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Handlungsfeld Quartier: Anmerkungen zu einer am Sozialraum orientierten Wohnungslosenhilfe

Geschrieben von Stefan Gillich am .

Zum Autor:

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Gillich, Stefan, Jg. 1957, Dipl. Sozialpädagoge, Dipl. Pädagoge, Studium der Soziologie, Referent für Wohnungslosenhilfe, Straffälligenhilfe und Bahnhofsmission im Diakonischen Werk Hessen und Nassau, Frankfurt/M., Vorstand des Fachverbandes Ev. Obdachlosenhilfe, Tel. 069/ 7947 222
Fax 069/ 7947 99222, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Dieser Aufsatz wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors und Herausgebers entnommen dem Buch: Stefan Gillich/Stephan Nagel (Hrsg.) (2010): Von der Armenhilfe zur Wohnungslosenhilfe – und zurück? (S. 52-67), TRIGA – Verlag, Gründau


Die Wohnungslosenhilfe hat den Auftrag, Menschen zu unterstützen, damit die eigenverantwortliche Gestaltung des Lebens gelingt. Die Erkenntnis wächst, dass Nachbarschaften und die Entwicklung von Netzwerken im Sinne eines solidarischen Miteinanders im Quartier eine bedeutende Rolle spielen. Soweit so gut. Wir haben für die Öffnung der Einrichtung für den Stadtteil viele zwingende Gründe und die Frage bleibt, wie das am besten zu machen ist. Damit hat sich die Wohnungslosenhilfe verstärkt auseinander zu setzen.

Zunächst stelle ich Argumente für eine auf den Sozialraum ausgerichtete Wohnungslosenhilfe vor. Im zweiten Teil verdeutliche ich den zugrundeliegenden Denkansatz und erläutere, wie dieser Ansatz in der Praxis der Wohnungslosenhilfe umgesetzt werden kann. Danach werde ich handlungsleitende Grundsätze und Handlungsperspektiven der stadtteilorientierten Wohnungslosenhilfe vor Ort beschreiben und im vierten Teil Perspektiven für die Wohnungslosenhilfe aufzeigen.

1 Begründungen für eine auf den Sozialraum ausgerichtete Wohnungslosenhilfe

Die Erkenntnis, dass sozialräumliche Konzepte von Bedeutung auch in der Wohnungslosenhilfe sein können, setzt sich meines Erachtens erst nach und nach durch. Wohnungslosenhilfe - als Einzelfallhilfe organisiert - fühlte sich in der Vergangenheit von Sozialraumkonzepten wie die Gemeinwesenarbeit kaum angesprochen. Dabei ist bei genauerem Hinsehen festzustellen, dass durchaus verschiedene sozialräumliche handlungsleitende Prinzipien in der Alltagspraxis mit Wohnungslosen umgesetzt wurden und werden (Vernetzung und Kooperation auf unterschiedlichen Ebenen, Arbeit an und mit den vorhandenen Ressourcen Wohnungsloser, Einbindung der Einrichtung in das Umfeld/Stadtteil, Einmischung in Politik, methodenübergreifendes Handeln usw.). Diese Tätigkeitsformen waren häufig nicht verzahnt und wurden auch nicht in direkte Verbindung zur Gemeinwesenarbeit gebracht. Diese Betonung ist wichtig, da die Arbeit mit Wohnungslosen nicht neu erfunden werden soll. Vielmehr soll der Blick geschärft werden für die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, welche die Sozialraumorientierung (manche sagen auch Stadtteilorientierung, Gemeinwesenarbeit oder Community Organizing) bietet und Anregungen für die Strukturierung der Arbeit gegeben werden.

Wohnungslose sind nicht nur Menschen, die genötigt sind, ohne eigenen Wohnraum auf der Straße zu überleben und unter der Bezeichnung „alleinstehende Wohnungslose" zur klassischen Klientel der Wohnungslosenhilfe gehören. Wohnungslos ist auch, wer als Wohnungsnotfall nicht über mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt oder von Wohnungsverlust bedroht ist. Das können auch größere Klientengruppen sein wie Familie, Szene, Nachbarschaft: Menschen, die in einer „geteilten Stadt" in „benachteiligten Stadtgebieten" beheimatet sind. Der Bogen der Wohnungslosenhilfe reicht also von den Polen Soziale Ausgrenzung bis hin zu Wohnungsnotfall. Die Wohnungslosenhilfe ist damit weder einziger Akteur in diesen Feldern, noch kann sie erfolgreich allein agieren.

In benachteiligten Stadtteilen und Quartieren sind Personen und Haushalte räumlich konzentriert, die verarmt, diskriminiert und benachteiligt sind. Da die Quartiere und ihre Bewohner diese Prozesse nicht mehr selbst aufhalten können, muss eine integrierte Stadtteilpolitik stabilisierend eingreifen. Die Landes- und Bundesprogramme für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf richten sich auf das Quartier als sozialen Raum. Die Wohnungslosenhilfe ist Teil dieser integrierten Handlungsansätze, wie z.B. dem Programm „Soziale Stadt". In diesen benachteiligten Stadtteilen leben Menschen. Hier ist ihre Lebenswelt, ihr sozialer Raum, in dem sie Kontakt haben. Es ist der Raum, der die entscheidende Ressource zur Lebensbewältigung darstellt. Die Lebenswelt ist damit zentraler Ansatzpunkt der Wohnungslosenhilfe.

