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Lebenswelten der Armut

Geschrieben von Dieter Oelschlägel am .

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Prof. Dr. Dieter Oelschlägel, Universität Duisburg-Essen, Institut für praxisorientierte Sozialwissenschaften, 47048 Duisburg, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Der nachfolgende Text ist das Manuskript des Autors für ein Referat auf der "1. Salzburger Armutskonferenz" am 15.05.2001

1.

Selbst wenn es nun in der Bundesrepublik einen Armuts- und Reichtumsbericht gibt, kann man noch nicht von einer überzeugenden Strategie gegen die Armut sprechen.
Die Kommunen - das Politikfeld. in dem ich mich bewege - diskutieren Armut im Zusammenhang mit Sozialhilfe, und Sozialhilfe im Zusammenhang mit den immens steigenden Kosten und den damit schwindenden kommunalem Handlungsspielräumen, und sie reagieren mit weiteren Einsparungen bei den freiwilligen Leistungen (Kultur, Sport, Jugendfreizeiteinrichtungen..), die die Lebensmöglichkeiten gerade armer Menschen weiter einschränken.
Es scheint in der Sozialpolitik ohnehin oft mehr um die Bekämpfung der Armen statt um die Bekämpfung der Armut zu gehen. Ein Indiz sind die Äußerungen - zuletzt von unserem Bundeskanzler bezogen auf Arbeitslose - mit denen die herrschende Politik vom notwendigen Kampf gegen die Armut ablenkt, indem sie den "Kampf" gegen die Armen führt, wenn man die ständige Wiederholung der Missbrauchsdebatte hört oder liest. Arme werden - jedenfalls in den Augen vieler Politiker - als unglaubwürdig hingestellt. Der prinzipielle Verdacht wird ausgestreut: "..die wollen ja nicht arbeiten, die beuten den Sozialstaat aus und die Wohnungslosen auf der Straße, diese Streuner wollen ja gar nicht wohnen". Schnell folgt der Ruf nach der "Sozialpolizei". Und von den Stammtischen kommt ein entsprechendes Echo. Damit zerfällt der Konsens, dass es die Aufgabe der Gesellschaft ist, den Armen zu helfen, dass sich eine reiche Gesellschaft - nicht nur aus ethischen, sondern auch aus ökonomischen und politischen Gründen - massenhafte Armut nicht leisten darf.

Hier setzt eine zentrale Aufgabe der sozialen Arbeit ein, die sich - so scheint es - auch mehr und mehr mit der Existenz von Armut in diesem Land - ich rede von der BRD - abfindet: 'Einmischung' und 'Skandalisierung'.
Einmischung - das heißt für mich: Mitspielen auf der Bühne der Politik, Rollen übernehmen und nicht im Saal sitzen und "Buh" rufen, wenn die Akteure nicht nach unseren Vorstellungen spielen. Sozialarbeit muss Politikfähigkeit erwerben, d.h.

  • die politische Dimension ihrer Inhalte erkennen und vermitteln können
  • die Instrumentarien parlamentarischer und außerparlamentarischer Politik beherrschen und anwenden können, das gilt auch für Verwaltungshandeln (bis hin zum Lesenkönnen von Haushaltsplänen)

SozialarbeiterInnen sehen wie Vertreter kaum eines anderen Berufs die Auswirkungen einer restriktiven Sozialpolitik, sie wissen über Armut und Ausgrenzung in ihrem Arbeitsfeld Bescheid. Auf der anderen Seite erleben sie, wie eingangs gesagt, in ihrer alltäglichen Praxis, dass Politiker und Verwaltungen Armut leugnen, soziale Probleme verschweigen und erst auf öffentlichen Druck reagieren. Skandalisierung meint nun Einmischung als Veröffentlichung der Versäumnisse staatlicher und kommunaler Sozialpolitik, das Benennen konkreter Probleme und die Information über ihre Ursachen und Dimensionen, verbunden mit politischen Forderungen zu ihrer Beseitigung. Solche Probleme - Verslumung ganzer Stadtteile, hohe Umweltbelastungen, Rückzug kommunaler Sozialpolitik aus 'Problemgebieten' etc. - sind von den SozialarbeiterInnen selbst dann in die öffentliche Diskussion einzubringen, wenn sie (noch) nicht Gegenstand des kollektiven Handelns der BewohnerInnen sind, denn: "Arme Leute sind keine passiven Opfer ihrer Lebensbedingungen, sondern lernfähige Subjekte, Seiltänzer am Rande des Existenzminimums, in ihrer Lernfähigkeit jedoch zugleich durch dieses beschränkt. Wer arm ist, träumt von besseren Zeiten - und fürchtet dennoch die Risiken der Veränderung" und "arme Leute neigen selten zu Revolten und tumultuarischen Auftritten, sind nicht ständig beschäftigt, die Ketten des Elends zu sprengen, bescheiden sich meist mit deren vorsichtiger Dehnung" 1.

Wenn auch der Kampf gegen die Armut nur erfolgreich geführt werden kann auf der Ebene der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialpolitik - nämlich als Umverteilung von Reichtum und Arbeit - so bleibt es doch unverzichtbare Aufgabe der professionellen Sozialarbeit, dieses immer wieder einzuklagen insbesondere auf lokaler Ebene.
Dazu reicht die Sichtweise vieler Sozialberichte nicht aus, so verdienstvoll das ist, mit umfangreichem Zahlenmaterial den Umfang der Armut und ihre Verteilung nach demographischen Merkmalen (Alter, Geschlecht, Ethnie...) darzustellen. Es geht darum, was auch in den Veröffentlichungen zu Ihrer Armutskonferenz immer wieder betont wird, den qualitativen Aspekt der Armut herauszuarbeiten. Wenn man weiß, wie es sich in Armutslebenslagen lebt, welche Strategien des Überlebens arme Menschen finden, dann

  • können wir auch gezielter sozialarbeiterische und auch kommunalpolitische Strategien der Unterstützung entwickeln
  • können das von Vorurteilen geprägte Bild von Armut in der Öffentlichkeit - und ich bin sicher auch bei Sozialwissenschaftlern und Sozialarbeiterinnen - verändern und
  • können den missbrauchbaren und unanschaulichen statistischen Daten Leben einhauchen.

