Inhalt


Zunächst sind einige Klärungen und Vergewisserungen über das Thema nötig: Ist das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit ein Qualitätsmerkmal von Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit, Stadtteilarbeit und Quartiersmanagement? Oder ist es bis zur Unkenntlichkeit verformt, verwässert, vernachlässigt und verworfen?

Was ist das eigentlich oder was könnte das sein: Gemeinwesenarbeit als ein Arbeitsprinzip? Wozu eigentlich? Ist GWA nicht nur eine Sonderform der Sozialen Arbeit, eine task-force für kritische Entwicklungsphasen? Oder ist es ein gescheitertes Projekt von VerliererInnen, ein Auslaufmodell oder ein etwas ramponierter Oldtimer? Vielleicht schon schrottreif aber recyclebar?

Was hat GWA eigentlich mit Sozialer Arbeit zu tun? Und was weist über das "Nur-Soziale" hinaus in andere Disziplinen und Dömänen wie z.B. in die Regional- und Stadtplanung, in die lokale Wirtschaftsförderung hinein?

Bevor wir Qualitätsmerkmale als Prüfsteine für die Praxis erinnern, müssen wirmit einigen Bildern der Sozialen Arbeit und der Gemeinwesenarbeit aufräumen, die wie Falschgeld im Umlauf sind und anspruchsvolle Praxis rufschädigen und entwerten! Ich betone dies, obwohl ich selbst einschlägige Kritik an der Entwicklung äußere. Aber ich kritisiere mit umgekehrter Intention, auf Qualitäten und Fachstandards bestehend. Was sagen uns also die mächtigen (Zerr-)Bilder?

  • "GWA ist tot!" Inwieweit gibt es das worüber wir heute reden überhaupt noch? Ist die GWA nicht eigentlich todgesagt?
  • "Soziale Arbeit ist Fürsorge und out!" Oder was meint heute eigentlich z.B. ein Hamburger Quartiersmanager wenn er ungefragt in die Kamera hinein sagt: Ich mache keine Sozialarbeit! Was will er uns damit sagen? Welches überkommene Bild hat und zeichnet er von Sozialer Arbeit - als Fürsorge? Stimmt das so?
  • "GWA ist Sozialarbeit!" Oder was meint Monika Alisch wenn sie von der "sozialarbeiterischen GWA" schreibt und etwas später dann merkwürdiger Weise auch davon, dass nur "gestandene GWAler" etwas von Gemeinwesenökonomie verstünden? Steckt also doch noch mehr drin?
  • "Sozialarbeit bringt nichts!" Oder woran denken Stadtentwickler, wenn sie sagen, Sozialarbeiter könne man in der Stadtentwicklung nicht gebrauchen, weil sie nichts (beitragen) können? Tragen andere Berufsgruppen mehr zur Beteiligung von BewohnerInnen bei? Sind denn die Fachkräfte der Sozialen Arbeit wirklich zu nichts zu gebrauchen, selbst wenn es um nachhaltige Entwicklung, Beteiligung von BerwohnerInnen und um ihre Existenzsicherung im Quartier geht?
  • "Sozialarbeit kostet nur!" Was ist dran am Generalverdacht, die Soziale Arbeit sei Teil des Problems und habe immer (nur) mit Alimentierung, Dauerförderung und Ausgrenzung zu tun? Und sie habe keinen Gründergeist, erzeuge keine Aufbruchstimmung und Veränderung sondern sie richte sich mit Notlagen ein. Ist Soziale Arbeit nicht - wie andere Ressorts auch - nicht nur Teil des Problems sondern auch Teil der Lösung?
  • Ist denn das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit so bis zur Unkenntlichkeit verformt, verwässert, vernachlässigt oder verworfen worden?

Vor diesem Hintergrund möchte ich nun auf folgende Fragen Antworten finden und in Erinnerung rufen: Was ist Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit und welches sind die Qualitätsmerkmale? Was hat das mit Sozialer Arbeit zu tun und was weist über sie hinaus? Was hat das alles mit Stadtteilarbeit und Stadtteilmanagement zu tun? Ist das die Inkarnation des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit oder letzteres nur ein feierliches Gelöbnis der Ressorts nun endlich für bestimmte Gebiete besser und bürgernaher zusammenzuwirken? Wenn ja, unter welchen Vorzeichen und Prüfkriterien soll dies geschehen? Welche Handlungsebenen und Ziele werden von wem forciert, welche vernachlässigt, ausgegrenzt oder abgeschrieben? Inwieweit kommt das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit in der Stadtteilarbeit und im Stadtteilmanagement real zur Geltung? Oder anders gefragt: Welches ist eigentlich die fachliche Qualität von Stadtteilarbeit und Stadtteilmanagement? Oder ist dies Bindestrich-Management nur ein begriffliches Windei, ein Muster ohne Wert, oder ein weiteres Instrument zur Deregulierung, ein neuer Ball im Verwirrspiel, dessen Ergebnis die Entfachlichung des Sozialen sein könnte? Welches sind die Ergebnisse der Hamburger Evaluation? Wie sind sie vor diesem Hintergrund zu interpretieren? Wer hat sie eigentlich und wer arbeitet damit? Für mich war sie schwer zugänglich und sie scheinen in der Fachöffentlichkeit wenig bekannt zu sein. Werden sie als Verschlußsache gehandhabt?

Auf welche gesellschaftstheoretische Fundierung und fachhistorischen Wurzeln können wir uns - auch in der Ausbildung und Weiterbildung - besinnen? Womit kann das Soziale von einer selbstbewußten sektorübergreifenden Sozialen Arbeit als Querschnittsaufgabe für alle Träger und Ressorts zur Geltung gebracht werden?