Zentrale sozialpolitische Zukunftsthemen wie die demographische Entwicklung, die Zukunft der Erwerbsarbeit und die Armutsentwicklung gilt es vor dem Hintergrund der Globalisierungs- und Individualisierungsprozesse wahrzunehmen. Doch klar ist, dass sich der Lebensalltag der Menschen kleinräumig abspielt. Es ist der Lebensalltag vor Ort, der „Nahraum", der die sozialen Beziehungen der Menschen strukturiert und durch soziale Beziehungen ermöglicht, an tragenden solidarischen Netzen zu knüpfen.

Aufsuchende Arbeit in der Wohnungslosenhilfe ist geprägt durch direkte Zugangswege und die unmittelbare Nähe zur Klientel, durch die Auseinandersetzung mit der Lebenswelt und deren Akzeptanz sowie die Bereitschaft, sich im Sinne der Klientel einzumischen in gesellschaftspolitische Prozesse. Die Wohnungslosenhilfe erfüllt eine Brückenfunktion zwischen gesellschaftlichen Werte- und Normvorstellungen bzw. Ausgrenzungsmechanismen einerseits und Ausgegrenzten im weiteren Sinne andererseits. Dies funktioniert nicht ohne ein sozialräumliches Handlungsverständnis. Es geht folglich bei allem Handeln auch immer darum, dass die Wohnungslosehilfe sich ihrer gesellschaftspolitischen Rolle und Verantwortung bewusst ist, sie annimmt und (mit-)gestaltet.

Für die Wohnungslosenhilfe ist die Sozialraumorientierung von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben:

  • dies wird wahrnehmbar in der Ausgrenzung der Armut in benachteiligten Wohnquartieren oder durch die Anhäufung von Problemen auf der Straße (z.B. bei Wohnungslosen oder Jugendlichen);
  • darüber hinaus können Räume bei der Entstehung und Entwicklung sozialer Probleme eine Rolle spielen (z.B. reizarmes Milieu und hohe Wohndichte fördern soziale Konflikte);
  • Räume können Möglichkeiten und Behinderungen bei der Bewältigung sozialer Probleme darstellen (soziale Infrastruktur, Image eines Stadtteils, Räume, welche die Kommunikation und den Aufbau sozialer Netze befördern);
  • Räume bieten die Möglichkeit, soziale Probleme zu thematisieren (z.B. Stadtteilhaus, Nachbarschaftshaus, Straße als politischer Raum. Damit hat der Blick auf den Raum nicht nur problemlösende Funktion, sondern er hat auch durch die Nähe zu den Menschen in deren Lebenslagen präventive und seismographische Funktion für neue Handlungsfelder

Für viele Wohnungslose ist der öffentliche Raum der überwiegende Lebensort. Der öffentliche Raum wird häufig mit der Straße gleichgesetzt und als Gefährdungspotenzial interpretiert. Die an vielen Orten entstandenen Projekte zur (Kriminal)Prävention zwischen Wohnungslosenhilfe, Jugendhilfe, Polizei, Kirchen und weiteren Partnern sind zu verstehen als Reaktion auf wahrgenommene Probleme im öffentlichen Raum. Anlässe können Gewalt an Schulen, Drogenproblematik, Ruhestörung o.ä. sein. Zugrunde liegt ein Verständnis, das Menschen als Störer (der öffentlichen Ordnung) wahrnimmt und die Straße als Gefahrenraum, als „gefährlichen Ort" versteht. Der öffentliche Raum wird nur unter negativen Vorzeichen eines unkontrollierten Raums gesehen, in dem Verschmutzung und Verwahrlosung unter Kontrolle gebracht werden müssen. Angesiedelt zwischen Prävention und Kontrolle kann Hilfe – nach diesem Verständnis – nur bedeuten, Menschen Angebote zur Veränderung ihrer Lebenssituation zu machen. Soziale Arbeit hat den öffentlichen Raum als „Aneignungsraum" zu akzeptieren und ggf. Hilfen (wie die Bereitstellung von institutionellen Räumen) anzubieten. Die Wohnungslosenhilfe versteht den öffentlichen Raum nicht primär als „gefährliche Straße" (ohne tatsächlich vorhandene angstmachende Räume zu übersehen), sondern als Aneignungsraum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Räume, vor allem städtische Räume, sind von Menschen gestaltet und strukturiert. Menschen müssen sich diese Räume genauso aneignen wie Gegenstände ihrer unmittelbaren Umgebung.

Aktuell richten sich unterschiedliche Felder Sozialer Arbeit sozialraumorientiert aus und formulieren Bürgerbeteiligung als wesentliche Aufgabe. Von der Jugendhilfe über die soziale Stadtentwicklung bis zur Öffnung von Schulen für den Stadtteil wird von Sozialraumorientierung gesprochen.