Dafür brauchen wir eine umfassende Sichtweise, die Sie mir im Titel bereits vorgegeben haben: es geht um die Lebenswelten armer Menschen.
Lassen Sie mich zunächst (m)eine Perspektive auf die Lebenswelten armer Menschen und das von mir verwendete Lebensweltkonzept darstellen, ehe ich dann einige empirische Aspekte der Lebenswelt Armut vortrage.


2.

"Von besonderer sozialpolitischer Bedeutung ist angesichts der aktuellen Problemkumulation von Einkommensarmut und Wohnungsnot die Tendenz zu einer sozialräumlichen Ausgrenzung (einkommens-)armer Personen und Haushalte aus ihren bisherigen Lebensräumen und die Konzentration von sog. Problemgruppen in 'sozialen Brennpunkten'. Einher geht ein Strukturwandel von städtischen Wohnbezirken, in dessen Gefolge bisher normale Stadtteile durch Zu- und Abwanderungsprozesse allmählich den Charakter von Brennpunkten psychosozialer Notlagen annehmen 2".
Gesteuert über den Mietpreis kommt es zu einer Segregation (Absonderung, Zusammenballung) insbesondere sozial schwacher, also armer Familien und ethnischer und subkultureller Minderheiten. Die Armutsbevölkerung befindet sich fast ausschließlich unter den besonders segregierten Gruppen. Allerdings kommt hinzu, dass typische Wohnstandortbedingungen (z.B. hohe Immissionsbelastung, Wohnungsqualität, Miethöhe, Nachbarschaft etc.) zu gebietstypischen Segregationsmustern von Individuen und Haushalten und damit zu quartierstypischen Formen des Zusammenlebens der Menschen führen. In Krisenzeiten kommt es zu einer Verschärfung kleinräumiger Disparitäten, die Tendenz der Herausbildung neuer Armutsghettos jenseits der "klassischen" Segregation von Randgruppen ist zu beobachten.

Nach Krummacher lassen sich im wesentlichen vier Typen sozialräumlicher Armutskonzentration nachweisen:

  • städtische Obdachlosenghettos, die von überwiegend sozialhilfebedürftigen Großfamilien bewohnt werden
  • kleinräumige Neubaughettos, die sich durch hohe Sozialmieten, Wohnungsleerstände, Vandalismus und hohe Jugendarbeitslosigkeit auszeichnen. Sozialhilfeempfänger bekommen hier oft Wohnungen zugewiesen 
  • Altbaugebiete mit hoher Armutskonzentration, d.h. Arbeiterviertel mit traditionell niedrigem Einkommensniveau, mit hohem Sozialhilfeempfänger-, Arbeitslosen- und Ausländeranteil, jedoch noch relativ stabil. Aus diesen Gebieten heraus entwickeln sich 
  • Altbaugebiete mit Verelendungscharakter, wo Empfänger von Sozialhilfe, Kleinstrenten und Arbeitslosenhilfe dominieren und schon äußerlich räumlich-bauliche Verfallstendenzen sichtbar sind.

Es handelt sich schon nicht mehr nur um kleine Stadtteilbereiche, oft nur um Häuserblocks und Straßenzüge, sondern es ist in vielen Stadtgebieten eine Ausweitung zu ziemlich großräumigen Armutsstadtteilen (vornehm ausgedrückt: Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf) schon zu beobachten 3.
Hinzu kommen - von der GWA-Literatur noch kaum beachtet - Konversionsgebiete, d.h. Wohnsiedlungen, die bis Anfang der 90er Jahre von in Deutschland stationierten Soldaten und deren Angehörigen bewohnt waren und jetzt anderer Nutzung (z.B. Wohnraum für Aussiedler) zugeführt werden 4.
Damit haben wir ein Konzept von Armut, das auch deren räumliche Komponente berücksichtigt, d.h. ihre Verteilung in den Städten. Damit wird auch die Frage angesprochen, inwieweit die Lebensumwelt der Bewohner zu einer Kompensation materieller Armut beitragen kann, oder - im Gegenteil - durch fehlende Ressourcen und Hinzufügen zusätzlicher Belastungen (z.B. Emissionen) die Lebenslage Armut noch verschärft.

Betrachtet man nun diese Dimension der Armut, ihre räumliche Verteilung auf der Ebene von Stadtteilen, so kann man das zwischen zwei Polen ansiedeln. Auf der einen Seite ist festzustellen, dass sich ein großer Teil dieser Armut hinter noch recht gut erhaltenen Fassaden versteckt. "In Deutschland nimmt, angesichts einer Wohnungsmarktsituation, die kaum noch eine Fluktuation zulässt, das Ausmaß versteckter Armut zu. Selbst wenn die Wohnkosten für zahlreiche Familien kaum noch aufzubringen sind, besteht in den meisten Fällen keine Möglichkeit zu einem Umzug in eine preiswertere Wohnung" 5. Das führt dazu, dass immer höhere Anteile des Einkommens für die Miete benötigt werden und dies mit Einschränkungen an anderer Stelle (Urlaub, Ernährung) kompensiert werden muss. Stadtsoziologen stellen in diesem Zusammenhang noch ein anderes Phänomen fest: eine immer dichtere Belegung der Wohnungen bis hin zu nahezu unerträglichen Wohnverhältnissen, ein regelrechtes "Zulaufen" von Wohnquartieren6. Der Gegenpol zu dieser verdeckten Armut ist die stetig ansteigende Obdachlosigkeit bzw. Wohnungslosigkeit, für die von den Städten immer mehr Ressourcen aufgebracht werden müssen und die in den Städten auch immer sichtbarer wird. Zwischen diesen beiden Polen finden Prozesse weiterer Verarmung und Ausgrenzung und deren Konzentration in bestimmten, in der kommunalen Planungssprache gern "benachteiligte Stadtgebiete" genannten Quartieren statt. Dies ist einerseits ein Markt- und Konkurrenzprozess, in dem benachteiligte Nachfragergruppen nur wenige Chancen haben. Es ist andererseits auch ein durch kommunale Politik gesteuerter Prozess: durch die starke Abschmelzung des Bestandes an preisgebundenen Wohnungen müssen die Kommunen Familien in der Lebenslage Armut in den immer knapper werdende Bestand von Sozialwohnungen einweisen. Neue Ghettos werden so geschaffen. Das beobachten wir in Duisburg seit einigen Jahren hautnah, wie "Armutsinseln" zu Armutsstadtteilen zusammen wachsen.
So basieren meine Ausführungen auf der Erfahrung von 13 Jahren GWA in einem Duisburger Armutsquartier und der aktuellen Praxis von Quartiersmanagement in einer Mittelstadt am Rande eines Ballungsraums und betonen den sozialräumlichen Aspekt von Lebenswelten.


