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Die Interkulturellen Gärten Marburg

Geschrieben von Helga Pukall und Dorothee Griehl-Elhozayel am .

Kontakt:

  • Helga Pukall, Großseelheimerstrasse 13, 35039 Marburg, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 
  • Dorothee Griehl-Elhozayel, Initiative für Kinder-, Jugend- und Gemeinwesenarbeit, Graf-von-Stauffenbergstrasse 22 a, 35037 Marburg, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  

Im Marburger Stadtteil "Stadtwald" leben ca. 1400 Menschen, davon sind 20 % Zugewanderte. 33 Nationalitäten sind vertreten. Mehrheitlich kommen sie aus der russischen Förderation, Afghanistan, dem Irak, Syrien und dem türkisch-kurdischen Raum. Der Stadtwald ist ein junger Stadtteil in Randlage, Konversionsgebiet mit hoher Entwicklungspriorität. Das ehemalige Kasernengelände prägt noch die Struktur des oberen Stadtteilgebietes. Große Flächen Bauland liegen brach, Interimsnutzungen sind schwer durchzusetzen. Es ist der jüngste und kinderreichste Stadtteil Marburgs mit 22 % Kindern und zu ca. 90% Menschen unter 45 Jahren. Viele leben in mehrfach sozial benachteiligten Familien. Es gibt kaum Einkaufsmöglichkeiten und wenig Begegnungsräume.
Um dem Wunsch der Stadtteilbewohner nach Gärten zur Selbstversorgung zu entsprechen, bemühte sich eine Initiativgruppe im Sommer 2003 um ein Grundstück für einen interkulturellen Stadtteilgarten. Vorbild waren dabei die internationalen Gärten in Göttingen und die amerikanischen Community Gardens. Die Stadt stellte ein Wiesengrundstück pachtfrei zur Verfügung und unterstützte das Projekt finanziell und mit Sträuchern für eine Hecke, mit Sand, Kompost und Weidenschnitt.
Am 1. Oktober trat der Pachtvertrag in Kraft. Ein Teil der Wiese wurde umgepflügt und in Parzellen aufgeteilt. Das übrige Gelände wird gemeinschaftlich genutzt und gepflegt.
Eine umgepflügte Wiese in einen blühenden Garten zu verwandeln, hat den zukünftigen kleinen und großen Gärtnerinnen und Gärtnern viel abverlangt. Stolz und Zusammengehörigkeitsgefühl waren das Ergebnis, als das Gelände im nächsten Frühling schon richtig nach Garten aussah.
Die beteiligten Familien gestalten und bewirtschaften das Gartengelände gemeinsam und entscheiden über alle den Garten betreffenden Angelegenheiten. Sie investieren dabei viel Zeit, Energie und Gefühl in die Gestaltung ihrer Parzellen und des gemeinschaftlichen Geländes als Aufenthaltsort für sich und ihre Kinder.
Die besondere Idee der interkulturellen Gärten Marburg liegt in den mit einfachen Mitteln geschaffenen Rahmenbedingungen für ungezwungene Integration verschiedenster Bevölkerungsgruppen.
Im Mittelpunkt steht die kulturübergreifende gärtnerische Tätigkeit. Durch die gemeinsame Arbeit in den Gärten kommen sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen näher, gewinnen Verständnis für einander und engagieren sich in ihrem Stadtteil. Die alle verbindende Sprache ist Deutsch.
Das Gartenprojekt entwickelt sich zu einem Begegnungsort von Jungen und Alten, von Menschen aus dem oberen und unteren Stadtteilgebiet, aus verschiedenen Schichten und Nationalitäten. Die gegenseitige Bereicherung durch gemeinschaftliches Handeln von Menschen unterschiedlicher Herkunft wird in diesem Projekt als besondere Qualität empfunden, d.h. sich als Teil kultureller Vielfalt zu erleben.
Das Projekt entwickelt sich zu einem Begegnungszentrum auch für andere Stadtteilbewohner. Es entstehen Freundschaften untereinander und ein Netzwerk von Beziehungen, die den jungen Stadtteil in seiner Entwicklung fördern.
Das Gartengelände liegt nahe zur Wohnsiedlung, gleichzeitig grenzt es an Feld und Wald und wird als Naherholungsraum erlebt. Es bietet Gelegenheit für Annäherung sowie für Abgrenzung.
Es bestehen Kooperationen mit den kommunalen Ämtern ebenso wie mit einem überregionalen Integrationsnetzwerk, mit der Volkshochschule und dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg.