2 Grundgedanken einer am Sozialraum orientierten Wohnungslosenhilfe und ihre Umsetzung

Träger der Sozialarbeit werden zunehmend konfrontiert mit sozialen Desintegrationsprozessen. Dies wird deutlich an Merkmalen wie Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Perspektivlosigkeit Jugendlicher, Spaltung der Gesellschaft, Zunahme der Kinderarmut etc.. Soziale Desintegration kann durch soziale Arbeit mit einzelnen Klienten oder mit der herkömmlichen Gruppenarbeit nicht (mehr) ausreichend angegangen werden. Besondere Schwierigkeiten sind:

  • Die Zersplitterung der Handlungsvollzüge: Noch immer werden häufig Hilfeprozesse von verschiedenen Trägern oder von Abteilungen derselben Institution eingeleitet, ohne dass man voneinander weiß.
  • Tendenz zur Spezialisierung: Statt Ganzheitlichkeit entwickelt(e) sich ein spezialisiertes Falldenken – für Hilfesuchende ist dies in vielen Fällen zu unübersichtlich.
  • Reaktive Hilfe als Einzelfallorientierung: In der Wohnungslosenhilfe gibt es - grob vereinfacht - zwei wesentliche inhaltliche Stränge: Zur Behebung einer konkreten kritischen Lebenslage eines Wohnungslosen werden Einzelhilfen angeboten, von konkreter materieller Hilfe über Beratung bis hin zu Therapie. Im Mittelpunkt steht der Wohnungslose in seiner konkreten Notsituation und bedarf für einen (begrenzten) Zeitraum professioneller Unterstützung. Diese Notlage erscheint isoliert darstellbar und ist mit einem bestimmten Spektrum von Maßnahmen zu bearbeiten, in der Regel mit einem passenden Hilfeangebot in einer Organisation. Der Hintergrund für eine solche Sichtweise ist die Annahme, dass das auffällige Individuum mit seinen Defiziten in den Mittelpunkt sozialer Arbeit zu stellen ist. Demgegenüber gibt es ein Verständnis, eine/n Hilfesuchenden als integriertem Bestandteil eines ökologischen und sozialen Zusammenhangs aufzufassen. Nach diesem Verständnis ist die/der Hilfesuchende geprägt durch seine sozialen und materiellen Lebensbedingungen, seine Umwelt und die Wohnbedingungen, in denen er lebt. Gleichzeitig ist er aber auch in der Lage, Einfluss auf diese Faktoren auszuüben, Entscheidungen zu treffen und das Leben selbst zu gestalten.

Bis zu Beginn der 80er Jahre spielte die Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit bei der Entwicklung von Quartieren eine wichtige Rolle. Mit der „Therapeutisierung der Sozialarbeit" verstärkte sich die Abgrenzung der Gemeinwesenarbeit und der Beratungsfraktionen voneinander. Plötzlich machten alle Beratungen. „Ich arbeite in einer Beratungsstelle" war Qualitätsmerkmal und Gütesiegel zugleich. Die Arbeit in einer (womöglich sogar therapeutisch arbeitenden) Beratungsstelle galt als das höchste Gut sozialer Arbeit. Handeln in den Stadtteilen, das auch auf politische Wirkung abzielte, war out. Gemeinwesenarbeit galt als zu aufrührerisch. Gemeinwesenarbeit führte – wie ihre Klientel - ein randständiges Dasein in sozialen Brennpunkten und benachteiligten Stadtteilen. Zu dieser Zeit gab es vielerorts missglückte Versuche, Mitarbeitende in Beratungsstellen zu animieren, Beratung vor Ort anzubieten. Doch die Klientel passte nicht zum Selbstbild der Berater. Es gab - wie der frühere Leiter eines Diakonischen Werkes ernsthaft anmerkte – die saubere und die dreckige Sozialarbeit.

In den 80er Jahren schließlich – und das ist unser heutiger Gewinn - setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Opposition von Beratungsarbeit und Arbeit in den Stadtteilen Unsinn ist; beides gehört vielmehr zusammen. Die Klammer um beides ist die Lebenswelt der Menschen. Denn die Lebenswelt ist der Ort, in der das Individuum und die Gesellschaft handeln. Sie ist der Raum täglicher Aktionen der Menschen. Damit ist die Lebenswelt Schnittpunkt von Individuum und Gesellschaft. Auftrag Sozialer Arbeit ist, die Handlungsmöglichkeiten des Individuums zu erweitern und Behinderungen zu beseitigen. Dies geschieht durch die Förderung von materiellen und infrastrukturellen Ressourcen (Fragestellung: welche objektiv vorhandenen Lebensumstände haben die Menschen im Stadtteil) und durch die Förderung von sozialen und personalen Ressourcen (z.B. durch Beratungsarbeit). Als räumliche, quartiersbezogene Kategorie findet sich die Lebenswelt wieder im Gemeinwesen (Sozialraum). Denn der Sozialraum ist immer ein Teil der Lebenswelt des Individuums, und zwar derjenige Teil, in dem ich in personalem Kontakt mit anderen Menschen bin, in dem ich „social" bin. Es gibt einen geographischen Raum (z.B. Kirchengemeindebezirk) und einen (individuellen) Sozialraum. Mit dem Begriff der Sozialraumorientierung sind folglich erstens Menschen gemeint, zweitens ein Sozialraum und drittens bestimmte handlungsleitende Grundsätze.1