3.

Es würde zu weit führen, den theoretischen Rahmen des Lebensweltkonzepts von Husserl bis Habermas vorzustellen.
Ich trage - für soziale Arbeit - wesentliche Punkte des Lebensweltkonzeptes vereinfacht vor, wie dies auch andere Autoren tun.
Jeder Mensch baut sich in seiner Biografie ein Erklärungssystem von Wirklichkeit auf ("so ist das"). Zwischen unterschiedlichen Personen kommt es im Alltag zu einer Überschneidung dieser Erklärungssysteme, die Verständigung möglich macht. Wir stellen fest, dass der handelnde Mensch einen bestimmten Ausschnitt aus der sozialen Wirklichkeit in seiner Vorstellungswelt konstruiert hat und diesen Ausschnitt bis zu einem gewissen Maße mit seinen Mitmenschen teilt. Diesen Ausschnitt von Wirklichkeit erlebt er nicht als frei verfügbar, sondern einerseits durch die Umwelt und die soziale Mitwelt vorgegeben (Gesetze, Nachbarn...) und andererseits als Produkt seiner Biografie (Normen, Kenntnisse etc.). Aber er erfährt diesen Ausschnitt von Wirklichkeit auch als einen Bereich, in den er eingreifen, den er verändern und mitgestalten kann.
Diesen Ausschnitt von Wirklichkeit nennen SCHÜTZ; LUCKMANN u.a. "alltägliche Lebenswelt".
Ich gebe noch weitere Definitionen:

  • Lebenswelt ist "der 'immer schon' vom Menschen gegliederte und interpretierte Ausschnitt von 'Welt', in dem die Menschen ihre Mitmenschen in einer unmittelbaren räumlichen und zeitlichen Gemeinsamkeit erleben" 7.

und

  • "Menschen halten sich in ihrer privaten und gruppenspezifischen Umwelt auf, in der sie einen bestimmten Standpunkt einnehmen, sich in einer 'Lage' befinden, mehr oder minder Chancen wahrzunehmen - und sie haben ihre Zeit, in der sie 'Zeitgenossen' sind. Objektiv bildet diese Lebenswelt einen Bereich erzählbarer Vorkommnisse8.

Die als Wirklichkeit erfahrene Zone des Alltagshandelns definieren Schütz und Luckmann als "alltägliche Lebenswelt" oder Lebenswelt des Alltags.
Sie schreiben: "Die alltägliche Lebenswelt ist der Wirklichkeitsbereich, an der der Mensch in unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr teilnimmt. Die alltägliche Lebenswelt ist die Wirklichkeitsregion, in die der Mensch eingreifen und die er verändern kann, indem er in ihr durch die Vermittlung seines Leibes wirkt. Zugleich beschränken die in diesem Bereich vorfindlichen Gegenständlichkeiten und Ereignisse, einschließlich des Handelns und der Handlungsergebnisse anderer Menschen, seine freien Handlungsmöglichkeiten. Sie setzen ihm zu überwindende Widerstände wie auch unüberwindliche Schranken entgegen... Unter alltäglicher Lebenswelt soll jener Wirklichkeitsbereich verstanden werden, den der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet..." 9.

Was ist an diesen Definitionen gemeinsam? 
Lebenswelt

  • ist räumlich begrenzt: der Handelnde hat eine bestimmte alltägliche Reichweite, die z.B. durch Reisen (symbolisch) überschritten wird
  • hat eine zeitliche Dimension, d.h. eine Gegenwart, in der man durchaus unterschiedlich objektiv fortschreitende Zeit und subjektiv erlebte Zeitdimensionen erfährt
  • hat eine soziale Dimension; sie überschneidet sich mit der Lebenswelt anderer Menschen. Wie sie ein Teil meiner Lebenswelt sind, bin ich ein Teil ihrer Lebenswelt. (Das ist für den Sozialarbeiter eine wichtige Erkenntnis.) Und wir haben gemeinsame Aspekte der Lebenswelt. Vielleicht könnte man die Summe dieser gemeinsamen Aspekte der Lebenswelt der Menschen einer sozialräumlichen Einheit Gemeinwesen nennen??
  • Die Menschen definieren durch ihr Handeln oder ihr Erzählen selbst ihre Lebenswelt und deren Grenzen. Lebenswelt erschließt sich also nicht (nur) von außen, sondern auch und wesentlich durch die Binnensicht der Menschen, durch deren Interpretation und Deutung. das hat z.B. Folgen für die Wahl der Methoden bei lebensweltlichen Untersuchungen.
  • Die Lebenswelt wird von der Gesellschaft (System) mitbestimmt. Die Lebenswelt stellt den Horizont dar, innerhalb dessen die Menschen handeln; sie aber wird durch gesellschaftliche Strukturen und deren Wandel begrenzt und beeinflusst. Die Lebenswelt ist also kein Schonraum. Habermas fasst diese Beeinflussung unter dem Begriff "Kolonialisierung von Lebenswelt" zusammen, eine Formel, die die sozialpädagogische Diskussion stark beeinflusst hat. Sehr vergröbert dargestellt meint die Kolonialisierung von Lebenswelten einerseits das Eindringen von Experten in die Lebenswelt, die die professionelle Bearbeitung kultureller Überlieferungen und alltagsweltlichen Wissens übernehmen, den Betroffenen gewissermaßen ihre eigenen Deutungen wegnehmen - Gemeinwesenarbeiter können solche Experten sein -, andererseits meint Kolonialisierung die Steuerung der Lebenswelt durch Geld (z.B. Sozialhilfe) und Recht (z.B. Mietrecht) statt kommunikativer Verständigungsprozesse.