Der Arbeitskreis Stadtwald, der die sozialen Einrichtungen, die Wohnungswirtschaft, die Stadtentwicklungsgesellschaft und das Stadtplanungsamt, Ortsbeirat sowie BürgerInnen aus dem Stadtteil bündelt, unterstützt das Projekt Interkulturelle Gärten und hat es in sein Freizeit-Nutzungskonzept aufgenommen. Das damit verbundene Ziel ist es, die Infrastruktur des Stadtteils aufzuwerten und dem Bedarf besonders der zugewanderten Bevölkerung nach Gärten für den Eigenbedarf entgegenzukommen. Ressourcen aus Gemeinwesenarbeit, Stadtplanung, Kleinprojekten und Stiftungen fließen in die Arbeit mit ein.
Von Seiten der Stadt Marburg wird das Gartenprojekt als Pilotprojekt betrachtet und unterstützt. Weitere Stadtteilgärten sind in Planung. Mit einfachen Mitteln geschieht hier nachhaltige Stadtentwicklung in einem Stadtteil/Konversionsgebiet mit Entwicklungspriorität und Förderung bürgerschaftlichen Engagements.
Die Gärten sind eingebettet in die Stadtteilarbeit der Gemeinweseninitiative IKJG (Initiative für Kinder-, Jugend- und Gemeinwesenarbeit e.V.), die mit dem Projekt Stadtteilidentität und -kultur unter Einfluss der Migrantenkulturen fördern möchte.
Nach drei Jahren Projektlaufzeit ist die Zahl der GärtnerInnen auf 20 Familien angewachsen. Mehr als 50 Männer, Frauen und Kinder aus 10 Nationen arbeiten, feiern und erholen sich hier. Das Projekt wirkt stark nach außen, so dass es weitere Anfragen von Familien, aber auch Nachfragen zu einer Ausweitung des Projektes zu anderen Stadtteilen gibt.
Trotz der Furcht, dass die kleinen privaten Gärten ungeschützt "in der Landschaft stehen", waren kaum Schäden zu verzeichnen. Die Öffentlichkeit (Nachbarschaft, Spaziergänger, Bauern, Hobbygärtner aus Marburg und andere Interessierte) nimmt starken Anteil. Sie beteiligt sich vielfältig, von ideologischer Unterstützung bis hin zu Gartentipps und Ablegern. Das Projekt wird als innovativ und erfolgreich wahrgenommen.
Die Gärtnerfamilien wiederum haben durch Besuch von Presse, Radio und Fernsehen Erfahrungen im Umgang mit der Öffentlichkeit gesammelt und sind mehrfach Gastgeber für Delegationen von im Aufbau befindlichen Gartenprojekten aus anderen Städten gewesen.
Zwei Preisverleihungen im ersten Jahr des Bestehens sind Ausdruck öffentlicher Anerkennung und haben zum Selbstbewusstsein der Projektbeteiligten beigetragen. Durch das Preisgeld konnten Wasseranschluss und ein Gerätehaus realisiert werden.
Im Rahmen eines LOS-Projektes wurden MigrantInnen in ihrer beruflichen Qualifizierung gefördert. Unter anderem entstand ein Rezeptbuch der interkulturellen Gärten; Layout und Rezepte wurden in einem Computerkurs erarbeitet, gefördert im Rahmen des IVANa-Projektes durch BAMF.
Ein Netzwerk an Nachbarschaftshilfen und interkulturellen Kontakten ist aufgebaut worden. Die Früchte des Gartens stehen auch für die erreichten Ziele und wurden miteinander geerntet, geteilt und gefeiert.
Die Marburger Gärten sind eingebunden in ein "Netzwerk Interkulturelle Gärten" in ganz Deutschland und darüber hinaus. Die Gartenprojekte tauschen sich aus und beraten entstehende Gärten. Koordiniert wird die Bewegung von der Stiftung Interkultur.
Aus dem gemeinsamen Gärtnern sind weitere Projekte hervorgegangen. Eine mobile Nachbarschaftswerkstatt ist im Entstehen; ein Abenteuergarten wird als Naturerfahrungsraum für Kinder verwirklicht. Eine Streuobstwiese mit Baumpaten aus dem Stadtteil wird gerade angelegt. Ein gemeinsamer Kräuter- und Blumengarten zeigt die seit Jahrhunderten erfolgreiche Integration zugewanderter Pflanzen. Die jüngste Projektidee ist ein Überflussgarten, wo die überzähligen Setzlinge, Kräuter und Pflanzenspenden für alle Menschen kostenlos zur Verfügung stehen.
In den interkulturellen Gärten sind die Grenzen aus Gras; neben Ringelblumen und Kichererbsen wachsen Verständnis und Hilfsbereitschaft. Der gemeinsame Tee am Abend kostet nichts – nur ein Lächeln und ein Dankeschön. Gemüse, Blumen und Ideen wachsen im Überfluss und werden gern geteilt.


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