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit ist nicht neu aber hoch modern. Allerdings wird es häufig sehr verkürzt wahrgenommen und mancherorts leider auch so betrieben. Angesichts von Verwerfungen, Polarisierungen und Spaltungen der Gesellschaft, von dauerhafter Segregation, von den institutionellen Verkrustungen und von der Komplexität und Vielfalt der Aufgaben steht dieses Arbeitsprinzip für eine lebensnahe, problemgerechte und ambitionierte Form von Professionalität ohne Bevormundung der Menschen. Erfahrungen und Potenziale werden vor Ort aufgegriffen und die Ressourcen von Organisationen für möglichst nachhaltige Veränderungen genutzt.

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit ist zeitgemäßer denn je und fachhistorisch fundiert. Es ist anspruchsvoller, lebensweltorientierter und z.T. auch eigenwilliger als Managementkonzepte, die jetzt wie Zauberformeln gehandelt werden aber, v.a. was die Beteiligungsversprechen anbelangt, leider oft Mogelpackungen sind.

Der Gedanke eines Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit ist eigentlich nicht neu. Er tauchte schon ab den 70er Jahren auf als "ökologischer Ansatz", als Ansatz einer stadtteilbezogenen, problemorientierten, kooperativen und methodenintegrativen Form "kommunaler Fürsorge". Im Fürsorgebegriff waren jedoch schon viele Mißverständnisse und Fehlentwicklungen angelegt. Anfang der 80er Jahre wurde GWA dann genereller als eine Arbeitsperspektive sozialer Arbeit überhaupt verstanden. Soziale Arbeit sollte sich von einer methodisch isolierten sozialpädagogischen Praxis, die sowohl Methoden als auch Zielgruppen sorgfältig trennte, bewusst lösen und die sozioökonomischen und politischen Bedingungen im Lebensbereich bzw. Stadtteil als Ursachen sozialer Benachteiligungen und Schädigungen klarer benennen.

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit wird seit Boulet, Krauss und Oelschlägel (1980) eine Grundorientierung, Sichtweise, Herangehensweise an soziale Probleme, wo auch immer "im Bereich sozialer Berufsarbeit in einem weit verstandenen Sinne". Die fragwürdige Engführung auf soziale Arbeit ist hier schon deutlich erkennbar! Seitdem sind unter diesen Vorzeichen weitere ähnliche, teils identische mindestens wohl aber anschlußfähige Konzepte mit den Begriffen Stadtteilarbeit, Milieuarbeit, stadtteilorientierte Soziale Arbeit, Netzwerk- und Ressourcenarbeit, sozialökologische und lebensweltorientierte Arbeit, Stadtteilmanagement etc. entworfen worden.

Im Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit ist viel gesellschaftliche und (zeit-) geschichtliche Erfahrung enthalten, es enthält immer noch wichtige gesellschaftliche Visionen und ist eine Herausforderung geblieben.

Es ist richtungsweisend und vielversprechend, d.h. es verspricht viel:

  1. Hohe soziale Kompetenz und Professionalität mit Alltags- und Lebensweltorientierung d.h. Präsenz, Niederschwelligkeit, Lebenszusammenhänge verstehen, Potenziale der Menschen erkennen
  2. (Methoden-)Integration und Kombination von (sub-)kulturspezifisch differenzierten Konzepten der Arbeit mit Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts und Herkunft. Das ist eine Voraussetzung für:
  3. Beteiligung und Teilhabe auch und gerade von artikulationsschwachen und unorganisierten Gruppen von BewohnerInnen z.B. auch an Sozialer Stadterneuerung, d.h. Empowerment und Interessenorganisation
  4. Interdisziplinäre und ressortübergreifende Arbeit im Trägerverbund für eine nachhaltige Regional- und Stadtentwicklung
  5. Eine Chance für mehr Solidarische Ökonomie/ Gemeinwesenökonomie kooperative Existenzgründungen in Kombination von Erwerbs- und Eigenarbeit auf der Basis von Grundsicherung.


Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit verlangt von den AkteurInnen, die neudeutsch und vielsagend "Intermediäre" genannt werden, stets eine mehrdimensionale Netzwerk- und Ressourcenarbeit auf den Handlungsebenen Sozialraum, Lebenswelt, Fachbasis, Träger und Ressorts, (Kommunal-) Politik, Lokale Ökonomie - und "intermediär" zwischen diesen Ebenen. Das hängt mit der Komplexität von Aufgaben zusammen. Und dafür sind folgende Voraussetzungen nötig:

Handlungsfähigkeit auf diesen Ebenen auch horizontal zwischen den verschiedenen (Interessen-)Gruppen, Gebieten, Organisationen und den Politiksektoren.

  • Verständigung und Aufklärung zwischen den AkteurInnen und AdressatInnen und Transfers von Informationen und Ideen auch vertikal
  • Kooperations- und Konfliktorientierung (Konfliktanalysen sind unverzichtbar!)
  • Organisation von Interessen und zielgerichtete politische Netzwerkarbeit auch vertikal.

Entlang dieser Handlungsebenen werde ich nun skizzieren welche Ziele, Aufgaben und Wirkungen verfolgt werden und welche Risiken, Nebenwirkungen, Probleme und Entwicklungsfragen auftreten können (horizontal und vertikal). Das kann zur Klärung der Leitfrage beitragen: Auf welcher Handlungsebene das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit von wem und mit wem wie stark verwirklicht wird? Egal welches Label dafür eingesetzt wird. Was im Verbund an Qualitäten realisiert wird ist wichtiger als Alleingänge.