Diese Aussagen reichen aus, um Lebenswelt zu erkunden. Man kommt ihr sehr nahe, wenn man einen alltäglichen Lebenslauf eines Menschen verfolgt, das was ihm im Alltag widerfährt, die Wege, die ergeht, Die Räume, in denen er sich aufhält, die Menschen die er trifft...
Nun gibt es nicht das Lebensweltkonzept, das Eingang in die GWA gefunden hätte, sondern eine Reihe konkurrierender Ansätze aus unterschiedlichen Theorietraditionen. Gemeinsam ist jedoch allen diesen Konzepten

  • der Versuch der Vermittlung zwischen Makro- und Mikroebene, zwischen Gesellschaft und Individuum
  • die Bestimmung der Lebenswelt "als Horizont und Ressource von konstitutiver Bedeutung für die Lebensaufgaben, die sich den Menschen konkret stellen" (Wendt a.a.O.,19)
  • die Bedeutung der Interpretationsleistung des handelnden Subjektes zur Erfassung und Erklärung der Lebenswelt und
  • damit verbunden eine vorsichtige Zurückhaltung bei der Bestimmung der Funktion und Aufgaben der Professionellen in der soziale Arbeit.

Eine eigene Position ergibt sich für mich aus der Konfrontation des Lebensweltkonzeptes mit Ergebnissen der Kritischen Psychologie 10. Danach sehen wir Lebenswelt als den Ort, wo der Mensch als Individuum oder in der Gruppe alltäglich handelt. In ihr berühren sich Individuum und Gesellschaft. Sie ist ein Möglichkeitsraum, in dem das Individuum immer Handlungsalternativen hat. Menschen in der gleichen Situation können unterschiedlich handeln. Nicht alle Arbeitslosen in Bruckhausen verfallen dem Alkohol, einige entwickeln Strategien, über Schwarzarbeit etc. ihr Leben zu erhalten und zu gestalten, andere - wenige - organisieren sich in einer Selbsthilfegruppe.
Die Lebenswelt als Möglichkeitsraum stellt immer ein Verhältnis von Behinderungen und Möglichkeiten menschlichen Handelns dar 11.

Damit gewinnen wir eine Analyseebene für Gemeinwesenarbeiter. Stadtteilanalysen sind dann nicht mehr die Datenfriedhöfe statistischen Materials, sondern es kommt darauf an, die Lebenswelt daraufhin zu untersuchen, welche Möglichkeiten sie für die Menschen bereithält - diese sind zu stützen, zu erweitern und gegebenenfalls neu zu schaffen -, und welche Behinderungen sie beinhaltet - diese sind zu beseitigen oder wenigstens zurückzudrängen. Je mehr Möglichkeiten politischen, kulturellen und sozialen Handelns die Lebenswelt bietet, um so mehr Handlungsalternativen im Sinne einer produktiven Auseinandersetzung stellt sie für die Menschen zur Verfügung.


4.

Im Folgenden möchte ich Ihnen noch einige empirische Befunde aus unserer Arbeit vortragen. Sie stammen aus den letzten zehn Jahren aus dem Duisburger Stadtteil Bruckhausen, in dem wir mit einem kleinen, aus einem Uni-Projekt entstandenen Verein einen Gemeinwesen- oder Nachbarschaftstreff betrieben haben.
Was dabei besonders bedrückend ist: sie decken sich mit aktuellen Forschungsergebnissen 12 ebenso wie mit aktuellen Beobachtungen in Bruckhausen. Die Menschen sind fast in der selbe Weise arm, wie in den letzten Jahren auch. Das heißt: In armen Haushalten existiert eine Modernisierungslücke, die nur durch erhebliche Verschuldung scheinbar zu schließen ist.

Nutzung von Ressourcen

Die meisten Armen kommen mit dem, was sie an Leistungen erhalten nicht aus. Sie mobilisieren zusätzliche Ressourcen.
So gibt es viele Versuche des Nebenerwerbs. Im Stadtteil Bruckhausen gab es damals etwa 12 Secondhand-Läden. Die Waren sind von minderwertiger Qualität, die Lebensdauer der Geschäfte ist kurz. Oft wird die eigene Wohnung zum Warenlager oder zum Secondhand-Shop umfunktioniert. Männer arbeiten, wenn sie es gesundheitlich können, bei den "Subs", den Subunternehmern, ohne Sicherheit und bei schlimmen Arbeitsbedingungen. Sperrmüll wird durchgestöbert, um Brauchbares zu nutzen und zu verkaufen.
Zum Nebenerwerb gehört wesentlich die Schwarzarbeit, z.B. Reklamezettel verteilen, handwerkliche Tätigkeiten, Aushilfe in Geschäften. "Um sich auf diesem ungeregelten, unübersichtlichen und rechtlich ungesicherten Arbeitsmarkt zu behaupten, genügt es nicht, ein halbwegs brauchbarer Handwerker zu sein, vielmehr muss man auch über eine gehörige Portion Geschäftssinn verfügen. Man ist gewissermaßen sein eigener Unternehmer..." (Boettner/Tobias 1989, 25) 13.

Fast alle Betroffenen, die wir befragt haben oder kennen, können auf Ressourcen der Familie (Eltern, Schwiegereltern, Geschwister) zurückgreifen: Geld, Naturalien, Hilfeleistung, kurzfristige Unterkunft. Manche gehen auch regelmäßig zu den Pfarrern der beiden Kirchgemeinden, wo sie schon mal einen Schein bekommen.
Nach den Erzählungen unserer Gesprächspartner werden auch zweckgebundene Gelder in den alltäglichen Haushalt umgelenkt, um über etwas mehr finanziellen Spielraum zu verfügen. "So wird in einem Fall das Diätgeld vom Sozialamt nicht für Diätlebensmittel ausgegeben, sondern es wird als Einkommensquelle angesehen, aus der der tägliche Bedarf gedeckt wird. In einem anderen Fall wird die Kurzulage für Neuanschaffungen verwendet" (ebda.,47). Sozialarbeiter berichten von einem blühenden Gutscheinhandel in Bruckhausen. Warengutscheine, die das Sozialamt ausgibt, werden - natürlich unter Wert - verkauft.
Nachbarn helfen ebenfalls; zum Beispiel, wenn es um die Stromversorgung geht. Da kann man schon mal beim Nachbarn abzapfen, wenn das Elektrizitätswerk den Strom abgestellt hat. Da kann man sich einen Rat holen oder bekommt ihn auch ungebeten. Und vielleicht kann man sich auch was "pumpen". "Die ständige Umverteilung des Mangels bringt einen Kreislauf gegenseitiger Verschuldung in Gang: obwohl kaum einer genügend besitzt, um selber davon leben zu können, stehen alle untereinander in der Kreide" berichtet Norbert Preußer aus einem anderen Armutsquartier, dem Mühltal in Wiesbaden 14.