Für die Soziale Arbeit ist die sozialräumliche Orientierung von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben. Das Leben im Sozialraum (Kirchengemeinde, Kirchenkreis, Gemeinwesen, Stadtteil etc.) muss zum Bezugspunkt werden für das Verstehen der Belastungen, Krisen und Notlagen der dort lebenden Menschen. Der Sozialraum wird als eine Ressource zur Lebensbewältigung erkannt. Im Zentrum der Ressourcenorientierung steht die Frage, welche Ressourcen eine Person benötigt, um belastende Situationen zu bewältigen. Gefragt ist nicht, was krank macht, sondern was hilft, gesund zu bleiben. Bei Menschen in Notlagen kann es die Frage danach sein, was ihnen hilft, ihre Wohnung zu erhalten. Mit diesem Perspektivenwechsel erweitern sich die Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten sozialer Arbeit von der „Behandlung" Einzelner oder einzelner Gruppen hin zu Konzepten der Gestaltung von Lebensräumen. Diese Perspektive sieht den Wohnungslosen eingebettet in soziale Beziehungen, Institutionen, Wohnumfeld und Arbeitswelt. Bei dieser ganzheitlichen Sichtweise wird folglich gefragt nach den Beziehungen zwischen dem Wohnungslosen und seinen Mitmenschen (soziale Netze), zwischen dem Wohnungslosen und kulturellen, politischen, ökonomischen und sozialen Institutionen sowie zwischen dem Wohnungslosen und der Umwelt. Der Blick in den Sozialraum (Quartier) eröffnet Möglichkeiten, die der Wohnungslosenhilfe durch die aus dem Sozialraum herausgelöste isolierte Betrachtung als Einzelfall (bislang) verschlossen sind.

Sozialer Arbeit geht es um die Bearbeitung sozialer Probleme. Sozialraumorientierte Wohnungslosenhilfe zielt auf die Verbesserung der Lebensbedingungen in sozialen Räumen im Sinne der dort lebenden Menschen. Sozialraumorientierte Wohnungslosenhilfe ist ein ganzheitliches Handlungsverständnis, welches sich an einzelne Individuen richtet und am Sozialraum orientiert ist. Sie versteht den Sozialraum sozusagen als Handlungsfolie des Einzelnen. Sie arbeitet mit den Ressourcen des Stadtteils und seiner Bewohner und fördert Selbstorganisation und Selbsthilfe. Wenn von sozialraumorientierter Wohnungslosenhilfe gesprochen wird, dann ist damit eine Grundhaltung, ein Blickwinkel, eine bestimmte Form der Herangehensweise an Themen- und Problemstellungen gemeint. Sozialraumorientierte Wohnungslosenhilfe bietet das Grundverständnis und das notwendige Methodenrepertoire, um qualitative Beiträge zur Aktivierung, Beteiligung und Selbstorganisation der Menschen im Stadtteil zu leisten. Im Gegensatz zu klassischen Beratungsansätzen Sozialer Arbeit verlagert die sozialräumliche Sichtweise ihr Hauptaugenmerk von den Klienten auf deren direkte Lebensumwelt und versucht, auf der Ebene der kleinräumigen, überschaubaren Strukturen, gemeinsam mit Betroffenen, Veränderungsprozesse zu erreichen.

Stadtteilorientierte Angebote der Wohnungslosenhilfe:

  • sind demnach am Willen der Menschen orientiert,
  • sind auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zugeschnitten,
  • Unterstützen und fördern Menschen bei ihrer Selbstorganisation,
  • sind aktivierend und fördern Beteiligung,
  • sind gut zugänglich,
  • haben ressourcenorientierten Charakter,
  • sind koordiniert.

3 Handlungsleitende Grundsätze und Handlungsperspektiven der stadtteilorientierten Wohnungslosenhilfe vor Ort

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen nur bereit sind, sich für etwas zu engagieren, wenn es in ihrem eigenen Interesse ist und sie von der Notwendigkeit überzeugt sind, gilt es herauszufinden, was die Menschen denken und fühlen, was sie als veränderungswürdig ansehen und was sie selber bereit sind zu tun, damit sich etwas verändert. Die grundlegende Programmatik der Gemeindeorientierung (Gemeinwesenarbeit) lässt sich konkretisieren anhand der folgenden sieben handlungsleitenden Grundsätze (Prinzipien/Standards) die es alle bei der Arbeit in den Blick zu nehmen gilt.

3.1 Orientierung an den Bedürfnissen und Themen der Wohnungslosen

Grundsätzlich geht es nicht darum, was Menschen nach der Vorstellung bürokratischer Instanzen „brauchen", sondern was sie vor dem Hintergrund ihrer Lebenslage „wollen". Anstatt zu versuchen, Menschen für die Ziele von Professionellen zu gewinnen, geht es vielmehr darum, sich auf die Suche zu machen und die Motivation der Menschen nach Veränderung wahrzunehmen. Es sind häufig die scheinbar kleinen Themen, die es ernst zu nehmen und aufzugreifen gilt. Die Lebensweltorientierung sowie eine ganzheitliche Betrachtung und Präsenz sind unverzichtbar, wenn Strategien der Lebensbewältigung, Motivation, Interessen, Kompetenzen und Potenziale Wohnungsloser verstanden werden sollen.

Das heißt: Fachkräfte – mit ihrer Institution Teil eines Sozialraums – müssen vor Ort erreichbar sein, Kontakte pflegen und Vertrauen schaffen durch niederschwellige Arbeit. Dies kann zum Beispiel dazu führen, dass bei Diskussionen über Öffnungszeiten handlungsleitend wird, was die Wohnungslosen wollen oder Untersuchungen und Betroffenenbefragungen in den Einrichtungen unverhofft andere als von der professionellen Hilfe vertretene „Wahrheiten" ans Licht befördert werden.