»  Download der nebenstehenden Grafik im PDF-Format


Qualitätsmerkmale im Arbeitsprinzip GWA

Die fachlichen Qualitätsmerkmale im Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit sind heute zusammengefaßt v.a. die folgenden. Sie können als Prüfsteine für die Praxis gelten:


Sozialraumorientierung: "Wider die Logik der Aussonderung"

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit erkennt, erklärt und bearbeitet, soweit das möglich ist, die sozialen Probleme in ihrer historischen und gesellschaftlichen Dimension. Dies setzt eine konsequente Sozialraumorientierung der Praxis und sorgfältige Analysen voraus z.B. über:

  1. Stadtteilgeschichte, Geschichte der sozialen Probleme im regionalen Kontext
  2. Segregation, Fluktuation, Aufwertungsdruck oder Entwertungsprozesse
  3. Bevölkerungs- und Sozialstruktur in Veränderung
  4. Lokale Wirtschaftslagen, Boden- und Immobilienwerte und Investitionstätigkeiten im Stadtteil zwischen Sanierungsstau und Modernisierung

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit bezieht sich mit seinen Analysen und Strategien auf bestimmte sozialräumliche Einheiten: Stadtteile, Siedlungen, Quartiere etc., wo Menschen unter erschwerten Bedingungen leben. Aber es ist fraglich, inwieweit dieser sozialräumliche und sozialgeschichtliche Blick und die Einmischung in Stadtentwicklungsplanung in der Praxis wirklich da ist? Fortgesetzte Einweisungen in Armutsquartiere und Restriktionen, neue Neubaugebiete und alte Fehler nähren da ja Zweifel.

Die Beteiligung an der Verbesserung von Lebensbedingungen in benachteiligten Gebieten und Abbau von Segregation, Ausgrenzung und der Logik der Aussonderung sind Grundsatzziele der Gemeinwesenarbeit.

Sozial- und Armutsberichterstattung sind dafür grundlegend. Damit zu arbeiten - und eigene Beiträge für qualitative Armutsberichterstattung zu leisten und zwar ohne einseitige Defizitperspektive und Rufschädigung, ist eine elementare Aufgabe von Gemeinwesenarbeit. (Best-practice: GWA in Saarbrücken-Malstatt mit Prof. Dr. Gerd Iben, Universität Frankfurt)

Weitere Aufgaben sind die Klärung von praktikablen Größenordnung von Gebieten damit die Lebensweltorientierung noch praktizierbar bleibt: Quartier, Siedlung, Stadtteil, Stadtbezirk oder Gesamtstadt - bzw. im regionalen oder ländlichen Maßstab in Gemeindeteilen, Gemeinden, Gemeindeverbund - Landkreisen etc.


Alltags- und Lebensweltorientierung: "Sich einlassen und Zusammenhänge verstehen"

Die Alltags- und Lebensweltorientierung, sowie eine gesamtheitliche, zielgruppenübergreifende Betrachtung und Präsenz sind unverzichtbar, wenn die Lebensverhältnisse, Lebensformen und -Zusammenhänge, Strategien der Lebensbewältigung, Motivationen, Interessen, Kompetenzen und Potenziale der Menschen verstanden werden sollen, und v.a. auch, wie die Leute das alles selbst sehen, z.B. in Saarbrücken-Malstatt sehr gut dokumentiert: "Von der Not im Wohlstand arm zu sein".

Die Fachkräfte müssen also vor Ort erreichbar sein, aufsuchend arbeiten, Kontakte pflegen, Vertrauen schaffen durch niederschwellige Arbeit mit den BewohnerInnen. Nur so können informelle soziale Netzwerke wahrgenommen und erschlossen werden. So können Konflikte und gelebte Vorurteilstrukturen, (Wechsel-)Prozesse von Verarmung, Ausgrenzung, Rufschädigung und Verrohung, aber auch das Gelingende, die Stärken und die Alltagssolidarität der Menschen aufgeklärt und kenntlich gemacht werden.

Die Aktivierung der Menschen in ihrer Lebenswelt ist ein zentrales Anliegen. In gemeinsamen Aktionen sollen sie ihre Kompetenzen und Solidarität erfahren und erfolgreich sein. Sie sollen zu Subjekten politisch aktiven Handelns und Lernens werden (Educacion popular), zunehmend Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse gewinnen (Empowerment) und durchsetzungsfähiger (Community Organizing) werden. Und dies alles möglichst ohne Bevormundung und pädagogische Belagerung. Dafür Gelegenheiten und "Möglichkeitsräume" (Klaus Holzkamp) schaffen und die Selbstorganisation nicht mit Dienstleistungen verbauen, ist Aufgabe der GWA. Ebenso wie Bewußtseinbildung nach Paulo Freire und die Suche nach "generativen Themen". Seine dialogische und lebenspraktische Methodik zur (Selbst-) Aufklärung und Partizipation sind immer noch richtungsweisend. Interkulturelle Praxis ohne verdeckte Problemzuschreibungen (Kulturalismus), alters- und geschlechtsdifferenzierte Konzepte, sowie soziokulturelle Bildungsarbeit sind hier wichtig und anschlußfähig.

Weitere Aufgaben wären:

  1. Lebensweltanalysen über Lebenslagen und Lebenszusammenhänge, sie erkennen und verstehen (z.B. weibliche Lebenszusammenhänge)
  2. (Sub-)kulturspezifische Formen von Selbstorganisation respektieren - auch halblegale: "Not macht erfinderisch" (Norbert Preusser)
  3. Soziale Netzwerkarbeit, Aktivierende Befragungen, Zukunftswerkstätten , (Selbst-)Aufklärung über Bedarfs- und Ressourcenlagen
  4. Aufklärung über (SozialbürgerInnen-)Rechte auch von Ausgegrenzten und über Rechte von Menschen ohne Papiere

Die Ziele der Aktivierung, Bewußtseinsbildung, Partizipation, Anwaltschaftlichkeit und Parteilichkeit sind in der Praxis konkretisierungsbedürftig. Eine genaue Dokumentation, Reflektion und Rechtfertigung von Entscheidungen wäre nötig, wenn die Politikimmanenz des eigenen Tuns und Unterlassens, sowie die Wirkungen und Nebenwirkungen genauer erkannt und bilanziert werden sollen. (Eigentlich ein zentraler Anspruch an Professionalität!)