Die Formen gegenseitiger Hilfe sind vielfältig, werden aber kaum erwähnt, weil sie selbstverständlich scheinen: Friseurtätigkeiten, Hilfen bei den doch häufigen Umzügen innerhalb des Stadtteils, Tapezieren... In diesen Bereichen haben sich gerade die Frauen viele Fertigkeiten angeeignet. Viele alleinstehende Frauen tapezieren sich ihre Wohnung selbst. Es werden zahlreiche individuelle Strategien der Ressourcengewinnung, d.h. des Überlebens, entwickelt, von kollektiver Selbsthilfe in einem organisierten Sinn ist nicht die Rede. Hier spielt das lebensweltliche Netz von Familie und Nachbarschaft eine Rolle. Und da liegt auch die Bedeutung des Nachbarschaftstreffs, der Ressourcen für diese Netze bereitstellt, allein dadurch, dass man/frau da den ganzen Vormittag sitzen und für Pfennige Kaffee trinken und dabei am Netz knüpfen kann. Und ein Weiteres sieht man am Beispiel des Nachbarschaftstreffs: wichtige Ressourcen im Armutsquartier sind Fachleute im Nahraum, deren qualifizierte Beratung und Hilfestellung man/frau nutzen kann.

Nicht unterschlagen sollte man hier die Erschließung materieller Ressourcen am Rande oder außerhalb der Legalität: kleine Betrügereien( vornehmlich gegenüber dem Sozialamt), Schwarzarbeit, Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln, organisierte Kleindiebstähle etc. Ebenso ist das Problem der Überschuldung (Kredite, Ratenzahlungen...) ein besonderes Kapitel, das hier nur erwähnt werden kann. Das Blättern im Versandhauskatalog - der Einkaufsbummel der Armen - eröffnet die verlockenden Möglichkeiten zu größeren Anschaffungen, auch wenn "momentan" (so sagen sie) kein Geld vorhanden ist und die anfallenden Raten schließlich unbezahlbar werden.

Die aktuellen Untersuchungen von Keim und Neef bestätigen unsere Erfahrungen und zeigen auf, dass es eine Vielfalt von Bewältigungsstrategien in den Lebenswelten der Armut gibt, besonders unter dem Blickwinkel der Erwerbsarbeit.
Auch in Armutsvierteln gibt es Erwerbstätige, sowohl in Keims Göttinger Untersuchung als auch in Duisburg waren das vornehmlich Türken.
Ein größerer Teil sind die von Keim/Neef so genannten "prekären Arbeitslosen": "Sie kombinieren Teilzeitarbeit, 620-Mark-Jobs, kurzfristige Beschäftigung mit Transfereinkommen wie Rente, Arbeitslosengeld, Erziehungsgeld und gehen soweit wie möglich noch informeller Arbeit nach. Dennoch erreichen sie nur einen bescheidenen Lebensstandard" 15.

Daneben gibt es die von Apathie und Isolation gezeichneten Bewohner und Bewohnerinnen: "Sie ziehen sich sozial zurück..., sie leben apathisch und isoliert in fast durchgängiger Finanznot... Der ständige Kampf gegen materielle Not, die Belastungen der Haushaltsführung, die Diskriminierungserlebnisse haben sie aufgerieben, die Abhängigkeit von äußerer Hilfe des Sozialamts oder anderer Instanzen bzw. auch von besser gestellten Angehörigen hat sie passiv gemacht" 16. Sie tauchen auch in unsere Projekten nicht auf, sondern werden vielleicht von denjenigen Institutionen erreicht, die Hausbesuche machen (ASD, Kirche, Pflegedienste...)
Hat der große Anteil an informeller Arbeit auch Unsicherheit und ein niedriges materielles Niveau zur Folge (Behinderung), so bietet er aber auch Möglichkeiten: "Die dichte Kommunikation unter den einzelnen Bewohnergruppen, ihr Informations- und Erfahrungsaustausch verbessert die Fähigkeit zur Nutzung öffentlicher Leistungen... Diese können die Basis abgeben für Eigenständigkeit und neues Selbstbewusstsein derjenigen, die sie geschickt mit - meist prekärer oder schlecht bezahlter - Erwerbsarbeit und mit informellen Ressourcen verbinden" 17.

Vom Umgang mit der Zeit

Schon die klassische Marienthal-Studie beschrieb den veränderten Umgang mit Zeit als ein wichtiges Phänomen von Arbeitslosigkeit und Armut. Zeit ist genügend da. Aber: "Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere. Wenn sie Rückschau halten über einen Abschnitt dieser freien Zeit, dann will ihnen nichts einfallen, was der Mühe wert wäre, erzählt zu werden" 18.

Ähnliches haben wir in Bruckhausen beobachtet. Der Umfang der Hausarbeit bei den Frauen, sofern nicht viele Kinder da sind, reicht nicht aus, um die Zeit eines ganzen Tages zu füllen. Man muss sich die Strukturen des Tages selber setzen. Das ist offenbar nicht leicht. Sich unterhalten und Kaffeetrinken sind die Lückenfüller. Auch hier wird die Bedeutung des Nachbarschaftstreffs deutlich als Hilfe bei der Strukturierung von Zeit.
Von Verlangsamung und Ereignislosigkeit berichten auch die Gespräche mit Frauen aus der Nachbarschaft. Man braucht sich nicht zu beeilen, weniges ist dringend. Resultate und Produkte, die die Leistungsgesellschaft erwartet, erwartet sie von ihnen nicht.

Bei arbeitslosen Männern sind Versuche zu beobachten, den Schein des Normalen, also den des Wechsels von Arbeit und Freizeit, aufrechtzuerhalten. Sie gestalten ihre Schwarzarbeit wie ein Normalarbeitsverhältnis - nur gelingt es ihnen oft nicht. Sie grenzen sich von denen ab, denen die Fähigkeit, ihre Zeit zu strukturieren, verlorengegangen ist, von denen, die den lieben langen Tag auf öffentlichen Plätzen sitzen oder vor Trinkhallen stehen, ihre Zeit verreden und verdösen und Bier trinken und die sie "Penner" schimpfen.

