oder: Von der Nachbarschaft als Hausfrau der neoliberalen Umstrukturierung im Quartier*

*) Verwendungshinweis: Der Artikel ist als Debattenbeitrag zu verstehen. Nicht als die Darlegung einer zu Wahrheit geronnenen objektiven Erkenntnis oder der Abwertung der Leistungen vieler KollegInnen im Bereich der sozialen Stadtteilentwicklung.
(Der folgende Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin der Zeitschrift "Standpunkt: Sozial, 1/02" des FB Sozialpädagogik der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg entnommen)


Mein Blick auf das Thema speist sich aus Erfahrungen in der langjährigen Stadtteilarbeit in St.Pauli-Süd und dem Austausch mit vielen KollegInnen aus dem Bereich der Quartiersentwicklung.
St. Pauli ist neben Dulsberg, was das Durchschnittseinkommen (41.645 DM/ 65.579 HH), die Prozentzahl von Erwerbslosen und SozialhilfeempfängerInnen anbelangt der ärmste Stadtteil Hamburgs. Zusätzlich ist der Stadtteil noch durch andere Bedingungen belastet wie hohes Lärm- und Verkehrsaufkommen durch den Tourismus, extrem verdichtete Bebauung (10.361 EinwohnerInnen/qkm, HH 2.258), wenig Grün- und Freiflächen für Spiel und Erholung. Das gilt insbesondere für den Teil St.Paulis, der zur Elbe hin liegt (vgl. Statistisches Landesamt Hamburg, 2002).
St. Pauli-Süd ist weder jemals in das Programm zur Armutsbekämpfung noch in das zur sozialen Stadtteilentwicklung aufgenommen worden, obwohl es sich ganz eindeutig um einen benachteiligten Stadtteil handelt. Trotzdem sind erhebliche städtische Mittel in die soziale Entwicklung des Viertels geflossen: als Ergebnis des Engagements und der Kämpfe einer breit getragenen Basisbewegung im Stadtteil. St. Pauli-Süd war jahrelang der Brennpunkt von Auseinandersetzungen um eine Entwicklung, die nicht nur sozialverträglich ist, sondern die auch Vorstellungen eines besseren Lebens jenseits des Horizonts der Profitlogik und der reduzierten staatlichen Restdemokratie entwarf. Das wirkte ansteckend und hat viele beflügelt.


Selbstorganisation stört etablierte Politik

In St. Pauli haben Menschen Kritik an Wohnungs- Sozial- und Gesundheitspolitik geübt und die Kritik auch gleich praktisch umgesetzt. Von der Besetzung der Hafenstraßenhäuser und der Jägerpassage und ihrer Durchsetzung als genossenschaftliche Wohnprojekte, über den Kampf um den Erhalt des Hafenkrankenhauses, um die Rote Flora als autonomes Stadtteilzentrum, die Durchsetzung eines Stadtteilparks am Elbhang bis zu einem Volksbegehren für mehr Demokratie und soziale Stadtteilentwicklung ist hier viel passiert. Das hat dem sehr konservativen politischen Establishment im Bezirk gar nicht gefallen. Diese Art von selbstorganisiertem BürgerInnenengagement wurde als Bedrohung der eigenen Machtpositionen gesehen. Dabei können sich die Vorschläge und die Folgen dieser Bewegungen auch im Sinne der Ziele sozialer Stadtteilentwicklung sehen lassen: Erhalt preiswerten Wohnraumes, Schaffung von ca. 50 gewerblichen Arbeitsplätzen in der Sanierung der Hafenstrasse, Entwicklung und Realisierung eines modellhaften Gesundheitszentrums, Verbesserung der Umweltbilanz, Erarbeitung eines Konzepts für die sozialverträgliche beteiligungsorientierte Quartiersentwicklung inkl. der Struktur für einen Stadtteilrat.
Die Einwände, dass in Jenfeld oder Dulsberg die Bedingungen ganz anders und solcher Aktivismus nicht vorhanden ist sind berechtigt. Die Quartiersentwicklung im Rahmen des STEP-Programms birgt Chancen für die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Aktivierung und Mitwirkung von Menschen in ausgewählten benachteiligten Stadtteilen. Das will ich nicht in Abrede stellen. Hinterfragen möchte ich aber erstens die Funktion dieses Programmes im Rahmen der aktuellen neoliberalen Umstrukturierungsprozesse und zweitens Aufgabe, Rolle und Methoden von stadtteilbezogener Sozialarbeit/GWA in diesen Prozessen.


