischen Gehalt der Urbanität, die Mitwirkung der Bürger am Stadtregiment" 24.
Auch hier gibt es traditionsreiche Strategien in europäischen Städten, wie das Konzept der lokalen Partnerschaften in Liverpool, in dem seit Jahren Stadtverwaltung, Unternehmen und Bevölkerung gemeinsam an der Entwicklung von Stadtteilen arbeiten, und das zum Vorbild europaweit geworden ist 25.
Wie haben uns in Deutschland mit dem Programm "Soziale Stadt" 26 und seinen Vorläufern und den gemeinwesenorientierten Konzepten des Quartiermanagements 27 ebenfalls - vielleicht etwas spät - auf diesen Weg begeben.
Ich habe vor allem mit den letzten beiden Beispielen daraufhin weisen wollen, dass ein Weg zur Sicherung urbaner Qualitäten der ist, der sich mit unterschiedlichen Strategien auf die Entwicklung der Stadtteile konzentriert. Und hier böte sich für die Städte an, die in langjährigen Erfahrungen gereiften Konzepte und Methoden der Gemeinwesenarbeit 28 zu nutzen.

Denn

  • Gemeinwesenarbeit hat eine hohe Problemlösungskompetenz aufgrund ihrer lebensweltlichen Nähe zum Quartier. Als sozialräumliche Strategie, die sich auf die Lebenswelt der Menschen einlässt, kann sie genau die Probleme aufgreifen, die für die Menschen wichtig sind, und sie genau dort lösen helfen, wo sie von den Menschen bewältigt werden müssen.
  • Gemeinwesenarbeit kann aufgrund ihrer methodischen Vielfalt - sie integriert sozialarbeiterische und sozialwissenschaftliche Methoden und die der politischen Auseinandersetzung - viele Möglichkeiten für Teilhabe und partizipatorisches Handeln zur Verfügung stellen: von der aktivierenden Befragung bis zur politischen Aktion
  • Gemeinwesenarbeit bietet insbesondere durch offene, niederschwellige Räume und Angebote und unter Verzicht auf den pädagogisch oder politisch erhobenen Zeigefinger Gelegenheitsstrukturen und Logistik für Engagement und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger
  • Gemeinwesenarbeit hilft Einzelnen, Gruppen und dem Stadtteil bei der Problemveröffentlichung. Sie bringt die Probleme der Lebenswelt in den politischen Diskurs. Gemeinwesenarbeit hat Erfahrung darin, Übersetzungsleistungen für unterschiedliche Interessen zu leisten und bringt diese ins Quartiermanagement ein: "So konfrontiert Stadtteilmanagement politische und Verwaltungsinteressen kontinuierlich respektvoll, aber deutlich mit den Lebens- und Wohnbedingungen der Bevölkerung, von der sachlichen Darstellung in Gremien über die Organisation von Foren zum Dialog zwischen Lebenswelt und Bürokratie bis hin zu skandalisierenden Aktionen mit allen Elementen nachdrücklicher Öffentlichkeitsarbeit" 29.
  • Gemeinwesenarbeit knüpft Netze, die die Menschen halten, stützen und unterstützen, wenn sie sich aktiv an der Gestaltung ihrer Lebenswelt und damit an politischen Entscheidungen beteiligen wollen Sie knüpft aber auch Netze der Professionellen und Institutionen im Stadtteil, die deren Arbeit wirksamer machen und erreichte Positionen absichern helfen. Mit dieser Vernetzung bietet GWA ein Politikmodell "von unten", das für Strategien zur Erneuerung der Europäischen Stadt, zur Erhaltung von Urbanität unabdingbar ist, weil es dafür sorgt, dass die Bewohner und Bewohnerinnen der Städte nicht nur mehr gehört werden, sondern auch mehr und dauerhaft an Entscheidungen beteiligt werden.

Chemnitz und vor allem die Sozialakademie mit ihrem Projekt in Hutholz haben diesen Weg der Gemeinwesenarbeit eingeschlagen, und ich bin froh, dass ich daran ein bisschen mitarbeiten kann.