Mobilität

In allen unseren Untersuchungen - und auch die Beobachtungen aus der praktischen Arbeit bestätigen das - wird eine hohe Binnenfluktuation festgestellt. Wenige Familien ziehen aus Bruckhausen weg, eine große Zahl jedoch zieht innerhalb Bruckhausens um. Die Motive können sehr pragmatisch sein: mit einer neuen Adresse, die nicht so schnell bekannt wird, kann man Geldforderungen (Stromgebühren, Miete, Raten) vorerst entweichen. Der Wohnungswechsel kann aber auch als symbolischer Neubeginn gesehen werden: mit der neuen Wohnung verbindet sich die Vorstellung eines neuen Anfangs und die Illusion eines sozialen Aufstiegs.
Der Aktionsradius der Befragten im Stadtteil beträgt in der Regel nicht mehr als 200 Meter, sieht man von notwendigen Einkäufen und Behördengängen einmal ab. Hier ist annähernd alles zu erreichen, was wichtig ist: der Garten, der Supermarkt, Mutter und Großmutter, die Kneipe oder Trinkhalle, der Bekanntenkreis. Das Sich-Wohlfühlen ist auf diesen Radius begrenzt. Dieser Befund ist durch zahlreiche Berichte aus anderen Quartieren bekräftigt worden.

Dies zu wissen, ist wichtig für die Planung von Gemeinwesenzentren; es impliziert eine deutliche Absage an zentrale Großeinrichtungen zugunsten kleiner dezentraler Räume (Nachbarschaftsläden etc.).
Viele derer, die nach Bruckhausen ziehen (müssen), betrachten das nur als ein Zwischenstadium ihres Lebensweges. Sie wollen den Stadtteil schnell wieder verlassen, aber nur ganz wenige schaffen das. Zum einen fehlt es am Geld für den Umzug. Der Umzug kostet ja nicht nur Transport und vielleicht eine Mietvorauszahlung. "Mit den Möbeln, die die hier haben, kann man nicht in eine bessere Gegend ziehen. Da heißt es doch Mensch, wer zieht denn da ein, guck dir mal die Möbel an. Tausend bis zweitausend Mark sind nötig, um Bruckhausen zu verlassen", so einer unserer Gesprächspartner aus dem Kreis der in Bruckhausen sozial Tätigen 19.

Hinzu kommt eine Stigmatisierung von außen - Bruckhausen ist keine gute Adresse -, die es den Menschen schwer macht, den Stadtteil zu verlassen. Viele haben das Gefühl, weil sie in Bruckhausen leben, wird es schwerer, aus der Armut herauszukommen. Es gibt auch Belege dafür, dass das nicht nur ein Gefühl ist. Wir wissen von Bruckhausener Familien, die an ihrem neuen Wohnort keine Kontakte bekamen und gern wieder zurückgezogen wären. Dieser erlebten Ausgrenzung von außen wird mit einem scheinbar selbstgewählten Rückzug begegnet. Er führt in eine gemeinsame Lebenswelt, in der man/frau "wir" sagen kann. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser tägliche Lebensraum, die nächste Nachbarschaft dem einzelnen eine sozialräumliche Identität ermöglichen und eine Abschirmungsfunktion nach außen haben.

Umso wichtiger werden 

Soziale Netze zwischen Solidarität und sozialer Kontrolle

Aus dem Gesagten ist zu entnehmen, dass eine wesentliche Ressource für die Menschen in Bruckhausen die sozialen Netze sind, in denen sie sich bewegen. Dabei ist das Netz der Nachbarschaft von herausragender Bedeutung. So ergaben die Untersuchungen von Annegret Baaken und Irene Hoeppner, "dass die unmittelbare Nachbarschaft, Haus und Garten 'Nischen' bereithalten, in denen die Befragten ihre individuellen wie auch ansatzweise kollektiven Formen, mit dem Mangel fertig zu werden, entwickelten" 20.

Für viele der seit Beginn der 80er Jahre in Bruckhausen Zugezogenen bedeutete der Umzug den Verlust bisheriger sozialer Netze. Kontakte zu früheren Nachbarn und Freunden, ja sogar zu Verwandten gingen verloren.
Sozialarbeiter berichten: "Jeder dieser Leute hatte einen Bekanntenkreis, der wohnt ganz woanders und lebt in anderen Verhältnissen. Die sagen: Mensch, mit dem kann doch nicht viel los sein. Erst mal kommt der nicht aus Bruckhausen raus, und guck mal, wie lange der schon arbeitslos ist. Jeder sagt denen, dass sie untauglich sind, ihre Probleme zu lösen" 21.
Aber: soziale Kontakte kommen in Bruckhausen schnell zustande. "Das fängt beim Einzug an, den alle mitbekommen und bei dem alle helfen. Die Leute treffen sich häufig, hocken quasi aufeinander. Egal, wann man kommt, ob morgens oder nachmittags, die Wohnungen sind immer voller Menschen. Einige trinken Kaffee, andere Bier" 22.

Die Nachbarschaft ist durchaus ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe, sei es bei handwerklichen Arbeiten oder bei Umzügen, sei es dass Kleidung und Möbel und guter Rat hin- und hergeschoben werden. Dieses Netz ist für viele Menschen in Bruckhausen von großer Bedeutung. In ihm hat auch der Nachbarschaftstreff Platz und Funktion. "Aus Beobachtungen wissen wir, dass der Nachbarschaftstreff ein Umschlagplatz für Angebote von Selbst- und Nachbarschaftshilfe geworden ist" schreiben Baaken/Hoeppner und nennen ihn einen "Markt der begrenzten Möglichkeiten" 23.
Die andere Seite der Medaille ist die soziale Kontrolle. InterviewpartnerInnen beklagen, dass alles, was man erzählt, sofort in Bruckhausen "die Runde macht". Fast alles ist öffentlich. Privatheit existiert nur im kleinsten Rahmen, nämlich innerhalb der Partnerschaft. Besonders im Zusammenhang der Schwarzarbeit werden Erfahrungen mit nachbarschaftlicher Kontrolle und Denunziation gemacht. So erzählt ein Gesprächspartner, der verschiedene Aushilfs- und Renovierungsarbeiten erledigt: "Da war ich irgendwo am Arbeiten, haben se mich verpfiffen auf dem Sozialamt, dass ich da und da arbeite." Da man ja selten herausbekommt, wer einen "verpfiffen" hat, entsteht ein Klima des Misstrauens.