Nur durch die Verortung im Sozialraum mit dem Ohr an den Themen der Menschen können informelle soziale Netzwerke wahrgenommen und erschlossen werden. Gelebte Vorurteilstrukturen und Konflikte, Prozesse von Verarmung, Ausgrenzung können kenntlich gemacht werden ebenso wie das Gelingende, die Stärken und die Alltagssolidarität der Menschen.

3.2 Förderung der Selbstorganisation und Selbsthilfekräfte

Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe ermutigt und unterstützt Menschen, ihre Themen selbst anzupacken. Unterstützung bedeutet, dass Fachkräfte nicht für Wohnungslose handeln, sondern – wo immer möglich - mit ihnen und nur den „Rest", den Betroffene nicht selbständig machen können, allein erledigen. Wohnungslosen wird dadurch ermöglicht, eigene Lern- und Kompetenzerfahrungen zu machen. Häufig scheitert Selbsthilfe auch daran, dass Maßstäbe der Selbsthilfe dem mittelschichtorientierten Denken entspringen. Zur Illustration ein Beispiel: In einer Tagesstätte für Wohnungslose wird den Besuchern eine eingerichtete Küche zur Verfügung gestellt. Die notwendige Infrastruktur ist vorhanden: von der Herdplatte bis zu Töpfen und Pfannen; Lebensmittel werden nicht zur Verfügung gestellt. Im Laufe der Wochen bildet sich eine Gruppe von Interessierten, die täglich einkaufen, für alle Besucher der Tagesstätte kochen und die Kosten auf die Beteiligten umlegen. Es sind überwiegend ältere alleinstehende Wohnungslose, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar sind. Im Kochen für andere erkennen viele einen Wert. Die Anerkennung durch Gäste bei diesen Mahlzeiten fördert ihr Selbstbewusstsein. Angebote seitens der „Tafelbewegung" und Ehrenamtlicher aus bürgerlichen Kreisen, den Kochdienst zu übernehmen, werden von den Betroffenen vehement zurückgewiesen: Sie haben sich selbst organisiert und wollen dieses selbst erarbeitete Tätigkeitsfeld auch behalten. Doch bürgerschaftliches Engagement wird in diesem Beispiel gerne in Anspruch genommen durch die Annahme gespendeter Lebensmittel, die von Wohnungslosen jedoch selbst zubereitet werden. Weitere Beispiele für die Förderung der Selbstorganisation und der Selbsthilfe sind:

  • Gemeinsam mit Betroffenen der Besuch von Sozialausschusssitzungen/Gemeinderatssitzungen, wenn interessierende Themen behandelt werden;
  • Thematisierung von Ausgrenzungen durch Vertreibung aus Innenstädten gemeinsam mit Betroffenen, Einzelhandel, Anwohnern und Polizei;
  • In Institutionen der Wohnungslosenhilfe ist noch viel Platz für Besucher- bzw. Bewohnerversammlungen, –vertretungen, oder –beiräte.
  • 3.3 Nutzung vorhandener Ressourcen

Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe versteht sich als präventiver Ansatz in der Sozialarbeit. Das bedeutet zu handeln, bevor der Wohnungslose „in den Brunnen gefallen ist" und professionelle Unterstützung benötigt. Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe stellt Ressourcen nicht erst dann zur Verfügung, wenn Probleme überhand nehmen. Vorhandene Potenziale des Stadtteils wie Nachbarschaften, Wohnräume, spezielle Fähigkeiten einzelner Bewohner oder kommunale Dienstleistungen werden gesucht, gefördert, vernetzt, aktiviert und für Projekte nutzbar gemacht. Die Öffnung in den Stadtteil kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen. Es müssen Räume sein, wo Menschen sich wohlfühlen können, keine „pädagogische" Bearbeitung zu befürchten haben und an ihren sozialen Netzen knüpfen können. Ein Ort an dem Dienstleistungen ohne Gegenleistung genutzt werden können. Beispiele:

  • Eine Ressourcenkarte nach einem Beratungsgespräch erstellen: über welche stärkenden Ressourcen verfügt der Hilfesuchende (zur Wahrnehmung individuel-ler Ressourcen)?
  • Die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in und für den Stadtteil als niederschwellige Kommunikationsräume öffnen, z.B. als Stadtteilladen oder Stadtteilcafé mit der Förderung von Selbsthilfeformen und –initiativen (strukturelle Ressourcen).
  • Mentoren mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Ressourcen begleiten Wohnungslose bei der Alltagsbewältigung.
  • 3.4 Verbesserung der materiellen und immateriellen Situation sowie der infrastrukturellen Bedingungen

Gemeindeorientiertes Handeln bedeutet, einen Beitrag zu leisten zu einer aktiven Stadt(teil)entwicklung. Dies kann die Wohnungslosenhilfe nicht alleine erreichen. Die Förderung neuer Ressourcen orientiert sich am Bedarf des Sozialraums z. B. durch den Ausbau der ökonomischen und baulichen Strukturen (adäquater Wohnraum, Arbeitsplätze, Räume, günstiges Essen, Secondhand-Kleidung etc.). Das Einklinken in lokale Politikprozesse ist vonnöten, um Informationen an zentrale Stellen weiter zu transportieren, Ressourcen zu bündeln und in den Stadtteil zu lenken und Kooperationspartner zu gewinnen.