Literaturverweise:

1) Die europäische Stadt. Wandel durch Nachnutzung großer Industrieflächen. Neun europäische Partnerstädte/Orientierungen, Entwürfe, Lösungen, Visionen. Dortmund 1999 (ILS 153). Europäische Konferenz: Lokale sozio-ökonomische Strategien in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf. Dortmund 2000 (ILS 168)
2) vgl. Walter Siebel: Hat die europäische Stadt eine Zukunft? In: Demokratische Gemeinde 2001/7; hier: http://www.demo-online.de/0701/b0701_02.htm
3) Zum Weiterlesen:
 - Dieter Hassenpflug (Hrsg.): Die Europäische Stadt - Mythos und Wirklichkeit. Münster u.a.: Lit Verlag: 2001 (Region - Nation - Europa, Bd. 4)
 - Werner Rietdorf (Hrsg.): Auslaufmodell Europäische Stadt? Neue Herausforderungen und Fragestellungen am Beginn des Jahrhunderts. Berlin: VWF: 2001 (Akademische Abhandlungen zur Raum- und Umweltforschung)
4) Suburbanisierung wird gut erklärt in: Umprägung der Siedlungsstruktur durch Suburbanisierung an Beispielen aus Deutschland (http://www.uni-flensburg.de/geo/wisogeo/siedl6.htm; 18.01.02)
5) Jürgen Friedrichs: Stadtsoziologie. Opladen 1995, S.99
6) Diese Entwicklung ist knapp und sehr gut beschrieben in: Hartmut Häußermann/Walter Siebel: Stadt und Urbanität: http://www.kommunale-info.de/Themen/Stadtplanung/urban.htm; 07.01.02. und in: Volker Eichener: Die Stadt der Zukunft: http://www.inwis.de/htm/12aktuelles/aktu_u_zukunft/html;.02.02
7) vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS): Die europäische Stadt. Wandel durch Nachnutzung großer Industrieflächen. Neun europäische Partnerstädte/Orientierungen, Entwürfe, Lösungen, Visionen. Dortmund: ILS: 1999 (ILS 153)
8) vgl. Knut Emmerich u.a.: Signalisiert die aktuelle Besserung am Arbeitsmarkt bereits die Trendwende? Beschäftigungsentwicklung und Beschäftigungsaussichten in Deutschland. Nürnberg 2001 (IAB-Werkstattbericht 5/2001)
9) Segregation (lat: segregation = Absonderung) ist sowohl Prozess als auch Ergebnis. Als Ergebnis (Merkmal) ist S. eine bezogen auf den Raum ungleichmäßige Verteilung von Bevölkerungsgruppen, z.B. die Zusammenballung ethnischer und sozial schwacher Minderheiten in bestimmten Stadtquartieren. Als Prozess ist S. der Vorgang der Entmischung von Bevölkerungsgruppen und die Entstehung mehr oder weniger homogener Nachbarschaften, d.h. die Ausbildung charakteristischer Stadtviertel mit typischem (positiven oder negativen) Image.
Zum Weiterlesen:
 - Jens Dangschat: Segregation, in: Hartmut Häußermann (Hrsg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Opladen: Leske + Budrich: 2000², S.209 - 221
 - Carsten Keller: Armut in der Stadt: Zur Segregation benachteiligter Gruppen in Deutschland. Opladen: Westdt. Verlag: 1999
 - Andreas Farwick: Segregierte Armut in der Stadt: Ursachen und soziale Folgen der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern. Opladen: Leske + Budrich: 2001
10) vgl. Dieter Läpple: Städte im Spannungsfeld zwischen globaler und lokaler Entwicklungsdynamik, in: ILS (Hrsg.): Lokale sozio-ökonomische Strategien in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf. Dortmund: ILS: 2000, S. 19 - 31, und Hartmut Häußermann: Die Krise der ‘sozialen Stadt’, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 10-11/2000
11) Segregation in den neuen Ländern:
 - Annette Harth; Ulfert Herlyn, Gitta Scheller: Soziale Segregation in ostdeutschen Städten: bisherige und zukünftige Entwicklungstrends, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 49/1999/5/38 - 46
 - Karin Wiest: Leipzig zwischen Segregation und Integration, in: Geographische Rundschau 53/2001/3/10 - 16
12) vgl. Dietrich Oberwittler: Soziale Probleme, Gewalt- und Jugenddelinquenz in der Stadt. Ansätze einer sozialökologischen Forschung, in: Hans-Jörg Albrecht (Hrsg.): Forschungen zu Kriminalität und Kriminalitätskontrolle am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht Freiburg i.Br. Freiburg: edition iuscrim: 1999 S. 403 - 419