Vom Umgang mit Ämtern

Zentrales Amt für Arme ist das Sozialamt. Hier wird Sozialhilfe - meist die ausschlaggebende Lebensgrundlage - beantragt, gewährt oder abgelehnt. Obgleich ein Recht auf Sozialhilfe besteht und ihre Gewährung kein Gnadenakt ist wie das Almosengeben der alten Armenfürsorge, ist dieses Bewusstsein bei vielen Sozialhilfeberechtigten nicht vorhanden und stattdessen eine starke "Schamschwelle" zu beobachten.
Auffällig ist auch bei vielen Sozialhilfeberechtigten und -empfängern ein geringer Informationsstand. Die Art der Leistungsgewährung vermittelt das Gefühl, betteln zu müssen. Dieses Gefühl führt bei Betroffenen zu wirklich paradoxem Verhalten. Boettner/Tobias berichten: "Einerseits verzichten sie auf einen Teil der ihnen zustehenden Sozialhilfeleistungen, um dem Sozialamt nicht mehr als unbedingt nötig auf der Tasche liegen zu müssen, andererseits 'betrügen' sie das Sozialamt, indem sie einen Teil ihres Lebensunterhalts aus ihrer Schwarzarbeit bestreiten - Einkünfte, die sie eigentlich dem Sozialamt melden müssten und die dann auf ihre Leistungen angerechnet würden" 24.
Nicht wenige Betroffene fühlen sich von den Sachbearbeitern ungerecht behandelt, weil diese die Zeit nicht haben oder sich nehmen, die Klienten ausreichend zu informieren. So durchschauen sie nicht, weshalb sie diese Leistung erhalten, jene aber nicht, und warum die Nachbarin scheinbar mehr bekommt als man selbst. Man wird dann aggressiv - meist nur verbal. Boettner/Tobias interpretieren entsprechende Erzählungen ihrer Interviewpartner (Betroffene wie Sachbearbeiter des Sozialamtes) dahingehend, "dass solche Auseinandersetzungen nicht nur verhältnismäßig seltene Ausnahmen sind, sondern von den Betroffenen im Nachhinein zu Heldentaten hochstilisiert werden, die hauptsächlich dazu dienen, das Bittstellergefühl, unter dem sie normalerweise leiden, zu kompensieren25. Die Menschen hier zu stärken, ist Aufgabe der sozialen Arbeit.


5.

Schlußbemerkung: Möglichkeiten und Behinderungen

Ich breche hier ab. Es wäre noch viel zu sagen über die alltägliche Lebensführung der Menschen, über Ernährung und Gesundheit, über die besonders prekäre Lage der Kinder in Armutsfamilien. Ich nehme an, davon werden wir heute noch viel hören.

Dem Lebensweltkonzept wird gelegentlich vorgeworfen, es schüfe das Bild einer Kuschelwelt. Es könnte durchaus sein, dass die Beschreibung der Lebenswelt der Menschen im Armutsquartier und die Erörterung der Bedeutung des Stadtteils für die Menschen zu einer einseitig das Leben im Armutsquartier romantisierenden Sichtweise verführt. Aber auch das Armutsviertel kann sich der Dialektik von Möglichkeiten und Behinderungen nicht entziehen, die wesentliches Element des von mir vertretenen Verständnisses von Lebenswelt ist. Deshalb soll, auch als Zusammenfassung dieses Referats, nachdrücklich auf die Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten in der Funktion des Quartiers für arme Menschen hingewiesen werden. Ich tue dies mit einer Passage aus Herlyns "Leben in der Stadt", die auf innerstädtische Altbaugebiete bezogen ist, die aber auch dann noch Gültigkeit hat, wenn so ein Altbaugebiet sich zum Elendsquartier entwickelt.

Das Armutsquartier ist

  • "einerseits ein den Einkommensverhältnissen der Bewohner angepasster Wohnort, andererseits ein ihnen eben darum auch weitgehend aufgezwungener. Wer es sich leisten kann, zieht denn auch in der Regel fort.
  • einerseits Ort zusätzlicher Deprivation und Repression (infrastrukturelle Unterausstattung, Diskriminierung), andererseits ein 'Bollwerk' oder 'Hafen'...für die Bewohner, für die es bisweilen wesentliche soziokulturelle Widerstands- und Schutzfunktionen übernimmt. Die 'unsichtbaren Mauern des Ghettos' sind also Behinderung und Schutz zugleich.
  • einerseits Ort partiell weniger entfremdeter Beziehungen im ökonomischen Bereich (in den Handwerksbetrieben, den 'Tante-Emma-Läden' usw.), andererseits Ort tendenziell unterdurchschnittlicher Entlohnung und beruflicher Chancen.
  • einerseits in der Regel günstig gelegen zur City 26, durchmischt mit gewerblichen Nutzungen usw., andererseits gerade deshalb in besonderer Weise belastet durch Verkehrs- und Gewerbeemissionen 27.
  • einerseits für Heranwachsende eine anregende Sozialisationsumwelt (keine strikte Separierung von der Erwachsenen- und Berufswelt), andererseits durchaus auch kinderfeindlich (keine Spielplätze, Gefährdungen durch die 'Straße' etc.)" 28.

Wir können also verallgemeinernd sagen: städtische Strukturen, also auch Stadtteil- und Quartiersstrukturen bilden "einen je individuellen Rahmen für die Lebensvollzüge und Lebensplanungen und zwar in der Weise, dass sie einmal Chancen der individuellen und sozialen Entwicklungsmuster bilden, zum anderen jedoch auch immer häufig nicht zu überspringende Begrenzungen darstellen" 29.

Quartier unter dem Lebensweltaspekt bedeutet also beides: Behinderung und Möglichkeitsraum.
Es bindet die Bewohnerinnen und Bewohner, soziale Benachteiligung verfestigt sich, Armut entfaltet kumulative Wirkungen. Der soziale Abstieg verringert die Handlungsfähigkeit der Menschen und führt zusammen mit Ausgrenzungsprozessen zum Verlust von Qualifikationen und Potenzialen.
Zum anderen bedeutet das Quartier stützende und tragende Struktur, die soziale Lagen stabilisiert, weiteres Abrutschen verhindert, solidarische Netzwerke ermöglicht und Spielräume der Lebensbewältigung bietet.