Jenseits des stadtteilbezogenen Tunnelblicks

Ich gehe davon aus, dass es selbstverständlich und Zeichen von Professionalität in der Sozialen Arbeit sein sollte, die gesamtgesellschaftlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen des eigenen Handelns zu kennen und zu reflektieren. Der Blick über die engen Grenzen des Stadtteils hinaus ermöglicht eine genauere Einschätzung und Planung von Projekten und Maßnahmen und ihren Konsequenzen. Ansonsten tut und macht man und wundert sich, dass so wenig erreicht wird. Oder dass alles anders kommt. Zum Beispiel, wenn man mit dem ungeheuren Aufwand, dessen es immer bedarf, 15 neue Arbeitsplätze für Langzeit-Erwerblose geschaffen hat und kurz drauf 500 Leute in der Nähe entlassen werden, weil der Betrieb per Rationaliserung die Renditeerwartung steigern will.
Dieser erweiterte Blick müsste sich mit der neoliberalen Ideologie und ihren politischen ProtagonistInnen auseinandersetzen. Besonders meine ich damit die Preisgabe der Vorstellung einer solidarischen Gesellschaft, die verbindlich nach Chancengleicheit bei der Entfaltung ihrer Mitglieder strebt. Ich meine das Primat der ökonomischen Profitlogik in allen gesellschaftlichen Bereichen, die Propaganda der Selbstverantwortung der Bürger für ihr eigenes Wohl und Wehe und den Abbau des Sozialstaates.
Programme im Bereich der Sozialen Stadt müssen in diesem Kontext auch als Ergänzung und Abfederung des turbokapitalistischen Programms eingeordnet werden. Eine sozial völlig gespaltene Stadt bietet auf Dauer kein sicheres und gutes Investitionsklima. Und die Streichung staatlicher Ausgleichsleistungen ist einfacher durchzusetzen, wenn man die Armutsbevölkerung selbst für ihre soziale Lage verantwortlich macht. Etwa in der Art: Selber Schuld - ihr hättet euch eurer Ressourcen und Potentiale eben aktiver bedienen sollen.
Einerseits leiten die erwähnten Programme Ressourcen in städtische Armutsgebiete. Andererseits reichen die paar Euro, die gezahlt werden äußerstenfalls, um Schlimmstes zu verhüten, der Unzufriedenheit die Spitze abzubrechen und zu signalisieren "Wir haben euch nicht vergessen" . Aber sie reichen nicht aus, um die Basis von Wissen und Handlungsfähigkeit bei sozial diskriminierten, schlecht gebildeten und in finanziellen Nöten steckenden Menschen zu entwickeln, um eigene Forderungen durchsetzungsstark zu formulieren. Und sie reichen nicht, um diese Forderungen dann auch zu finanzieren. Die Mittel für die soziale Stadtentwicklung decken den Rückzug des Staates an anderer Stelle und können auch so gelesen werden: Sollen die in den benachteiligten Stadtteilen doch ihre Armut selbst verwalten.

Anders ausgedrückt:

"In der liberal definierten Bürgergesellschaft existieren allein der freie Markt und die freien Kleinassoziationen freier Bürger. Schwierigkeiten werden damit jene bekommen, die sich weder auf dem freien Markt behaupten können noch zur freien Selbstorganisation fähig sind. Man weiß nicht recht, was aus ihnen werden soll. Sie brauchen einen handlungsfähigen Staat, der robust Transfers von oben nach unten erzwingt; sie brauchen kräftige Institutionen, die entschieden ihre Interessen vertreten; sie brauchen kollektiv organisierte Versicherungssysteme, die ihnen verlässlich Schutz bieten." (Franz Walter, FR v. 14.7.01, S.7)


Einmischung? Ja bitte!