 - Michael Kronauer: "Soziale Ausgrenzung" und "Underclass": Über neue Formen der gesellschaftlichen Spaltung, in: Leviathan 25/1997/28 - 49
 - F. Dubet/D. Lapeyronnie: Im Aus der Vorstädte. Der Zerfall der demokratischen Gesellschaft. Stuttgart 1994
13) vgl. Themenheft "Europäische Metropolregionen" der Informationen zur Raumentwicklung 2000/11-12
14) Dr. Rolf Böhme, Oberbürgermeister von Freiburg i.Br.: Wie können Stadt und Umland am besten zusammenarbeiten? In: Badische Zeitung vom 10.5.2001
15) vgl. Werner Heinz (Hrsg.): Stadt & Region - Kooperation oder Koordination? Ein internationaler Vergleich Berlin: Difu: 2000 und
Brigitte Adam: Stadtregion als Lebensraum. Probleme und Visionen, in: DIE 2002/1/27ff.
16) vgl. Fußnote 7, darin bes. Regis Cailleau: Lille, S. 20 - 22
17) vgl. Thomas Scheidler: Wohnquartiere auf innerstädtischen Brachflächen. Dortmund: ILS: 1997 (ILS 105)
18) Europäische Beispiele finden sich in: Markus Bradke/Heinz-Jürgen Löwer: Brachflächenreaktivierung durch kulturelle Nutzungen. Dortmund 1999 (Veröffentlichungen des Fachgebiets Europäische Raumplanung, Projects, Band 3)
19) zum Weiterlesen: Stephan Tomerius und Thomas Preuß: Flächenrecycling als kommunale Aufgabe. Potenziale, Hemmnisse und Lösungsansätze in den deutschen Städten. Berlin: Difu: 2001
20) vgl. D. Läpple/G. Walter: Im Stadtteil arbeiten. Beschäftigungswirkungen wohnungsnaher Betriebe, hrsg. v.d. Stadtentwicklungsbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Hamburg 2000
21) zum Weiterlesen: 
 - Susanne Elsen: Gemeinwesenökonomie - eine Antwort auf Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung? Neuwied u.a.: Luchterhand: 1998
 - Themenheft Lokale Ökonomie: Blätter der Wohlfahrtspflege 148/2001/5+6
 - Themenheft Lokale Ökonomie: Soziale Stadt info 5, Juli 2001
22) Dieter Läpple: Städte im Spannungsfeld zwischen globaler und lokaler Entwicklungsdynamik, in: ILS (Hrsg.): Lokale sozio-ökonomische Strategien in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf. Dortmund 2000, 19 - 31
23) http://www.magwien.gv.at/mib/stadtpol/pola034.htm vom 26.11.01
24) Hartmut Häußermann/Walter Siebel: Stadt und Urbanität, in: Alternative Kommunalpolitik 1998/1/54 -59; hier: http://www.kommunale-info.de/Themen/Stadtplanung/urban.htm S. 9; 07.01.02
25) vgl. Rolf Froessler u.a.: Lokale Partnerschaften. Die Erneuerung benachteiligter Quartiere in europäischen Städten. Basel u.a.: Birkhäuser: 1994
Für die BRD: Reiner Staubach: Lokale Partnerschaften zur Erneuerung benachteiligter Quartiere in deutschen Städten. Dortmund 1995 (Werkbericht No. 35 der Arbeitsgruppe Bestandsverbesserung)
26) vgl. Rolf Löhr: Wider die sozialräumliche Spaltung. Das Programm "Soziale Stadt" und seine Bedeutung für die soziale Arbeit, in: Blätter der Wohlfahrtspflege 148/2001/5+6/109 - 112
Annegret Boos-Krüger: Die soziale Stadt - Chancen für eine reformbedürftige (kommunal-)politische Kultur?, in: Zeitschrift für Sozialreform 46/2000/7/662 - 667
27) Zum Weiterlesen:
 - Monika Alisch (Hrsg.): Stadtteilmanagement: Voraussetzungen und Chancen für die soziale Stadt. Opladen: Leske + Budrich: 2001²
 - Wolfgang Hinte: Quartiermanagement als kommunales Gestaltungsprinzip, in: Blätter der Wohlfahrtspflege 148/2001/5+6/113 - 115
 - Zur Unterscheidung von Gemeinwesenarbeit und Quartiermanagement: Dieter Oelschlägel: Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, in: ISA e.V.(Hrsg.): Im Dickicht der Städte - Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Münster: Votum: 2001, S. 21 - 28
28) aktuelle Neuerscheinung: Wolfgang Hinte/Maria Lüttringhaus/Dieter Oelschlägel: Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit. Ein Reader für Studium, Lehre und Praxis. Münster: Votum: 2001
29) Wolfgang Hinte: Bewohner ermutigen, aktivieren, organisieren. Methoden und Strukturen für ein effektives Stadtteilmanagement, in: Monika Alisch (Hrsg.): Stadtteilmanagement. Voraussetzungen und Chancen für die soziale Stadt. Opladen: Leske + Budrich: 1998, S. 157