Arbeit von und mit Bürgerschaftlichen Organisationen: "Interessen organisieren, Transparenz und Entscheidungsbefugnisse schaffen"

Wenn Empowerment gelingen soll, dann reichen instrumentelle, punktuelle oder partikulare Beteiligungsverfahren nicht mehr aus. Qualifizierte, ernst gemeint, wirkungsvolle, kontinuierliche und nachhaltige Beteiligung wird nötig.
Dazu gehören z.B.folgende Aufgaben:

  1. Möglichst viel Selbstorganisation erreichen und Entscheidungsbefugnisse zulassen, z.B. über die Budgets wie in den WIN-Projekten Wohnen in Nachbarschaft in Bremen
  2. Zivilgesellschaftliche Entwicklungspotentiale auffinden, trotz gelebter Vorurteile, sozialer Ausgrenzung und "überforderten Nachbarschaften" z.B. in Vereinen, Kirchengemeinden
  3. Beteiligung, Behelligung oder Verwicklung von bürgerschaftlichen Organisationen mit den Entwicklungen im Gemeinwesen und der Praxis z.B. Wohnungsgenossenschaft am Beutelweg e.G. in Trier-Nord
  4. Interessenorganisation systematisch und methodisch gekonnt betreiben (Community Organizing) mit einem ausgezeichneten Beispiel in Düren. Das FOCO-Forum für Community Organizing forciert solche Ansätze.
  5. Transparenz, Legitimation und Kritisierbarkeit der Arbeit sicherstellen und Orte, Foren dafür schaffen, die nicht nur aus Fachkreisen bestehen. Das ist einer der Ansprüche von Regsam- Regionalisierung sozialer Dienste in München. Aber wo gibt es das schon?

Die Konzepte von Partizipation und Anwaltschaftlichkeit sind fraglich und konkretisierungbedürftig. Wer ist wie stark beteiligt, wer bleibt ausgegrenzt, wer dominiert und wer verhält sich weiter machtunterworfen? Menschen mit unterschiedlichem Orientierungswissen und Bildungskapital etc. haben nicht die gleiche Chance zur Teilhabe. Daraus resultieren wichtige Aufgaben der Gemeinwesenarbeit. Gute Dokumentation, Selbstevaluation, Transparenz und Rechtfertigung von Praxis-Entscheidungen sind wichtig (Politikimmanenz der Sozialen Arbeit).


Fachlichkeit und Methodenintegration: "Wider die Fallfixierung"

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit gibt die Aufsplitterung in methodische Bereiche auf und integriert Methoden der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik, der Sozialforschung und des politischen Handelns in Strategien professionellen Handelns in sozialen Feldern. Dafür ist es grundlegend, dass die Fachkräfte der Sozialen Arbeit in der Arbeit mit BewohnerInnen

  1. fallübergreifende Gemeinsamkeiten von Lebenslagen erkennen,
  2. personen- und feldbezogene Interventionen kombinieren können
  3. mit bürgerschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, mit den Menschen nicht nur fallorientiert verkehren.
  4. Entscheidungsträger in den Institutionen, in der Kommunalpolitik und der lokalen Ökonomie erreichen und mit Entwicklungen und Lösungsansätzen behelligen. "Politische Netzwerkarbeit" nennt Maja Heiner das, "Einmischung in Planungs- und Entscheidungsprozesse" sagt die Ingrid Mielenz dazu, "Lokale Sozialarbeitspolitik" die Bielefelder.

Ähnliche Qualitätsmerkmale sind von Silvia Staub-Bernasconi (1995) in ihrer Theorie Sozialer Arbeit ähnlich formuliert. Ihre "problembezogene Arbeitsweisen" entsprechen dem Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit und beinhalten z.B. auch Paulo Freires Dialog-Modell: Ressourcenarbeit, Bewußtseinsbildung, Modellentwicklung und Kulturveränderung, (Handlungs-) Kompetenztraining und Teilnahmeförderung, Soziale Vernetzung, Umgang mit Behinderungs- und Begrenzungsmacht, sowie eigenen Machtquellen ggf. zur Bildung von Gegenmacht, ferner Kriterien- und Öffentlichkeitsarbeit. Desweiteren auch Sozialmanagement, in dem die Erschließung und Nutzung der institutionellen Netzwerke, die Anregung von Innovationen und trägerübergreifende Kooperationen einzuordnen wären.

Das Arbeitsprinzip GWA zielt ab auf eine Bündelung von Kräften und Ressourcen: Dafür sind Zielvereinbarungen, konzertierte Aktionen im Verbund von Trägern und bürgerschaftlichen Organisationen wichtig, die in den Gremiensitzungen von Fachkräften oft fehlen. Und dafür müßten sich alle in die Karten schauen lassen! Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit sozialer Dienste und Informationspolitik ist für die Einmischung in die politische Willensbildung, in Planungen und Entscheidungen eine Voraussetzung. Aber wie wird das vor Ort organisiert?

Engagierte Professionelle und eine besondere Qualität von Stadtteilmanagement werden nötig, in dem die Menschen nicht scheinbeteiligt oder übergangen werden, sondern an Planungen lebensnah und kontinuierlich teilhaben, Entwicklungen beeinflussen und neuen Lebensmut schöpfen können.

Es geht um konzertierte Aktionen für eine Verbesserung von Partizipationschancen und Lebensbedingungen, unter denen bestimmte Bevölkerungsgruppen in ausgegrenzten Gebieten zu leben und zu leiden haben. Was unternimmt die Fachbasis dafür? Das müssen wir fragen, wenn wir uns für den realen Stellenwert des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit interessieren. Wie ist die reale Beteiligung von Fachbasis und die Bürgerbeteiligung z.B. an Kinder- und Jugendhilfeplanungen? (Prüfstein)

Wie machtunterworfen verhalten sich die Fachkräfte der Sozialen Arbeit? Brauchen auch sie Empowerment? Von Machtpositionen können nur diejenigen etwas abgeben, die wirklich welche erworben haben. Andernfalls würde Soziale Arbeit machtunterworfene Haltungen an die Rat- und Hilfesuchenden vermitteln und erlernte Hilflosigkeit verfestigen.