Bisher habe ich die Meinung vertreten, dass Quartiersentwicklung so etwas wie die upgedatete Reinkarnation von Gemeinwesenarbeit ist. Häufig habe mich darüber geärgert, dass KollegInnen aus der Stadtplanung oder der Stadtsoziologie das Fachwissen der GWA ignorierten und was Aktivierung, Beteiligung, den Aufbau von Stadtteilläden, Bedarfsanalysen etc. betrifft das Rad neu erfanden. Ich habe erlebt, dass mit der Projekt- bzw. Quartiersentwicklung Träger beauftragt wurden, die gute Drähte in die Politik und Verwaltung hatten und nicht unbedingt danach geguckt wurde, was an Expertise lokal bereits vorhanden war und deshalb als Projektentwickler hätte arbeiten können. Und ich habe mich über die gemeinwesenorientierte Sozialarbeit geärgert, weil sie sich im Bereich der Quartiersentwicklung nicht entschiedener eingemischt und profiliert hat.
Mittlerweile scheint mir das ganze Konzept von der QuartiersentwicklerIn, die sich gleichermaßen auf den Handlungsebenen Sozialraum, Lebenswelt, Fachbasis, Träger, Ressorts, Politik, lokale Ökonomie bewegt sowie intermediär dazwischen, die ständig Projekte anschiebt, die bündelt, integriert und von allen akzeptiert wird eher eine Illusion und eine Überforderung zu sein. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob es überhaupt die Aufgabe von Gemeinwesenarbeit sein sollte, im Rahmen von Programmen wie STEP den Quartiersentwickler zu geben. Ich zweifle stark daran, ob GWA die Rolle als intermediäre Instanz übernehmen sollte.
Vorausschicken möchte ich, dass ich selbstverständlich der Meinung bin, dass Gemeinwesenarbeit sich in die Stadtentwicklung einmischen soll, dass sie an lokalen Partnerschaften mitwirken und dass sie bei bestimmten Konstellationen auch zwischen unterschiedlichen Interessengruppen vermitteln soll. Meine Skepsis gründet sich darauf, dass die sozialen Desintegrationsprozesse sich nicht nur zwischen Arm und Reich verschärfen, sondern auch innerhalb der städtischen Armutsquartiere die Spaltungen zunehmen. Gemeinwesen bieten Chancen zur Integration und Lebensbewältigung, sie können sich aber auch über Ausgrenzung und Abwertungsmechanismen konstituieren.
Gemeinwesenarbeit will die Handlungskompetenz von sozial Schwächeren stärken, will die Menschen zur Formulierung und Durchsetzung ihrer Interessen aktivieren, Teilhabe sichern. Aber " Partizipation kann den Erwerb von Teilhabe bedeuten, die sich gegen Minderheiten richtet, und Ermächtigung (wenn sie die Form der Unterdrückung Schwächerer annimmt) mündet ein in Barbarei!" (Bauer, 2000)


Ausgrenzung - BürgerInnenengagement macht's möglich

Zunehmend gelten nicht Armut und Not als Skandal, sondern die Armen selbst werden, besonders wenn es sich um MigrantInnen, Bettler oder Junkies handelt, als Ärgernis behandelt, dem man mit Polizei und geifernden Bürgerversammlungen zu Leibe rückt. Aktivierung klappt heutzutage immer gut, wenn es gegen Gruppen geht, die zu Sündenböcken für bestimmte Mißstände gemacht werden und die über jahrelanges Medientrommelfeuer und politischen Populismus zu verwerflichen Existenzen stilisiert wurden (Sozialschmarotzer, der dealende böse schwarze Mann...).
Die zur Zeit verbreiteten Beteiligungsmodelle wie Bürgerversammlungen, Runde Tische und Stadtteilkonferenzen sind mehrheitlich ein Forum für Menschen mit einem gewissen Grad an Selbstvertrauen und verbaler Ausdrucksfähigkeit. Häufig sind sie die Bühne des weissen Mannes. Sie sind in der Regel mittelschichtsorientiert und ignorieren die spezifischen Bedürfnisse und Lebenslagen von z.B. Alleinerziehenden oder MigrantInnen.
Wenn Gemeinwesenarbeit nicht Durchsetzungs-Know-Kow für den Kampf gegen Minderheiten liefern will oder zur Festigung des hierarchischen Geschlechterverhältnis beitragen, muss sie Beteiligungsmethoden anwenden, die die geschlechts- und soziokulturell unterschiedlichen Partizipationspraxen und –möglichkeiten berücksichtigen. Und sie muss das Machtgefälle zwischen den Menschen im Stadtteil thematisieren und bearbeiten.
Der Aufstand der deutschen Kleinbürger wie bei den jüngsten Hamburger Wahlen, gerade auch in benachteiligten Stadtteilen, ist in seiner Bedeutung für eine Brutalisierung des sozialen Mit- bzw. Gegeneinanders nicht zu unterschätzen.


Das Realoprinzip: Ende der GWA-Geschichte?