Das Verhältnis der Lebenswelt Wohnungsloser zur Gesellschaft ist nicht nur dadurch zu bestimmen, wie die Gesellschaft in die Lebenswelt hineinragt, sondern auch dadurch, wie Themen und Probleme aus der Lebenswelt Armer und Ausgegrenzter in den politischen Diskurs zu bringen sind. Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe konfrontiert Politik, Verwaltung und Gesellschaft beharrlich mit den Lebensbedingungen der Menschen im Stadtteil – von der sachlichen Darstellung über einen fachlichen Diskurs bis zu skandalisierenden Aktionen mit allen zur Verfügung stehenden Elementen nachdrücklicher Öffentlichkeitsarbeit. Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe unterstützt die Entwicklung des sozialen und kulturellen Lebens, des „unsichtbaren Gemeinwesens", wie soziales Klima, bürgerschaftliches Engagement, Alltagskontakte etc. Hierzu bietet gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe personelle Ressourcen an zur Beratung und Qualifizierung, beim Zuhören, beim Moderieren. Beispiele:

  • Förderung von Tauschbörsen,
  • Einrichtung von Stadtteiltreffpunkten oder Entwicklung interkultureller Nachbarschaftszentren,
  • Initiierung öffentlicher Gesprächsrunden,
  • Einladung öffentlicher Veranstaltungen in die Räume der Wohnungslosenhilfe.
  • 3.5 Zielgruppenübergreifendes Handeln

Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe beschränkt sich nicht auf eine Zielgruppe (Wohnungslose), sondern stellt Zusammenhänge her zwischen den Gruppen im Wohnquartier und versucht, deren Kooperation zu fördern. Aktivitäten werden aus einem Bedarf, um ein Thema herum organisiert, das in der Regel nicht nur Wohnungslose betrifft. Als Herangehensweise können Fragen hilfreich sein wie: Von welchen Themenstellungen können auch Wohnungslose profitieren? Gibt es ggf. noch andere aus dem Quartier, die diese Fragen oder Themen beschäftigen? Von Arbeitslosigkeit bis hin zu schlechten oder prekären Wohnbedingungen sind oftmals viele unterschiedliche Menschen aus einem Wohnquartier betroffen. Natürlich kann es Themen geben, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen betreffen, die sich dann „zielgruppenspezifisch" organisieren. Gleichwohl ist die Betrachtungs- und Herangehensweise grundsätzlich sozialraumbezogen. Beispiele:

  • Öffnung von Kochkursen für die Bewohner des Stadtteils,
  • Ein Arbeitslosenfrühstück oder Mittagstisch im Quartier ist für viele Menschen aus dem Stadtteil ein anregendes Angebot,
  • Ein muttersprachliches Angebot oder Sprachkurse können zielgruppenübergreifend angeboten werden,
  • Filmeabend für Stadtteilbewohner,
  • Bedenken von Anwohnern z. B. von Wohnungsloseneinrichtungen müssen ernst genommen werden und ggf. muss für Probleme wie Verunreinigung oder Lärmbelästigung mit allen Beteiligten nach Lösungen gesucht werden, die Moderation von Konflikten gehört zum Aufgabenbereich der Wohnungslosenhilfe.
  •  

3.6 Ressort- und methodenübergreifendes Handeln

Um Lebensbedingungen im Sozialraum zu verbessern, wird eine bereichsübergreifende Kooperation gesucht und gefördert. Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe tritt heraus aus dem eingegrenzten Bereich des „Sozialen" und versteht sich als Instanz, die nicht lediglich die Folgen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen bearbeitet. Der Bereich des Sozialen liegt quer zu anderen Feldern kommunaler Politik. Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe mischt sich offensiv und aktiv in die Politikfelder ein, mit denen Wohnungslose zu tun haben: Beschäftigungspolitik, Wohnungspolitik, Wirtschaftsförderung, Gesundheitspolitik, Stadtentwicklung usw. Eine so verstandene gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe kann nicht im Alleingang gelingen. Sie braucht Partner in Politik und Verwaltung, wenn Veränderung gelingen soll. Das Einmischen in kommunalpolitische Zusammenhänge hat auch die Funktion, Wohnungslose nicht mehr nur spezialisierten Einrichtungen der sozialen Arbeit zuzuschieben und damit zu isolieren (wie z.B. Streetwork das Problem der als störend empfundenen Wohnungslosen in öffentlichen Räumen zu bearbeiten hat). Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe fordert die Verantwortung des Gemeinwesens ein und gibt das Thema an das Gemeinwesen zurück.

Gemeindeorientierte Wohnungslosenhilfe ist in der Lage, fallübergreifende Gemeinsamkeiten von Lebenslagen zu erkennen und entsprechend zu bearbeiten, mit (bürgerschaftlichen) Organisationen zusammenarbeiten. Sie kann nicht nur „fallorientiert" kommunizieren, sondern personen- und fallbezogene Intervention kombinieren, sowie Entscheidungsträger in Institutionen und Politik erreichen. Beispiele:

  • Streetwork als Mittler zwischen Personen, Gruppen, Institutionen,
  • Moderation von Veranstaltungen,
  • Koordination verschiedener Aufgabenbereiche,
  • Entwicklung von Kooperationen über den Bereich des „ozialen" hinaus, z.B. in Präventionsrunden.
    