Die Segmentierungen von Problemen in Zuständigkeiten und spezialisierte Arbeitsfelder erfordern immer mehr Moderation, Koordination oder Steuerung. Aber wer hat das Mandat dafür?

Die Gemeinwesenarbeit sei bei der Neuorganisation der Sozialen Dienste immer wichtig gewesen, so ist zu lesen. Aber zu fragen bleibt: Welchen Stellenwert bekommt GWA im Kontext von Dezentralisierung und Regionalisierung sozialer Arbeit wirklich? Werden wichtige Planungs- und Entscheidungskompetenzen von den Hierarchien wirklich nach unten gegeben? Können konkurrierende Träger für mehr gleichberechtigte Kooperation gewonnen werden? Wer hat eigentlich ein Interesse an mehr arbeitsfeld- und trägerübergreifende (Planungs-) Kooperation? Und was haben eigentlich die BürgerInnen davon? Wie dürfen sie mitwirken?

Wie loyal stehen Fachkräfte zu ihren Hierarchien, falls diese selbst Teil des Problems sind und Verbesserungen behindern?

Bezieht sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachbasis nur auf den Sozialbereich oder auch auf andere Berufsgruppen? Wer ist also eigentlich mit Fachbasis gemeint? Wie kann sich die Soziale Arbeit für die Aufgaben der Sozialen Stadt fit machen? Was kann eine vernetzte Fachbasis der "Sozialprofis" zum Stadtteilmanagement beitragen, der neuen Zauberformel für konvergente Ressortpolitiken und Bündelung ihrer Ressourcen? (Prüfstein: Programm Soziale Stadt) Ist fachübergreifende Zusammenarbeit dann nicht mehr nur Chefsache?


Träger und Ressorts, Leitungsebenen von Institutionen: "Fragliche Interdisziplinarität"

Die Verwaltungsressorts und die Wohlfahrtsverbände sind mit ihren Organisationsstrukturen und Hierarchien nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems was die Planungskooperation, die interdisziplinäre Zusammenarbeit, Transparenz, Öffnung und Bürgerbeteiligung betrifft.

Deshalb ist hier etwas Institutionenkritik und Fragen nach der Lokalen Sozialarbeitspolitik angebracht: Wer macht sie mit wem? Gibt es Anzeichen für eine neokorporative Wende? Sind kleine Träger und Initiativen gleichberechtigt? Wie reformfreudig und reformfähig sind die Wohlfahrtsverbände und die Verwaltungsressorts wirklich? Welches sind ihre Motive? Geben sie im Kontext von Dezentralisierung, Öffnung und Regionalisierung sozialer Dienste tatsächlich Planungs- und Entscheidungskompetenzen nach unten? Erlauben sie mehr Transparenz und legitimieren ihre Entscheidungen nach außen? Lockern sie ihre organisationsegoistischen Interessen trotz der Konkurrenz untereinander? Sind Wettbewerbsvorteile durch Information und Planungskooperation denkbar?

Was kann GWA zur Dezentralisierung, Öffnung und Regionalisierung und verbesserte Teilhabe und Planungskooperation beitragen? Wie können BewohnerInnen die Institutionen positiv beeinflussen? Was kann Stadtteilmanagement insofern zur Öffnung, Behelligung und Verwicklung von Ressorts und Trägern zu neuartiger Zusammenarbeit beitragen?

Werden neue (fach-)öffentliche Legitimationsgremien vor Ort geschaffen zur Anregung und Kontrolle von ressortübergreifender Zusammenarbeit und als ein Beitrag zu Transparenz und Demokratisierung?


Kommunale Politik: "Neue Steuerung ja, aber wohin?"

Das Arbeitsprinzip GWA zielt ab auf eine integrierte Quartierspolitik Soziale Stadt auf integrierte Handlungskonzepte politiksektorübergreifend z.B. für Regional- und Stadtentwicklung, Gesundheitsversorgung und Wirtschaftsförderung etc. Eine so verstandene Gemeinwesenarbeit kann nicht im Alleingang gelingen. Sie braucht PartnerInnen in der Politik, wenn ihre Innovationen nicht an institutionellen Verkrustungen und Konkurrenzen hängen bleiben sollen. Für konzertiertes Handeln mit Kommunalpolitik gegen verweigerte Planungskooperation.

Eine weitere Aufgabe wäre es, sich auf eine offene Kooperation mit BewohnerInnen und bürgerschaftliche Organisationen und mit den verschiedenen Fachzirkeln aus der Sozialen Arbeit, der Sozial- und Stadtplanung, der lokalen Wirtschaftsförderung, dem Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsbereich und auch Gewerbetreibende, die Wohnungsgesellschaften vor Ort und auf fachübergreifende Diskurse über Entwicklungen und Alternativen einzulassen.

Die Kommunalpolitik will steuern und zwar in neuer Weise! Alles muss durch das Nadelöhr von Produktbeschreibungen für mehr Qualitäts- und Kontraktmanagement. Wie kann Gemeinwesenarbeit dazu beitragen, dass möglichst viel bewährte Fachstandards in die Produktbeschreibungen aufgenommen werden, die ja dann zur Grundlage von Finanzierung und Qualitätssicherung durch Kontraktmanagement werden? Oder anders nach den Risiken gefragt: Wird das generalistische und umfassende Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit auf den kommunalen Produktpaletten vielleicht seziert und verplempert? Wer mischt sich hier ein? Oder wird abgewartet bis jemand sagt, dass dies ja alles nur ein Irrweg der 90er Jahre war?