Ich frage mich, ob GWA angesichts dieser Verhältnisse nicht wieder sehr viel parteilicher und politischer sein muss als es die Funktion als Quartiersentwickler und der Rahmen der entsprechenden staatlichen Programme vorsehen. Nur weil die Gemeinwesenarbeit in den 70er Jahren mit ihren zu hohen Erwartungen und überfrachteten Ansprüche an eine linke Stadtteilarbeit zu Recht gescheitert ist, liegt die Perspektive nicht unbedingt in der Art staatstragendem Pragmatismus, wie er heute dominiert.
Das viel beschworene Realitätsprinzip wird gerne dazu benutzt, die Aufgabe der Zielvorstellung einer im Grundsatz anderen, gerechten, geschlechterdemokratischen und humanen Gesellschaft zu tarnen. Genau wie viele AkteurInnen der 68er Generation und ein Großteil des eher technokratisch-managementmäßig ausgerichteten Nachwuchses in der Politik die Akzeptanz des Bestehenden und seine Effektivierung zur ultima ratio verklären, gibt es diese Tendenz natürlich in der Sozialarbeit bzw. der GWA. Es wäre nicht ganz angemessen, Wolfgang Hinte als den Joschka Fischer der GWA-Diskussion zu bezeichnen, denn er hat nicht so viele drastische biografische Wendungen und Verrenkungen zu bieten. Aber er hat entschieden dazu beigetragen, das Realoprinzip in der Debatte zu pushen. Nur weil viele der tonangebenden älteren, überwiegend, Herren heute kleine Brötchen backen (daran ändert auch ein hoher Status nichts) ist das noch nicht das Ende der GWA-Geschichte.
Je stärker der Durchmarsch des ungezügelten Kapitalismus wurde, je mehr neoliberale Ideen an Boden gewannen, desto mehr verabschiedete sich die GWA in die wachsweiche Haltung des Intermediärs und Mitspielers im Konzert der Dialogbereiten am Runden Tisch. Was ich mir aber wünschte, wären im übertragenen Sinne "GlobalisierungsgegnerInnen" im Bereich der stadtteilbezogenen Sozialarbeit. Damit meine ich eine Haltung bei den AkteurInnen, die eine scharfe Kritik des Bestehenden mit dem Aufbau von Gegenmacht und pfiffigen, kreativen Aktionen verbindet.
Wenn GWA sich den Menschenrechten und den sozialen Rechten verpflichtet sieht muss sie heutzutage gegen Ausgrenzung, Rassismus und die Stigmatisierung von Bevölkerungsschichten, die nicht dem Mittelschichtsideal entsprechen, theoretisch fundiert und praktisch kompetent Stellung beziehen. Ich sehe ihre Aufgabe darin, Ressourcen für die zu erschließen, die am wenigsten haben; die zu unterstützen, die am unteren Ende der Hierarchien sind, die es auch innerhalb von benachteiligten Stadtteilen gibt. Und das mittels eines auf Strukturen und der Förderung der gemeinsamen Interessensvertretung arbeitendem Empowerment-Ansatz. Anregungen bietet der Ansatz des Community Organizing (vgl. u.a. Alinsky 1999/ Foco, 1999)
GWA muss politische Rahmenbedingungen thematisieren, sich in die gesamtstädtische sozialpolitische Opposition einklinken und nicht den stadtteilbezogenen Tunnelblick nach dem Motto "small is beautiful" pflegen.
Anderfalls trägt sie dazu bei, dass die Nachbarschaft zur Hausfrau der neoliberalen Umstrukturierung wird: unbezahlt und solidarisch arbeitet sie für das Überleben ihrer Mitglieder, während ringsum die Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben und eine Gesellschaft zerstört werden, die Mitmenschlichkeit, soziale Verantwortung, zweckfreies Spiel und Muße jenseits ökonomischer Logiken zu ihren Werten zählt,.


Zur Autorin:

Sabine Stövesand, Förderprofessur FB Sozialpädagogik der HAW Hamburg, 8 Jahre lang Geschäftsführerin der GWA St.Pauli-Süd, seit 14 Jahren aktive Stadtteilbewohnerin, kennt sowohl die professionelle Rolle als auch die Perspektive der aktiven Bürgerin.


Literatur:

  • Alinsky, Saul, Anleitung zum Mächtigsein, Göttingen 1999
  • Bauer, Rudolph, Strukturelle Veränderungen in der sozialen Arbeit und ihre künftige Rolle in: Pfaffenberger, Hans/ Scherr, Albert/ Sorg, Richard, Von der Wissenschaft des Sozialwesens, Rostock 2000
  • FOCO (Hg.) Forward to the roots..., Bonn (Stiftung Mitarbeit) 1999
  • FOCO, Begleitheft zur Videoteihe "Training in Communitiy Organizing"
  • Walter, Franz, Die Bürgergesellschaft - eine süße Utopie, FR v. 14.7.01
  • FHH Hamburg, Statistisches Landesamt, www.hamburg.de