3.7 Vernetzung und Kooperation

Sozialraumorientierte Wohnungslosenhilfe kann nicht von einer Person gemacht werden, wenn das Gemeinwesen, der soziale Raum als handelndes Subjekt gesehen wird. Vernetzung und Kooperation möglichst vieler Akteure sind nötig. Dabei zielt Vernetzung in zwei Richtungen: Vernetzung der Menschen im Gemeinwesen (Wohnungslose, Bürger, Betroffene von einem Thema etc.) und Vernetzung der „Professionellen". Eine wesentliche Aufgabe für soziale Arbeit besteht schlechthin darin, Menschen Ressourcen für das Überleben oder für ein besseres Leben zur Verfügung zu stellen bzw. deren Nutzung zu ermöglichen. Eine solche Arbeit ist nur im Netzwerk möglich.

Das Gemeinwesen wird zu einem Netzwerk formeller und informeller Beziehungen. Die Bedeutung für Einzelne besteht u.a. darin, dass und inwieweit Unterstützung und Solidarität zu mobilisieren sind. Stadtteilcafé, Tagesstätte, Fahrradwerkstatt etc. sind niederschwellige Formen. Die Bedeutung für Einzelne besteht u.a. darin, Unterstützung und Solidarität zu mobilisieren. Beispiele:

  • Stadtteilcafé, Tagesstätte, Fahrradwerkstatt etc. sind niederschwellige Formen, die bei der Vernetzung hilfreich sind;
  • Netzwerke der Professionellen, z.B. in Trägerkreisen, Stadtteilkonferenzen, Mitarbeiterkreisen etc. helfen, einzelfallunspezifische Positionen und Lösungen zu entwickeln und abzusichern;
  • Fachtagungen, Runde Tische oder Arbeitsgemeinschaften können hilfreiche sozialraumorientierte Netzwerke sein; der Blick aus der eigenen Institution heraus hilft, „anzudocken" an Stadtteilpersönlichkeiten bzw. (existierende) Netzwerke, die für die Arbeit nützlich sein können;
  • Fördervereine können nicht nur finanzielle Unterstützung sondern durch ihre eigenen Netzwerke auch politische Unterstützung, bieten.

4 Ausblick

Die Wohnungslosenhilfe muss ihre Aufmerksamkeit notwendigerweise auf die Quartiere richten, in denen Probleme wachsen, in denen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Wohnungsnot, Wohnungsverlust, Überschuldung etc. beheimatet sind und in zu Armutsstadtteilen zusammengewachsenen „Armutsinseln" sichtbar wird. Der Sozialraum ist als Ort des Wohnens, der Existenzsicherung durch Arbeit, des sozialen Austauschs, des bürgerschaftlichen Engagements oder der Teilhabe an gesellschaftlichen Einrichtungen der zentrale Ort der Lebensbewältigung.

Die Öffnung von Einrichtungen in und für den Stadtteil als niederschwellige Kommunikationsräume z.B. als Stadtteilladen, Bürgerhaus oder Stadtteilcafé mit der Förderung von Selbsthilfeformen und -initiativen kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen. Es müssen Räume sein, wo Menschen sich wohlfühlen können.

Dabei geht es um befähigendes Handeln, also um Beteiligung und Aktivierung der Menschen. Denn Beteiligung muss daran orientiert sein, Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Mittel zu unterstützen, für die eigenen Belange aktiv zu werden. Dafür benötigen wir neben den notwendigen Strukturen das bürgerschaftliche Engagement bzw. die Nachbarschaftshilfe, die für sich und für andere Verantwortung übernimmt.

Was bedeutet Beteiligung von Menschen im Stadtteil konkret? Gesellschaftlicher Auftrag ist es dazu beizutragen, für Menschen und Familien positive Lebensbedingungen zu schaffen, und Sorge zu tragen z.B. für die Erhaltung und Herstellung einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt. Das geschieht am einfachsten und am sinnvollsten durch Beteiligung der Menschen. Denn platt formuliert: Was bringt es, wenn ich mir die schönsten Angebote z.B. für die Adressatengruppen ausdenke und niemand nimmt die Angebote an? Dies ist häufig die Crux der angebotsorientierten Arbeit. Alle wollen das Beste für die Klientel. Doch die Menschen bleiben fern, weil die Angebote nicht ihren aktuellen Themen entsprechen. Es geht folglich darum, herauszufinden und zu verstehen, welches die Themen der Menschen sind – was sie bewegt und beschäftigt und woran sie gegebenenfalls bereit sind, etwas zu verändern. Konkret: Wir brauchen zukünftig weniger eine angebots- als vielmehr eine beteiligungsorientierte, Räume anbietende Wohnungslosenhilfe.

Aktivierende Beteiligung ist mehr als eine einmalige Beteiligungsform. Das Methodenrepertoire hierzu ist üppig. Doch wie schnell stößt Beteiligung an ihre Grenzen. In der Regel dort, wo es um Entscheidungskompetenzen geht oder um ein „Veto-Recht", wo über die Verwendung von Ressourcen entschieden wird, also dort, wo es um das Verlassen von demokratischen Sandkastenspielen geht. Zum Beispiel bei Öffnungszeiten von Einrichtungen, Umfang und Verwendung von Finanzen und Sachmitteln, bei selbstbestimmter Programmgestaltung usw.. Beteiligung bedeutet, dass Menschen sich angenommen und ernst genommen fühlen (und werden), dass das Ergebnis ihr Produkt ist, mit dem sie sich identifizieren können und damit werden sie auch offener werden für weitere Themen. Ehrenamtliches Engagement ist nicht zuletzt entstanden durch Betroffenheit oder den Willen, die Verhältnisse zu verändern.