Solidarische Ökonomie/ Gemeinwesenökonomie  - "public-private-partnership"

Mit dem Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit sollte sich künftig die Chance verbessern, die Gemeinwesenarbeit aus der "Umklammerung durch die Sozialarbeit" (Oelschlägel 1983) zu lösen. Dazu gehört es wohl auch, die Sozialstaatsillussionen und den alten Etatismus abzustreifen und zivilgesellschaftliche Alternativen ernster zu nehmen. In der Geschichte der Gemeinwesenarbeit seit 1945 und im internationalen Vergleich ist mit der engen Koppelung an die Sozialarbeit ein problematischer deutscher Sonderweg eingeschlagen worden, der ihre sozialreformerischen und solidarökonomische Wurzeln in der Settlement- und Genossenschaftsbewegung kappte. Neue Modelle zeigen wieder Konvergenzen auf! Grenzüberschreitende Maßnahmen und Mandatnahmen, Gründergeist anstatt business as usual und "Lohnarbeitergleichgültigkeit" sind gefordert und möglich.

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit kann auch außerhalb der Sozialarbeit, z.B. als Community Development, in der Regional- und Stadtentwicklung oder der lokalen Wirtschaftsförderung wirksam werden. Die solidarökonomischen Projekte der Gemeinwesenökonomie enthalten zukunftsfähige zivilgesellschaftliche Wege für eine Gemeinwesenarbeit, die über die Soziale Arbeit hinaus im Gemeinwesen die existenziellen Lebensbereichen Arbeit, Wohnen, Gesundheit etc. positiv verändert. Beispiele können zeigen, dass mehr geht als man dachte. Aber es bleibt zu fragen: Kann das mehr sein als nur "Creaming the Poor"?!

Inwieweit Gemeinwesenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Utopien vorankommen und sozialstaatliche Mittel aussparen kann, oder auch andere Ressourcen z.B. aus der Wirtschaftsförderung oder von Stiftungen etc. einwerben, wird zu erproben sein. Zielsetzungen und Aufgaben werden sein:

  1. Die Behelligung, Verwicklung und Inpflichtnahme des lokalen Gewerbes und der Wohnungswirtschaft für mehr soziale Verantwortung für den Stadtteil, das Anknüpfen an deren ökonomischen Eigeninteressen (Rufschädigung, Leerstände, (Vandalismus-) Schäden, Schwindende Kaufkraft und Investitionen etc.
  2. Bessere Existenzsicherung im Stadtteil als eine Aufgabe von Lokalen Partnerschaften und "public-private-partnership": Verwaltung, Verbände, Wohnungsgesellschaften und lokales Gewerbe. Soziale Selbstverpflichtungs-Erklärungen anstreben und an die Ideen der Sozialbilanzierung von Unternehmen erinnern, lokale Wirtschaftsförderung einbeziehen und nicht nur "Diskriminierungstöpfe" ( z.B. BSHG 19) bewirtschaften.
  3. Kooperative Existenzgründungen und solidarökonomische Beschäftigungs-Initiativen z.B. im Bereich Wohnen und Wohnumfeld mit Kombinationen aus Erwerbs- und Eigenarbeit, Grundsicherung und Qualifizierung. Wohnungs- und Sozialgenossenschaften ermöglichen und fördern, d.h. Empowerment auch in einem ökonomischen Sinne verstehen!


Arbeitshilfen für Standortbestimmung und Profilvergleiche

Wegen der Komplexität der Aufgaben ist das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit ja nicht im Alleingang zu verwirklichen. Nicht alle der genannten Handlungsebenen und Qualitätsmerkmale werden in der Praxis gleichermaßen berücksichtigt und erreicht. Sie können aber als Spektrum zur Standortbestimmung und zum Profilvergleich von Praxismodellen, von Verbundkonzepten und (Planungs-) Kooperation unterschiedlicher Träger dienen. Und sie können für die Zielklärung - auch für die Aufklärung von Zieldivergenzen! - und für die 2systematische Dokumentation des erreichten Entwicklungsstands, der Besonderheiten, Ausprägungen, Differenzierungen, Begrenzungen, Ausblendungen, Arbeitsteilungen, Wirkungsweise, Reichweite und Nachhaltigkeit von Maßnahmen hilfreich sein. (Selbst-)Evaluation als Aufgabe!

Inwieweit Qualitätsmerkmale berücksichtigt werden hängt selbstverständlich immer auch ab von folgenden Faktoren, die genau zu dokumentieren wären:

  1. Zielvereinbarungen von AkteurInnen und Trägern
  2. Ressourcenlagen und den vorhandenen Kompetenzen
  3. Fördernden und hemmenden Bedingungen
  4. Auseinandersetzungen v.a. bei Zieldivergenzen und Konflikten

Die Analysen von Kooperations- und Konfliktstrukturen sind in dieser Systematik unverzichtbar. Dafür habe ich in der Praxisforschung Arbeitshilfen für die Selbstaufklärung, Evaluation und Suche nach weiteren Handlungsoptionen und Perspektiven entwickelt. Sie werden nun zunächst in München in einer Evaluation und in der Ausbildung und Weiterbildung zur Anwendung kommen.


Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit: Verwirklicht, verformt, vernachlässigt, vergessen oder verworfen?

Ich möchte nun mit einigen kritischen Beobachtungen auf die Eingangsfrage zurückkommen: Inwieweit ist das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit in den letzten Jahrzehnten von der Sozialen Arbeit und anderen Berufsgruppen verwirklicht, verformt, vernachlässigt, vergessen oder verworfen worden? Und was bedeutet das für die Soziale Arbeit, Stadtteilarbeit und das Stadtteilmanagement an zukünftigen Entwicklungsaufgaben?

Den Focus lege ich zunächst auf die Soziale Arbeit: Was hat die Soziale Arbeit daraus gemacht? Was ist daraus geworden? Und ich beziehe einige Ergebnisse unserer letzten GWA-Werkstatt im Burckhardthaus in Gelnhausen über die Essentials von Gemeinwesenarbeit mit ein.