Hier setzen stadtteilorientierte soziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit ein. Darüber hoffe ich nachher in der Arbeitsgruppe mit Ihnen diskutieren zu können.


Literaturverweise:

1) Norbert Preußer: Not macht erfinderisch. Überlebensstrategien der Armutsbevölkerung in Deutschland seit 1807. München u.a. 1989; S. 70 f.
2) Walter Hanesch: Armut und Armutsberichterstattung in Kommunen, in: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit 43/1992/1/20 - 26; hier: S. 25
3) Michael Krummacher: Armut und kommunale Sozialpolitik im Ruhrgebiet - das Beispiel Bochum, in: Breckner /Heinelt u.a.: Armut im Reichtum. Bochum 1989, 231-273, hier: S. 245
4) Hinweise dazu finden sich bei: Susan Grüner; Christiane Dahlmann: Gemeinwesenorientierte Sozialarbeit in Stadtteilen und Wohngebieten. Eine empirische Untersuchung in Westfalen. Diplomarbeit KFH NW, Abteilung Paderborn, Paderborn 1997 und Franz Hamburger und Sascha Weber: Wohnort als Chance? Migranten in der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit in Rheinland-Pfalz. Mainz 1996
5) Rolf Froesler: Integrierende Politik: Aufgaben, Inhalte und Formen staatlicher Programme zur Erneuerung benachteiligter Quartiere, in: Rolf Froesler u.a. (Hrsg.): Lokale Partnerschaften. Die Erneuerung benachteiligter Quartiere in europäischen Städten. Basel, Boston, Berlin 1994 (Stadtforschung aktuell 45), 8 - 35, hier S.12
6) vgl. Froesler ebda.
7) Achim Hahn: "Regionale Lebenswelten". Vorarbeiten zu einer regionalen Sozialforschung. Leer 19862, S. 28
8)  Wolf Rainer Wendt: Die ökologische Aufgabe: Haushalten im Lebenszusammenhang, in: Mühlum/Olschowy/Oppl/Wendt: Umwelt, Lebenswelt. Beiträge zu Theorie und Praxis ökosozialer Arbeit. Frankfurt 1986, S.19
9) Alfred Schütz & Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. Neuwied: Luchterhand: 1975, S. 23f.
10) Klaus Holzkamp: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt 1983
11) Die von der Kritischen Psychologie als zentral formulierte Annahme eines 'Möglichkeitsraumes' des Menschen, innerhalb dessen er Handlungsalternativen hat, und der bestimmt ist durch ein Verhältnis von Möglichkeiten und Bedingungen, ist keine 'Erfindung' der Kritischen Psychologie sondern wird hier nur in spezifischer Weise aufgegriffen. Schon 1979 beispielsweise sieht Dahrendorf Lebenschancen von zwei zusammenhängenden Grundfunktionen, Optionen und Ligaturen, bestimmt. Optionen sind Entscheidungsmöglichkeiten, Handlungsalternativen, gegeben durch den je gesellschaftlichen Ort. Ligaturen sind dagegen Verankerungen, Bindungen, fixe Handlungskoordinaten (Dahrendorf 1979, 50ff.; vgl. Keupp 1990,169). Der 'constrained choice"-Ansatz in der Soziologie, den Hahn für 'Stadtplanung von unten' reklamiert, beruht auf einem Menschenbild, das die Wahlmöglichkeiten des handelnden Individuums betont, die begrenzt werden durch monetäre, rechtliche u.a. Bedingungen. Gesellschaftliche Entwicklungen führen zu schrumpfenden oder wachsenden Handlungsspielräumen (vgl. Hahn 1988,47-51). In der Psychologie z.B. formuliert Foppa unter Berufung auf Lewin ein Konzept des Möglichkeitsraums, der von Restriktionen und Ressourcen bestimmt wird (vgl. Foppa 1988).
12) vgl. Annette Harth/Gitta Scheller/Wulf Tessin (Hrsg.): Stadt und soziale Ungleichheit. Opladen 2000, bes. der Beitrag von Rolf Keim und Rainer Neef: Ausgrenzung und Milieu: Über die Lebensbewältigung von Bewohnerinnen und Bewohnern städtischer Problemgebiete, S. 248ff.
13) Johannes Boetter/Gertrud Tobias: Wenn die einfachsten Dinge schwierig werden, in: diess. (Hrg.): Von der Hand in den Mund. Armut und Armutsbewältigung in einer westdeutschen Großstadt; Essen 1992, S.25
14) Norbert Preußer: Not macht erfinderisch. Überlebensstrategien der Armutsbevölkerung in Deutschland seit 1807. München u.a. 1989, S.167
15) Rolf Keim und Rainer Neef: Ausgrenzung und Milieu: Über die Lebensbewältigung von Bewohnerinnen und Bewohnern städtischer Problemgebiete, a.a.O. S. 258 (vgl. Fußote 13)
16) ebda. S. 259
17) ebda. S. 263
18) Marie Jahoda/Paul F.Lazarsfeld/Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt/M. 1975 (Erstauflage Leipzig 1933)
19) Thomas Rommelspacher/Dieter Oelschlägel: Armut im Ruhrgebiet - regionale Entwicklungstrend und kleinräumige Prozesse am Beispiel eines Duisburger Elendsgebietes; in: Breckner/Heinelt u.a.: Armut im Reichtum. Erscheinungsform, Ursachen und Handlungsstrategien in ausgewählten Großstädten der Bundesrepublik. Bochum 1989, 275-292
20) Anna M. Baaken/Irene Hoeppner:"Ich bleib hier - hier is et schön". Soziographie des Hauses Schulstr.52 in Duisburg-Bruckhausen. Diplomarbeit Uni Duisburg 1988
21) Rommelspacher/Oelschlägel a.a.O. S. 284
22) ebda.287
23) Baaken/Hoeppner 1988,152
24) Boettner/Tobias 1989,85
25) Boettner/Tobias a.a.O.,84
26) Das trifft für Bruckhausen nicht zu.
27) Das trifft für Bruckhausen in besonderem Maße zu
28) Ulfert Herlyn: Leben in der Stadt. Lebens- und Familienphasen in städtischen Räumen. Opladen 1990, S. 139f.
29) ebda. S. 178