Die Wohnungslosenhilfe ist ein zentraler zivilgesellschaftlicher Akteur in einem Stadtteil. Sie muss - vor dem Hintergrund ihres sozialpolitischen Handlungsverständnisses - das Bewusstsein haben, Träger öffentlicher sozialer Belange sein. Bundesprogramme wie „Soziale-Stadt" oder Mehrgenerationenhäuser sind – gemeinsam mit anderen Akteuren - umzusetzen mit besonderem Blick auf benachteiligte Wohngebiete. Dazu gehört auch auf der Handlungsebene, Ressourcen, welche zur Verfügung stehen, für den Stadtteil zugänglich zu machen. Ebenfalls gehört dazu, in Zeiten zunehmender Individualisierung, niederschwellige Orte der Begegnung zu schaffen, Plattformen für Initiativen und Allianzen auf- und auszubauen, in denen Menschen Platz finden für Engagement und Teilhabe.

In der täglichen Arbeit wird die Wohnungslosenhilfe sich von den Betroffenen auch weiterhin fragen lassen müssen, was sie, orientiert an deren Bedürfnissen, praktisch zu bieten haben, ob sie diejenigen, die sie vorgeben zu erreichen, auch tatsächlich erreichen und effizient auf das Ziel der Normalisierung der Lebenslage hinarbeiten. Dabei werden Hilfeangebote außerhalb der angestammten Einrichtungen vonnöten sein. Der verstärkte Einsatz von Streetwork wird sich als zentrales Arbeitsfeld weiter entwickeln müssen, um auch diejenigen anzusprechen, denen der Zugang zu Einrichtungen und sozialen Diensten verwehrt ist.

Menschen sind zunehmend existentiell auf Netzwerke angewiesen. Sozialraumorientierte Wohnungslosenhilfe muss sich verstärkt in die wohnungs- und arbeitsmarktpolitischen Diskussionen einmischen. Bei der Verwirklichung des Zieles, zum Wohl von Menschen Teil eines tragenden sozialen Netzes zu werden, ist eine Öffnung von Diensten und Einrichtungen in das soziale und sozialpolitische Gemeinwesen geboten. Dann entstehen Räume, von denen Menschen sagen: Hier kann ich hingehen, hier hört man mir zu, hier treffe ich andere mit ähnlichen Schwierigkeiten. Da gibt es Beteiligungsmöglichkeiten für Migranten, für Menschen aller Altersgruppen. Und dann wird es auch viele Menschen geben, die sich engagieren, dort, wo sie einen Sinn erkennen können und wo die Unterstützung konkret fassbar ist.

Wenn es um die Verbesserung der Lebensqualität für Ausgegrenzte und sozial Schwache geht mit dem Angebot, zur Normalisierung ihrer Lebenslage beizutragen, kommen Ehrenamtliche und die professionelle Wohnungslosenhilfe gar nicht daran vorbei, das in Teilen existierende Kompetenzgerangel zu überbrücken und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Die gemeinsamen Ziele sind im Sinne der Wohnungslosen das Verbindende. Ihr gemeinsames Feld ist eine Gesellschaft, in der die massiv und systematisch betriebene Umverteilungspolitik von unten nach oben ihre Opfer fordert.

Nicht zuletzt muss sich die Wohnungslosenhilfe als Anbieter sozialer Dienste fragen, mit welchen Strategien sie einer Individualisierung gesellschaftlicher Problemlagen – wie sie z.B. durch die Hartz IV Gesetzgebung forciert worden ist – begegnen will. Denn es geht nicht mehr (nur) um individuelle Krisen, sondern um Spaltungen der Gesamtgesellschaft, die sich auch im Gemeinwesen niederschlagen.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: eine am Sozialraum orientierte Wohnungslosenhilfe ist kein Wundermittel. Sie ist vielmehr ein Grundverständnis bzw. eine Haltung, wie Probleme wahrgenommen und bearbeitet werden können. Der Blick in den Sozialraum eröffnet Möglichkeiten, die einer auf die Behandlung aus dem Sozialraum gelöster isolierte Einzelfälle reduzierten Wohnungslosenhilfe, verschlossen bleiben.


Literatur:

  • Gillich, Stefan (2004): Gemeinwesenarbeit: Die Saat geht auf, Grundlagen und neue sozialraumorientierte Handlungsfelder, Beiträge aus der Arbeit des Burckhardthauses, Band 10, Gelnhausen
  • Hinte, Wolfgang/Lüttringhaus, Maria/Oelschlägel, Dieter (2001): Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit, Münster
  • Oelschlägel, Dieter (2001): Lebenswelt oder Gemeinwesen? Anstöße zur Weiterent-wicklung der Theorie-Diskussion in der Gemeinwesenarbeit, S. 38-43 in: Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel (2001)

Fußnoten:

1 Weiterführend: Hinte/Oelschlägel/Lüttringhaus 2001; Gillich 2004