Die Gemeinwesenarbeit hat sich in der Sozialen Arbeit nur als Sozialraumorientierung insbesondere in der Sozialplanung durchgesetzt. Allerdings eher zur Konflikt- und Krisenbewältigung als systematisch und präventiv. Trotz "Ten Years After" KJHG und Resonanzen im Achten Jugendbericht beeinflußt die Gemeinwesenarbeit z.B. die Kinder- und Jugendhilfeplanungen immer noch sehr selten. Weitere Spurenelemente von Gemeinwesenarbeit sind die Ressourcenorientierung, die Modernisierung, Dezentralisierung und Öffnung von Institutionen und Diensten, die Regionalisierung Sozialer Dienste als Koordination und Vernetzung sozialer Arbeit - von der Wiege bis zur Bahre also arbeitsfeld- und trägerübergreifend.

Im Zuge der Fallorientierung und einer eher klinischen Professionalisierung mit dem Focus auf Beratung und Therapie ist eine Verfremdung oder Vernachlässigung des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit und mit der ihrer institutionellen Einbindung auch eine Vermischung und Überlagerung mit anderen Aufgaben eingetreten. Das hat weniger zu einer Verfeinerung oder Verästelung, sondern mehr zur Verwässerung des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit beigetragen. Die Fallsicht und Defizitperspektive überwiegt in der Sozialen Arbeit leider immer noch. Auch die Stadtteilarbeit hat einen prekären Stellenwert z.B. im Allgemeinen Sozialen Dienst und wird als Gremienarbeit mißverstanden: Teilnehmen, Nutznießen und (sich) informieren (lassen) anstatt zielgerichteter Zusammenarbeit mit verbindlichen Zielvereinbarungen. Soziale Arbeit wird oft nur so nebenher als "ein bisschen GWA" betrieben oder "GWA light" als Sommerfest. Und gleichzeitig ist ein Abschieben von zentralen Aufgaben an spezielle GWA-Projekte, ein Abdrängen und Ausgrenzen von Gemeinwesenarbeit auf Projekte in Obdachlosenunterkünften als Task force mit speziellem Auftrag zu beobachten.

Unter dem Label Stadtteilorientierte Soziale Arbeit ist zwar jahrelang versucht worden, mehr Gemeinwesenorientierung in den Regeldiensten der Sozialen Arbeit zu etablieren. Aber was ist inzwischen geschehen? Kam wirklich Bahnbrechendes dabei heraus? Inwieweit konnte das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit im Verbund realisiert werden? Evaluationen fehlen leider immer noch! Und das sind gravierende Unterlassungssünden!

Der Stellenwert von BewohnerInnenarbeit ist trotz des grassierenden Reformfiebers fraglich geworden. Stattdessen sind Koordinations- und Moderationsaufgaben auf der Fachebene forciert worden. Manifestiert sich hier wieder das (administrative?) Interesse an einer eher sozialtechnologischen Gemeinwesenarbeit?

In der Sanierungsplanung wurde die GWA nur phasenweise und punktuell berücksichtigt und eher instrumentalisiert. Von der Stadtentwicklung ist die Gemeinwesenarbeit konsequent übersehen, übergangen und mißachtet worden. Ob das wohl nur daran lag, dass GWAlerInnen die Sprache dieses Ressorts nicht sprechen konnten? Oder ob die Dominanz von Interessensgruppen wie Bauträger und Investoren, der Berufsgruppen der ArchitektInnen und StadtplanerInnen und machtvolle Logik der Abschottung dafür ausschlaggebend waren?

Sogar Monika Alisch und Jens Dangschat kommen in ihrem lesenswerten Buch über "Die Solidarische Stadt - Ursachen von Armut und Strategien für einen sozialen Ausgleich" auf 230 Seiten im Jahr 1993 noch ganz ohne Bezüge zur Gemeinwesenarbeit aus. Und Monika Alisch ließ im letzten GWA-Jahrbuch sogar erkennen, dass sie GWA immer nur sozialarbeiterisch und fürsorgerisch verstanden hatte. Ob das in Hamburg wohl mit der Realität zu tun hatte, oder ob sie da etwas verkannte? - Jedenfalls würden so Fachlichkeit und professionellen Ressourcen verloren, die für gemeinwesenorientierte Praxis wichtig sind. Das wäre das Gegenteil der vielbeschworenen Interdisziplinärität! Neue Programme für eine Soziale Stadt sollen ja jetzt Abhilfe schaffen! Aber entscheidend wird sein: Ob nun auch die Stadtentwicklung die erneute Wiedergeburt einer totgesagten Gemeinwesenarbeit erlebt oder nur deren Inkarnation als geschichtsloses Neutrum Stadtteilmanagement? Als Koordination, Animateur und Verständigungshilfe zwischen den Ressorts? Welchen Rang hat die Interessenorganisation mit BewohnerInnen im Viertel? Das wird zu fragen und zu dokumentieren sein: Wer macht was wie ausgeprägt mit wem? Was passiert eigentlich in Konfliktfällen?

Im Stadtteilmanagement kreuzen sich die Wege verschiedener Professionen und sollen mit BewohnerInnen zusammen arbeiten. Deshalb wird zu fragen sein:
Inwieweit hat das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit in anderen Berufsgruppen ggf. mit anderen Begriffen Resonanz erzeugt? Was verstehen andere und Berufs- und Interessensgruppen davon und was praktizieren sie? In welcher professionellen Qualität betreiben sie z.B. Beteiligung, wie lebensnah, problemgerecht, kontinuierlich und nachhaltig oder nur instrumentell als ein Event? Qualitative Substandards und Mogelpackungen müssen ggf. klar benannt werden!

Was verstehen StadtplanerInnen und ArchitektInnen von interkulturellen Lebenszusammenhängen und Beteiligungsformen? Wie sind sie dafür ausgebildet? Wie sieht die interdisziplinärte Zusammenarbeit in der Stadtentwicklung wirklich aus? Welche Aufgaben nimmt die Soziale Arbeit hier wahr? Welchen Stellenwert hat das Soziale als Querschnittsaufgabe sektorübergreifender Zusammenarbeit?


Perspektiven - "Instandsetzung und Evaluation"

Die Soziale Arbeit wird um ihre Qualitätsstandards, Professionalität und Definitionsmacht gegenüber anderen Berufs- und Interessensgruppen ringen und auf dem Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit insistieren müssen.

Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit ist zeitgemäßer denn je und fachhistorisch fundiert wie kein zweites. Und es enthält noch Visionen und Zielüberhänge! Es ist sperriger als neumodische unhistorische Zauberformeln. Es beinhaltet gesellschaftliche Organisations- und Konflikterfahrung von Menschen und lernenden Organisationen. Wie lernfähig sind die Organisationen und Ressorts?

Wer aus der Geschichte nichts gelernt hat, macht vermeidbare Fehler und etliche Erfahrungen nochmals. Eine Vernetzung im Programm Soziale Stadt ist aktuell sehr wichtig, weil Transparenz und Synergien geschaffen, kritische Diskurse ermöglicht, Funktionalisierungen vermieden, die Ressourcen und Chancen richtig genutzt werden sollten.

Angesichts der Komplexität und Vielfalt von Aufgaben und angesichts von gesellschaftlichen Verwerfungen, Polarisierungen, Spaltungen und institutionellen Verkrustungen steht das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit für eine sehr moderne und lebensnahe Form der Professionalität ohne Bevormundung der Menschen. Aus ihren Wurzeln und Modellen können Selbstbewußtsein und Qualitäten von Beteiligung und Empowerment geschöpft werden. Vielleicht wird das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit doch noch durchsetzungsfähiger.


Literatur:

  • Alinsky, Saul (1984): Anleitung zum Mächtigsein. Bornheim
  • Alisch, Monika / Dangschat, Jens (1993): Die solidarische Stadt. Ursachen von Armut und Strategien für einen sozialen Ausgleich. Darmstadt
  • Alisch, Monika (Hg. (1998): Stadtteilmanagement. Voraussetzungen und Chancen für die soziale Stadt. Opladen
  • Bitzan, Maria / Klöck, Tilo (1993): Wer streitet denn mit Aschenputtel? Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenz als Chance zur Politisierung Sozialer Arbeit. AG SPAK München
  • Bitzan, Maria / Klöck, Tilo (Hg.) (1994): Politikstrategien, Wendungen und Perspektiven. Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 5, AG SPAK München
  • Klöck, Tilo (Hg.) (1998): Solidarische Ökonomie und Empowerment. Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 6. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm
  • Boulet, Jaak, Krauss, Jürgen, Oelschlägel, Dieter (1980): Gemeinwesenarbeit. Eine Grundlegung. Bielefeld
  • Buck, Gerhard ((1982): Gemeinwesenarbeit und kommunale Sozialplanung. Untersuchungen zur sozialpolitischen Funktion und historischen Entwicklung eines Handlungsfeldes der Sozialarbeit. Berlin
  • Diakonisches Werk Saar (Hg.): Von der Not im Wohlstand arm zu sein. Saarbrücken
  • Ebbe, Kirsten / Friese, Peter (1989): Milieuarbeit. Grundlagen präventiver Sozialarbeit im lokalen Gemeinwesen. Stuttgart
  • Elsen, Susanne (1998): Gemeinwesenökonomie. - eine Antwort auf Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung? Neuwied
  • Freire, Paulo (1990): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Hamburg
  • Heiner, Maja (1993): Aufbau und Nutzung politischer Netzwerke in der Gemeinwesenarbeit. In: Bitzan, Maria / Klöck, Tilo (1994)
  • ISSAB- Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (Hg.) (19989): Zwischen Sozialstaat und Selbsthilfe. Stadtteilbezogene Soziale Arbeit als Handlungsansatz. Essen
  • Klöck, Tilo (Hg.) (1999): Solidarische Ökonomie und Empowerment. Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 6, AG SPAK München.
  • Preusser, Norbert (1989): Not macht erfinderisch. Überlebensstrategien der Armenbevölkerung in Deutschland seit 1807. AG SPAK München
  • Riess, Heinz u.a. (Hg.) (1997): Hoffnung Gemeinwesen. Innovative Gemeinwesenarbeit und Problemlösungen in den Bereichen lokaler Ökonomie, Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Benachteiligung. Neuwied
  • Staub-Benasconi, Silvia (1995): Systemtheorie. Soziale Probleme und Soziale Arbeit: Lokal, national, international. Oder: Vom Ende der Bescheidenheit. Bern, Stuttgart, Wien


Der Autor

Prof. Dr. Tilo Klöck, Diplom-Pädagoge, Sozialwissenschaftler, Jg. 1954, lehrt an der Fachhochschule München, Fachbereich Sozialwesen. Er leitet dort den Studienschwerpunkt Interkulturelle Arbeit und ist in den Reformbeirat des Sozialreferats München zur Dezentralisierung der größten Sozialverwaltung Deutschlands berufen worden. Und er evaluiert die Entwicklung und Perspektiven des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit für die Landeshauptstadt München.
Zuvor war er Dozent im Burckhardthaus Gelnhausen und an der Universität Tübingen in der Praxisforschung und als Jugendhilfeplaner. Und er war in der Selbstverwaltungswirtschaft tätig.
Einschlägige Publikationen im AG SPAK-Verlag: Solidarische Ökonomie und Empowerment (1998); Politikstrategien, Wendungen und Perspektiven (1994); Wer streitet denn mit Aschenputtel? Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenz als Chance zur Politisierung der Sozialen Arbeit (1993).